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„Lächerliche Sprachgebilde“: Wie ein Statistikprofessor gegen die Gendersprache von ARD und ZDF kämpft

  • Immer öfter wird in Fernseh- und Radiobeiträgen der gesprochene Gendergap verwendet.
  • Dem Verein für Deutsche Sprache geht das gegen den Strich.
  • Der Vorsitzende hat den Rundfunkräten der öffentlich-rechtlichen Sender einen Beschwerdebrief geschrieben – und Antworten bekommen.
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Dortmund. Wer in letzter Zeit die Programme von ARD und ZDF verfolgt hat, dem dürfte eines aufgefallen sein: Immer häufiger verwenden Moderatorinnen und Moderatoren in ihren Beiträgen den gesprochenen Gendergap. Gemeint ist damit die Lücke, etwa in Wörtern wie “Ärzt*innen” oder “Journalist*innen”, die alle Geschlechter mit einbeziehen soll.

Anne Will gendert in ihrer Sendung schon lange, Claus Kleber versucht es zumindest gelegentlich. Inzwischen ist die Genderlücke aber auch in vielen Beiträgen zu hören, etwa in diesem Beitrag des Politikmagazins "Frontal 21″. Beim Jugendangebot ‘funk’ wird in fast allen Sendungen durchgehend gegendert.

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Einer, dem all das völlig gegen den Strich geht, ist Walter Krämer. Der Professor für Statistik an der TU Dortmund ist Vorsitzender des Vereins Deutsche Sprache. Der 1997 gegründete Verein setzt sich mit seinen 36.000 Mitgliedern für die Wahrung der deutschen Sprache ein. Dazu ging Krämer in den vergangenen Jahren vor allem gegen das sogenannte Denglisch vor, rügt Personen oder Institution, “die durch besondere sprachliche Fehlleistungen aufgefallen” sind, und vergibt den Preis für die “Schlagzeile des Jahres”.

Und auch gegen gendergerechte Sprache protestiert der Verein. Krämer bezeichnet Begriffe wie etwa “die Radfahrenden” auf seiner Website als “lächerliche Sprachgebilde” und ruft dort zum Widerstand dagegen auf. Im Herbst 2019 ließ Krämers Verein an mehreren Unis Flugblätter verteilen, um Studierende zu finden, die gegen gendergerechte Sprache an ihrer Uni vor Gericht klagen. Nun trifft sein Protest die öffentlich-rechtlichen Sender.

Beschwerdebrief an Rundfunkräte

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Krämer hat nach eigenen Angaben rund 500 Mitgliedern in den Rundfunkräten einen Beschwerdebrief geschrieben. Darin bittet er darum, das “Problem auf die nächste Tagesordnung des Rundfunkrates setzen zu lassen." Denn: “Erstens verstößt diese Praxis gegen elementare Regeln der deutschen Grammatik, zweitens sollte es dem Sender nicht gleichgültig sein, wenn in einigen seiner Sendungen der männliche Teil ausgeschlossen wird”, heißt es in dem Schreiben. Da die Beitragszahler des entsprechenden Senders etwa zur Hälfte männlich seien, solle die “diskriminierende Praxis umgehend unterlassen werden”.

Krämer stört es, dass der sogenannte “Knacklaut” in Wörtern wie “Ärzt*in” “oft unhörbar” sei oder gar “gänzlich vermieden” werde. Damit werde “ausschließlich die gemäß aller deutschen Grammatiken und Wortbildungslehren unstrittig feminine Form hörbar, womit die jeweilige Personenbezeichnung männliche Mitglieder explizit ausschließt”, heißt es in dem Schreiben. “Ein Verzicht auf die feminine Endung würde das Problem lösen, denn maskuline Personenbezeichnungen sind grundsätzlich generisch, wie wissenschaftliche Grammatiken des Deutschen dies klar formulieren”, schreibt Krämer weiter. Das Portal Übermedien.de hat das Schreiben an die Rundfunkräte im Wortlaut veröffentlicht.

