Die lange Nacht der langen Gesichter: Ein Protokoll der Wahlnacht im Livefernsehen

  • Neun Stunden Wahl-TV im Selbstversuch – das geht nur mit viel Sitzfleisch, Kaffee und Ausdauer. Imre Grimm hat das Experiment gewagt.
  • Aber warum drückt Jörg Schönenborn immer auf Texas? Wo liegt Wisconsin? Und wann explodiert CNN?
  • Hier ist das Protokoll einer Wahlnacht ohne Gewinner.
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Amerika, du hast es besser. Jedenfalls, was die Dramaturgie deiner Wahlen angeht. In Deutschland beginnen Wahlnächte um Punkt 18 Uhr mit einem Gongschlag. Und dann kommt Rainer Brüderle, und die Sache ist im Prinzip gelaufen. Die Luft ist raus. Der Rest besteht aus Variationen des Themas „Jetzt werden wir das Ergebnis in Ruhe analysieren“. In den USA dagegen: langsamer Spannungsaufbau, wachsende Balken, großes Getöse, die Spannung steigt nach allen Regeln des Entertainments – bis ein Sieger feststeht. Es sei denn, nun ja, irgendetwas geht schief.

Wie sah die Wahlnacht im Fernsehen aus? Gab es trotz allem Gewinner? Hier ist das Protokoll eines Selbstversuchs auf dem Sofa.

21.45 Uhr: Dienstantritt als Augenzeuge. Die Ausgangsgefühlslage entspricht haargenau der von US-Late-Night-Talker Jimmy Kimmel: „Ich fühle mich wie irgendwo zwischen Weihnachten und dem Abend vor einer Lebertransplantation.“ Bei RTL tritt Promi-Expertin Frauke Ludowig als Trump-Expertin in Erscheinung. Wie „Donnelt Trammp“ mit Frauen umgehe, sei aber mal wirklich „unterste Rille“, zürnt sie. Die Klatschmamsell Ludowig als Politfachfrau – das ist, als würde ein Immobilienhändler US-Präsident.

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21.50 Uhr: Beim ARD-Schwestersender One läuft „Dr Who – Die Invasion der Zygonen“. Zygonen sind Außerirdische, die ihre Gestalt beliebig verändern können. Das könnte erklären, warum Außenminister Heiko Maas an diesem Abend den Eindruck erweckt, er sitze in drei Sendern gleichzeitig.

Auftakt für die lange Nacht der langen Gesichter: Ingo Zamperoni mit Studiogast in den ARD-„Tagesthemen“.

22 Uhr: CNN steigt offiziell in die „Election Night“ ein. Und sieht mit seinem blau-weiß-roten Grafikgewitter schon jetzt aus wie ein Tommy-Hilfiger-Teleshop. John King streichelt in Vorfreude seine „Magic Wall“. So hießen Touchscreens in den Nullerjahren.

22.02 Uhr: Bild-TV hat das Oval Office nachgebaut. Man unterbricht kurz das kollektive Anschreien und schaltet zu „Zeit“-Autor Josef Joffe. Der möchte aber bitte nicht gestört werden: „Ich schreibe an meinem Leitartikel“. Ein goldener Fernsehmoment.

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22.07 Uhr: Daniela Will meldet sich auf dem Sender Welt aus New York: „Es gab immer wieder Zusammenpralle zwischen Demonstranten und Polizisten.“ Was es außerdem vielfach gibt an diesem Abend: „Zusammenpralle“ zwischen Sinn und Unsinn.

22.20 Uhr: Das ZDF parodiert sich sicherheitshalber schon mal selbst mit einer satirischen Wahlausgabe der „Anstalt“. Leider bleibt der Versuch bedrückend nah am Original („Haben Sie noch aktuelle Zahlen?“ – „Nein.“). ARD-Korrespondent Jan Philipp Burgard meldet sich von einem Parkplatz in Delaware: „Vielen Demokraten steckt noch der Scheck … äh, der Schreck von 2016 in den Knochen.“

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Zu viele Gäste, die in endlosen Sofatalks Naheliegendes sprechen: ZDF-Moderatorin Bettina Schausten (2. v. l.) mit Gästen im ZDF-Wahlstudio. © Quelle: Imre Grimm

22.56 Uhr: ARD-Zahlenfuchs Jörg Schönenborn steigt in den Abend ein – mit dem Satz: „Es gibt Staaten, in denen es überhaupt nicht spannend ist.“ Guten Abend! So kann man schon mal reinkommen als Professor Hastig der Politanalyse. Sein Problem: Er wirkt zu jeder Tageszeit, als sei es bereits 5 Uhr morgens. Sleepy Jörg wagt eine Prognose: „Der Gewinner wird ein älterer weißer Herr über siebzig sein.“ Die ARD schaltet zu ungefähr 38 Korrespondenten in aller Welt. Weil sie es kann. Moderator Andreas Cichowicz verzieht vor Aufregung keine Miene.

