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Umstrittenes Nachrichtenangebot: Das müssen Sie zum Start von Facebook News wissen

  • Mit dem Start von Facebook News präsentiert das weltgrößte soziale Netzwerk ab sofort ausgewählte journalistische Inhalte aus Deutschland.
  • Dafür hat Facebook Verträge mit mehreren Verlagen geschlossen. Brancheninsider üben Kritik.
  • Denn betreut wird das Facebook-Angebot von Springers Tochterfirma Upday. Gefährdet das die Unabhängigkeit? Zehn Fragen und Antworten.
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Was ist Facebook News?

Facebook News ist ein neuer, gesonderter Bereich in der App und auf der Website des Onlinegiganten, in dem eine Auswahl von aktuellen Nachrichten deutscher Medien präsentiert wird. Facebook News war im Oktober 2019 in den USA eingeführt worden. Anfang 2021 startete der Dienst auch in Großbritannien. Deutschland ist nun das dritte Land weltweit. „Mit Facebook News wollen wir den Menschen auf unserer Plattform mehr Qualitätsjournalismus zur Verfügung stellen“, sagte Facebook-Manager Jesper Doub.

Woher kommen die Inhalte?

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Für das neue Angebot Facebook News kooperiert der US-Riese derzeit mit 35 deutschen Verlagen mit insgesamt mehr als 100 Medienmarken. Die beteiligten Medienhäuser werden von Facebook direkt dafür bezahlt, dass sie Inhalte zur Verfügung stellen. Sie müssen aber nicht eigens für Facebook produziert worden sein. Mit im Boot ist neben der „Zeit“, dem „Spiegel“, dem „Tagesspiegel“, der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ und der Südwestdeutschen Medienholding („Süddeutsche Zeitung“, „Stuttgarter Nachrichten“ und „Stuttgarter Zeitung“) neuerdings auch der Medienkonzern Axel Springer („Welt“, „Bild“).

Was erwartet die User?

Mithilfe von Algorithmen soll Facebook News auch personalisierte Inhalte anbieten. Diese Auswahl basiert auf den Nachrichten, die Nutzer lesen, teilen und abonnieren, teilte Facebook mit. Weiterhin bietet das Netzwerk in Facebook News traditionelle Rubriken (Wirtschaft, Unterhaltung, Gesundheit, Wissenschaft & Technik sowie Sport). Das Angebot bietet auch sogenannte Kollektionen. Dahinter verbergen sich spezielle Themenbereiche, die je nach Lage erstellt werden. Aktuell gibt es dort etwa eine Covid-19-Kollektion.

„Bei Facebook macht nur Springer den Reibach“: Das neue Nachrichtenangebot Facebook News ist in der deutschen Medienbranche umstritten. © Quelle: Uli Deck/dpa
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Was ist der Hintergrund?

Die großen sozialen Netzwerke, allen voran Google und Facebook, streiten seit Jahren mit deutschen Verlagen über die Verwertungsrechte für journalistische Inhalte. Viele Verlage werfen den US-Konzernen vor, mit fremden Inhalten Werbeerlöse in Milliardenhöhe zu generieren, während die Medienhäuser, die diese journalistischen Inhalte finanziert haben, leer ausgehen. Das sogenannte Leistungsschutzrecht sollte den Verlagen einen Anteil an diesen Einnahmen sichern und die Verwertung im Detail regeln. Im September 2019 erklärte der Europäische Gerichtshof den deutschen Entwurf für ein solches Gesetz jedoch für unanwendbar. Parallel allerdings ist die Bundesregierung dabei, eine EU-weite Urheberrechtsreform bis Juni 2021 in deutsches Recht zu gießen. Darin soll auch ein neuer Entwurf für ein Presseleistungsschutzrecht enthalten sein. Facebook und Google haben zuletzt viel Geld für die „Förderung“ internationaler Journalismusprojekte ausgegeben.

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Warum investieren die sozialen Netzwerke in Journalismusprojekte?

Allein Facebook kooperierte im Rahmen seines „Facebook Journalism Projects“ bisher mit mehr als 2600 Verlagen weltweit. „Seit 2018 haben wir 600 Millionen US-Dollar in die Nachrichtenbranche investiert, und wir planen weitere Investitionen von mindestens einer Milliarde US-Dollar im Laufe der nächsten drei Jahre“, teilte Facebook Anfang der Woche mit. Kritiker sehen darin auch Beschwichtigungsversuche, um die Wogen im Streit um die Fremdverwertung von Verlagsinhalten zu glätten. In Australien ist genau dieser Konflikt jüngst eskaliert: Die australische Regierung hatte im Februar mit einem Gesetz namens „Media News Barging Code“ erwirkt, dass US-Konzerne wie Facebook und Google den Medienhäusern des Landes Nutzungsgebühren für die Verbreitung von deren journalistischen Inhalten zahlen müssen. Google hatte zunächst mit der Einstellung seiner Suchmaschine auf dem Kontinent gedroht, dann aber eingelenkt und sich mit mehreren Medienunternehmen auf Zahlungen geeinigt. Facebook dagegen hatte journalistische Inhalte auf seiner Plattform für australische Nutzer tagelang gesperrt – darunter auch offizielle Behördeninformationen zur Corona-Pandemie und zu Notfalldiensten. Inzwischen hat man sich auf direkte Zahlungen geeinigt.