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Gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) erklärt Krämer, welche Sendungen der Öffentlich-Rechtlichen ihn am meisten stören. “Das Deutschlandradio gendert mehr oder weniger durchgängig”, sagt er auf Anfrage. “Claus Kleber versucht es, schafft es aber nur uneinheitlich, weil er vermutlich selbst merkt, dass sich das schief anhört. Dito Anne Will.”

Diese Art zu sprechen hält Krämer derweil für ein “Missverständnis”: “Es ist in keiner Sprache vorgesehen, ich wiederhole: in keiner, dass bei jeder Personenbezeichnung alle Geschlechter, sexuellen, religiösen oder sonstigen Orientierungen genannt werden. Wer das versucht, verletzt die Grundprinzipien unserer Sprache und wird scheitern.” Für die unspezifischen Personenbezeichnungen habe man schließlich das generische Maskulinum und das generische Femininum.

“Verein kann Sprachwandel nicht aufhalten”

Beim Projekt “Genderleicht” hält man Krämers Argumentation für wenig überzeugend. Die Initiative des Journalistinnenbundes setzt sich für eine geschlechtergerechte Sprache in deutschen Medien ein. Krämers Beschwerde beim Rundfunkrat bezeichnet Projektleiterin Christine Olderdissen auf RND-Anfrage als “Aktionismus mit breiter Öffentlichkeitswirkung und falschem Adressaten”. Rundfunkräte könnten schließlich nicht über Sprachverwendung in den Beträgen der Sender befinden.

“Der Verein für Deutsche Sprache kann den Sprachwandel nicht aufhalten”, sagt Olderdissen. “Er kommt aus der Mitte der Gesellschaft und wird insbesondere von jungen Menschen vorangetrieben. Wir im Journalismus gehören zu denen, die sich der Schönheit der Sprache verpflichtet fühlen und die Regeln der Rechtschreibung einhalten. Diese sind jedoch dehnbar und passen sich dem Sprachwandel an.”

In den Redaktionen bemerkt der Journalistinnenbund vor allem durch jüngere Kolleginnen und Kollegen Veränderungen. “Es ist der journalistische Nachwuchs, der geschlechtergerechte Sprache im Praktikum und Volontariat und als junge Redakteurinnen und Redakteure in die Medienhäuser trägt”, so Olderdissen. “Die Impulse kommen von Frauen und Männern und auch von Personen, die sich als genderqueer oder trans verstehen.”

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Anne Will als Vorbild

Lange Zeit sei es Standard gewesen, Beidnennungen aus journalistischen Texten zu streichen. “Hier gibt es ein deutliches Umdenken”, bemerkt die Projektleiterin. “Heute fliegen unnütze Füllwörter zugunsten der Nennung von Männern und Frauen aus den Texten raus.” Viele Sender setzten Arbeitsgruppen ein, um eine geschlechtergerechte Ansprache in Beiträgen zu ermöglichen. Dabei stelle man häufig fest: “Gendern kann so einfach sein, und wer mit Sprache umgehen kann, findet immer kreative Lösungen.”

Besonders gut löst das laut Oderdissen die Journalistin Anne Will. “Anne Will gendert nonchalant mit Gendergap, auch die Einspieler in ihrer Talksendung sind geschlechtergerecht getextet, oft mit Beidnennung oder unauffällig genderneutral. ZDF-“Aspekte”-Moderator Jo Schück spricht den Gap. Claus Kleber macht sich ab und an den Spaß, ihn zu benutzen, er betont den Gap dann aber etwas zu stark, er will wohl, dass wir ihn alle wahrnehmen”, beobachtet Olderdissen.

Andere Moderatoren nutzten stattdessen die Beidnennung, etwa Jörg Pilawa in seinen Quizsendungen oder Markus Lanz in seiner Talkshow. Sogar in Nachrichtenbeiträgen von ZDF-“heute” und ARD-“Tagesschau” seien Beidnennungen ab und an zu hören, Tendenz steigend. "Auch ‘Tatort’-Teams haben wir schon frotzeln gehört: ‘Wer könnte der Täter sein?’ ‘Oder die Täterin!’”