23.30 Uhr: CNN sendet „30 Sekunden Ruhe“. Leises Meeresrauschen zur Gemüterkühlung. Der beste Moment des Abends. Bei Twitter herrscht Ausnahmezustand: Donald Trump hat seit 15 Stunden nichts getwittert. Lebt er?

23.34 Uhr: In der ARD sprechen Politwissenschaftler über „Census“, „Systemreform“, „Zusatzartikel“, „Transaktionalität“, „Judikative“ und „Status quo ante“ – viel politisches Proseminar für diese Uhrzeit. Dafür hat Studiogast Heiko Maas seine Brille abgenommen. Der Mann will noch mal was werden. Möglicherweise ist er doch kein Zygon.

23.50 Uhr: Bild-TV am Limit. Julian Reichelt fragt SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil: „Würde Olaf Scholz Donald Trump schlagen?“

0 Uhr: Das „Nachtjournal“ beginnt bei RTL. Moderatorin Ilka Eßmüller trägt einen roten Blazer zu blauem Oberteil. Auch sehr pfiffig. Ausnahmezustand bei N-TV: Es läuft etwas anderes als eine Hitler-Doku.

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Der Herr der Countys: CNN-Zahlenmann John King mit seiner „Magic Wall“ – ein junger Klassiker der US-Wahlberichterstattung.

0.22 Uhr: Der MDR kündigt für morgen früh Radiointerviews mit Gregor Gysi, Jürgen Trittin und Sigmar Gabriel an. Sieht so aus, als seien Hans-Dietrich Genscher, Johannes Rau und Ludwig Erhardt verhindert.

0.30 Uhr: CNN hat jetzt den Soundtrack von „Gladiator“ eingelegt und lässt es krachen: Die Grafiken fliegen Wolf Blitzer um die Ohren wie Aerosole auf einer Après-Ski-Party. Anderson Cooper feixt: „Ich hab noch ein paar graue Haare aus der Wahlnacht 2016.“ Es werden an diesem Abend nicht weniger werden.

0.40 Uhr: Künstlerpech für ARD-Korrespondentin Christiane Meier in Philadelphia: „Es war heute sehr ruhig hier“, sagt sie. Da knattert ein Motorradkorso vorbei. Ihre Analyse: „Jetzt ist es nicht mehr ganz so ruhig.“

1.10 Uhr: Heiko Maas versucht im ZDF, „Wahlmänner“ sprachlich zu gendern – ein unmögliches Unterfangen. Also improvisiert er spontan und sagt: „Wahlmänner und … Wahlmänner“. Ohne Brille strahlt er fast dieselbe herbeigewuschelte Bettschlunzigkeit aus wie Robert Habeck.

Diesmal nicht auf Kneipentour: ZDF-Moderator Claus Kleber.
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1.30 Uhr: Ilka Eßmüller wartet bei RTL immer noch auf Unruhen. „Bisher ist es ruhig geblieben, womit muss man noch rechnen?“ Norbert Röttgen sagt im ZDF sechsmal in 20 Sekunden das Wort „Dynamik“. Aber es nützt nichts. Er bleibt Norbert Röttgen.

1.45 Uhr: Jan Philipp Burgard meldet sich erneut vom Parkplatz in Delaware. „Hier ist ungefähr so viel los wie in Lüdenscheid.“ Dafür berichten ein Unternehmer für Anlagenbau und eine germano-amerikanische Unternehmerin im ZDF, dass es spannend bleibt. Clever.

2.40 Uhr: Wasserrohrbruch in Georgia. Die Auszählung verzögert sich um vier Stunden. In der ARD betet Schönenborn Prozentverschiebungen im Nachkommabereich herunter wie Bemuskelung und Wollqualität bei einer Heidschnuckenauktion in Müden an der Örtze. „Warum steht da jetzt Texas?“, fragt er mit schweren Lidern. Die Lösung: Er ist mit dem Ärmel gegen den Touchscreen gekommen. Sein Ärmel und der Bundesstaat Texas werden noch Freunde im Verlauf der Nacht.

Rot und Blau: RTL-Moderator Peter Kloeppel und N-TV-Kollegin Gesa Eberl im RTL-Wahlstudio.

3 Uhr: RTL ist zurück im Livemodus. Peter Kloeppel trägt einen blau-weiß-roten Schlips. Genau wie Christian Sievers im ZDF. Pfiffig. Kollegin Gesa Eberl von N-TV analysiert: „Bei einer solchen Wahl kommt es auf die Bevölkerung an.“ RTL-Reporterin Janina Beck meldet aus Pennsylvania, es gebe dort eine vier Meter hohe Trump-Statue. Es bleibe spannend.