„Ein strategischer Meilenstein“: Springer-Chef Mathias Döpfner hat sich lange gewehrt, mit Facebook zu kooperieren – nun kuratiert die Springer-Tochterfirma Upday sogar die Facebook-News-Inhalte.

Welche Rolle spielt der Medienkonzern Axel Springer bei Facebook News?

Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner hatte in seiner Funktion als Präsident des Bundesverbandes Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV) selbst lange davor gewarnt, mit Facebook und anderen Digitalplattformen zu kooperieren, da es sich um Versuche handle, das Presseleistungsschutzrecht zu unterwandern. Am Montag jedoch kündigte Springer an, mit seinen Marken „Bild“, „Welt“, „Business Insider“ und „Computer Bild“ selbst Teil von Facebook News zu werden. Mehr noch: Zuständig für Auswahl und Gestaltung der Facebook-News-Inhalte wird als externer Dienstleister das Springer-Tochterunternehmen Upday – im Auftrag von Facebook.

Was sagen Brancheninsider?

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„Upday-Redakteure haben beim Kuratieren von Facebook News also die Wahl zwischen Inhalten des eigenen Konzerns oder denen anderer Häuser“, kritisiert die Medienjournalistin Ulrike Simon im Fachblatt „Horizont“. Das wecke „Furcht“, das Upday-Team könnte hauseigene Inhalte bevorzugen. „Nicht wenige BDZV-Mitgliedsverlage fühlen sich hintergangen von dem Mann, der sie als Präsident ihres Verbands vertritt“, schreibt Simon mit Blick auf Döpfner. „Bei Facebook macht nur Springer den Reibach und hat auch noch Einfluss darauf, was bei Facebook News prominent oben steht? Die Skepsis, ob es da immer mit rechten Dingen zugehen wird, ist zumindest verständlich.“ Die Nachricht habe „das Zeug, eine Branche, die sich oft uneins ist, weiter zu entzweien“. Denn nun schauten „jene Häuser in die Röhre, die Mark Zuckerbergs Verlockungen widerstanden“. Bei diesem Modell hätten „alle das Nachsehen, einzige Ausnahme: Axel Springer, der Verlag, den BDZV-Präsident Mathias Döpfner führt“.

Was verdient Springer an dem Facebook-Deal?

Durch seine umfangreichen Kooperationen mit Facebook habe Springer nun Aussicht auf einen dreistelligen Millionenbetrag in den kommenden drei Jahren, schreibt „Horizont“. Die Zahl sei jedoch unbestätigt. Der Konzern werde aber voraussichtlich sogar mehrfach profitieren: einmal vom Upday-Deal direkt und zusätzlich, sobald das neue Presseleistungsschutzrecht in Kraft trete. Denn auf eine ZDF-Anfrage, was mit Springers Ansprüchen aus dem Leistungsschutzrecht gegenüber Facebook passieren werde, erklärte ein Unternehmenssprecher dem Sender: „Wenn das Gesetz in Deutschland in Kraft getreten ist, wird Axel Springer die betreffenden Wahrnehmungsrechte an die Verwertungsgesellschaft Corint Media übertragen.“ Corint Media ist eine Art Gema für Medienunternehmen – Axel Springer gehört zu ihren Gesellschaftern. Das bedeutet, dass auch Springer von Erlösen aus dem Leistungsschutzrecht profitieren dürfte.

Was sagt Facebook?

Facebook versichert, die Upday-Redaktion werde bei der Auswahl für Facebook News keine hauseigenen Inhalte bevorzugen, und verweist auf zusätzliche Einnahmen für die beteiligten Medienhäuser: „Wir wollen den Verlagen mehr Monetarisierungsmöglichkeiten bieten“, beteuert Facebook-Manager Doub. Davon freilich profitieren – anders als von einem Leistungsschutzgesetz – nur Verlage, die sich dem Facebook-News-Projekt angeschlossen haben. Umstritten ist auch, dass bei Facebook News Inhalte frei lesbar sein werden, die auf den Webseiten der Verlage selbst hinter einer Paywall stehen.

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Was sagt Springer?

Lange fehlte der Medienkonzern Axel Springer auf der Liste der deutschen Facebook-News-Kooperationspartner. Wie kam es zum plötzlichen Stimmungsumschwung? „Wir haben uns nie grundsätzlich gegen Kooperationen gesträubt und arbeiten in anderen Bereichen auch schon mit Facebook und anderen Tech-Plattformen zusammen“, sagte ein Unternehmenssprecher der Deutschen Presse-Agentur.

Döpfner bezeichnete den Deal als „strategischen Meilenstein“. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg war Ende März zu Gast auf einem Springer-Managementtreffen nahe Berlin. „Ich hätte noch Stunden mit Mathias sprechen können“, schrieb er hinterher bei Facebook. „Es ist mir wichtig, dass wir Menschen dabei helfen, vertrauenswürdige Nachrichten zu bekommen und Lösungen zu finden, die Journalisten auf der ganzen Welt bei ihrer wichtigen Arbeit helfen.“

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