Genderlücke braucht Übung

Krämers Kritik, dass mit der Gendersprache nun Männer ausgeschlossen werden könnten, kann Olderdissen zumindest in Teilen nachvollziehen. “Mit weniger Übung wird die Lücke manchmal zu stark betont oder zu wenig, sodass es versehentlich wie eine weibliche Bezeichnung klingt. Männer sind immer sehr empört, wenn sie weiblich bezeichnet werden. Umgekehrt kennen Frauen es nicht anders, dass die männliche Bezeichnung für sie gelten soll. Mit der inzwischen breit geführten Diskussion um gendergerechte Sprache steigt der Zweifel am Informationsgehalt eines männlichen Begriffs: Sind damit wirklich nur Männer gemeint?”

Aber was sagen die Sender selbst zur Diskussion? Eine RND-Umfrage hatte bereits im Juni ergeben, dass nahezu alle Anstalten ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern das Gendern empfehlen – jedoch in der Praxis ganz unterschiedlich umsetzen. Zur Beschwerde des Vereins Deutsche Sprache hat nun der Intendant des ZDF, Thomas Bellut, Stellung genommen. In seinem Schreiben, aus dem Übermedien.de zitiert, heißt es, für die “Kommunikation in journalistischen Beiträgen, vor allem bei der gesprochenen Sprache, gebe es keine Vorgaben der Geschäftsleitung.” Den Redaktionen des Hauses würde jedoch empfohlen, zu diskutieren, wie “eine Ansprache aller Zuschauer*innen gelingen könne, und die Ansprache dabei mit Blick auf die jeweilige Zielgruppe zu wählen”.

Die Position des WDR hingegen ist eine deutlich andere: Andreas Meyer-Lauber, der Vorsitzende des Rundfunkrates, schrieb demnach an Krämer, dass nach den Vorgaben von Programmdirektorin Valerie Weber “der sogenannte Gendergap in Sendungen des WDR möglichst nicht verwendet werden sollte, da dadurch häufig nur die weibliche Form der Personenbezeichnung wahrgenommen werde. Allerdings wolle der WDR prüfen, ob dies auch für Sendungen, die sich explizit an die jüngere Zielgruppe richteten, gelten solle.” Die Rundfunkräte anderer Sender haben sich noch nicht geäußert oder wollen das Thema in einer kommenden Sitzung besprechen.

Wollen die Jungen wirklich gendern?

Auch im Schreiben von Thomas Bellut ist von der oft betonten jungen Zielgruppe die Rede. “Den Mitarbeitenden von ‘funk’ (...) ist der Gebrauch der ‘gesprochenen Pause’ von Beginn ihrer Geschäftstätigkeit an zur selbstverständlichen Gewohnheit geworden. ‘funk’ richtet sich an Personen im Alter von 14 bis 29 Jahren. Für dieses jüngere Publikum ist das Gendern in diesem umfassenden Sinn bereits Alltag”, schreibt er.

Ein Argument, das Walter Krämer nicht gelten lassen will. “Es gibt sprachwissenschaftliche Studien, die zu ganz anderen Ergebnissen kommen, nämlich dass jüngere Personen das generische Maskulinum als unspezifische Form weniger ablehnen, weil sie den gesellschaftlichen Stand der Gleichberechtigung gelassener sehen”, sagt er. “Ich kenne viele, vor allem auch weibliche Studenten, für die ist das Gendersternchen eine Beleidigung.”

Gegen einen Wandel der Sprache habe er derweil überhaupt nichts – auch, wenn ihm und seinem Verein das häufig vorgeworfen werde. “Aber die deutsche Sprache wandelt sich eben schon lange nicht mehr frei und unbeeinflusst. Es gibt Teile unserer Sprachgemeinschaft, die viel größeren Einfluss ausüben, namentlich Journalisten, Werbeleute, Politiker, die ‘Duden’-Redaktion und so weiter. Und wenn diese Gruppen es mit ihrem Einfluss zu weit treiben, widersprechen wir vom Verein Deutsche Sprache. Sonst macht das in diesem Land anscheinend keiner mehr. Die Gendersprache ist das beste Beispiel dafür, wie eine kleine Gruppe von Sprachpolizisten die Sprachentwicklung mit radikalen Mitteln selbst in die Hand nimmt. Das darf nicht sein.”

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