4.20 Uhr: Das sogenannte Vollprogramm Sat.1 steigt erstmals in die Wahlnacht ein. Ein lustig gemeinter Reporter fragt einen Radfahrer in Sachsen: „Aber Biden ist ein ganz schön alter Typ, oder?“ Man hat US-Fähnchen aufgestellt, dazu einen Obstkorb.

Wir haben da mal was vorbereitet: Das Sat.1-Frühstücksfernsehen war der Tiefpunkt der Wahlberichterstattung.

5 Uhr: Andreas Cichowicz ist am Limit. Nach müde kommt albern: „Da vorn ist ein großer, großer Kasten", kichert er. „Und aus dem zaubert Jörg Schönenborn immer die neuesten Zahlen.“ Schönenborn eskaliert. Seine linke Augenbraue hebt sich um bis zu zwei Millimeter. Eine Politologin in der ARD hat sich leergeredet. Sie wird später behutsam der Gesprächsrunde entnommen.

5.11 Uhr: Das Gehirn fühlt sich an, als werde es langsam durch ein Sieb gepresst. Im ZDF erscheint Beatrix von Storch. Das ist mit Livefernseh-Brummschädel auch keine Hilfe. So viel toxische Energie ist schon in ausgeschlafenem Zustand schwer auszuhalten. Sie hofft, dass Trump gewinnt. Ins Bett gehen ist eine echte Option. Spontane Erinnerung an Jimmy Fallon: „Die einzigen Orte, die heute noch voller sind als die Wahllokale, sind die Schnapsläden.“

6.42 Uhr: Joe Biden spricht live. Nur nicht im ZDF. Dort spricht Bettina Schausten noch ein wenig mit Wirtschaftsminister Peter Altmaier. Schönenborns Ärmel klickt mal wieder auf Texas. Die erfrischend ahnungslosen Sat.1-Frühstücksmoderatoren Marlene Lufen und Christian Wackert schalten zu „Topmodel“-Juror Thomas Hayo. Schließlich wohnt der in Amerika. Dann ist “"The Masked Singer" aber wieder wichtiger als die Wahl.

7.14 Uhr: John King zoomt bei CNN tief in die US-Countys. Die Server qualmen. Kein Zweifel: Bei der nächsten Wahl wird CNN die Ergebnisse einzelner Bauernhöfe vermelden können. Im ZDF rechnet Norbert Röttgen vor, was weitere vier Jahre Trump rein mathematisch bedeuten würden: „Vier plus vier ist nicht einfach acht“, sagt er und hebt damit die Welt der Zahlen aus den Angeln. So langsam dämmert nicht nur der Tag heran, sondern auch die Erkenntnis, dass die kollektive Vorfreude auf einen Biden-Erdrutschsieg erschreckend voreilig war.

Diesmal keine Drachenhöhle: Moderator Andreas Cichowicz im ARD-Wahlstudio.

Und die Bilanz dieser Nacht? Die Sonne geht auf. Die Demokratie geht unter. Donald Trump erklärt sich vorzeitig zum Wahlsieger. Die „Nacht der Entscheidung“ bleibt ohne Entscheidung. Im blassblauen ARD-Wahlstudio (das 2016 noch aussah wie eine Drachenhöhle in Disneyland) ist die verzwickte Balance zwischen Emotion und Fakten nicht gelungen. Respekt vor der Leistung, eine solche Hängepartie-Langstrecke zuzutexten, aber zum Wachbleiben braucht es mehr originelle Elemente. Stattdessen: Viel zu viel theoretischer Überbau und Politwissenschaftlersprache. Moderator Cichowicz tat sein Möglichstes und blieb fröhlich, das half beim Wachbleiben. Aber so ehrlich muss man sein: Schönenborn scheint nicht unersetzbar als Herr der Zahlen (keine Option auf Dauer: sein Ärmel).

Im ZDF wirkte Bettina Schausten überraschend lustlos und in Details unterinformiert. Die ZDF-Sendung verließ sich ganz auf Studioexperten und endlose Talks. Aber es ist zu wenig, einfach jede Menge unbekannte Gäste sehr lange auf einem weißen Sofa Naheliegendes sprechen zu lassen. Das hatte den Charme eines 25-jährigen Dienstjubiläums eines ungeliebten Sachbearbeiterkollegen. CNN lieferte solides, seriös verkauftes Politfernsehen für Zahlenfreaks und Grafiknerds. Was im deutschen Wahlfernsehen helfen würde: weniger Talk, weniger politisches Proseminar, mehr nerdhafte Freude an der Zahlenanalyse. Was noch viel mehr geholfen hätte: ein Ergebnis. Aber man kann nicht alles haben.

“Staat, Sex, Amen”
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