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Umstrittene Impfkampagne aus Australien: „Emotionale Werbung wie diese ist nicht zielführend“

  • Über eine drastische Werbekampagne der australischen Regierung wird zurzeit viel diskutiert – darin ist eine Corona-Patientin zu sehen, die nach Luft ringt.
  • Eine deutsche Medienethikerin sieht Werbespots wie diese kritisch – auch, weil sie unbeabsichtigt Material für Corona-Leugner bieten könnten.
  • Mit dem RND spricht Claudia Paganini darüber, was Werbung hierzulande darf – und was nicht.
Alicia Lippke
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Hannover. Ein Werbevideo der australischen Regierung für Covid-Impfungen wird derzeit in sozialen Netzwerken scharf kritisiert. Der Spot, der eine junge Corona-Patientin zeigt, die nach Luft ringt, mache unnötig Angst und dramatisiere, sagen Kritiker. Auch Claudia Paganini, Professorin für Medienethik an der Hochschule für Philosophie in München, sieht Werbespots wie diese kritisch. „Ich persönlich bin sehr unsicher, ob so schockierende Werbung bei dieser Thematik zielführend ist“, sagte sie dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „In dem Video wird sehr stark auf Gefühle gesetzt, und die Emotionalisierung einer Debatte ist meiner Meinung nach nicht das, was wir aktuell in der Pandemiesituation brauchen.“

Expertin über Werbespot: „Viele Gründe sprechen dagegen“

Das Thema Corona sei dafür von allen Seiten, egal, ob politisch oder privat, bereits viel zu emotional aufgeladen. „Wir brauchen derzeit eher einen Diskurs, der Emotionen hinten anstellt beziehungsweise zurücknimmt, um gut begründete eigene Meinungen zu bilden. In diesem Kontext sind zu starke Emotionen kontraproduktiv“, sagte Paganini.

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Laut der Medienethikerin gebe es eine Vielzahl an Gründen, die gegen solche emotionalen Werbespots sprechen. So missachte die australische Werbekampagne unter anderem die Autonomie und Entscheidungsfreiheit der Bürgerinnen und Bürger. „Wenn man sich für solch manipulative Werbung entscheidet, sagt man damit aus, dass kein rationaler Diskurs mit Bürgerinnen und Bürgern erwünscht ist, sondern die Bevölkerung ganz klar in eine Richtung, in diesem Fall zu einer Corona-Schutzimpfung, gedrängt wird.“ Zwar könne diese Entscheidung der Regierung medizinisch begründet sein, jedoch komme ihr als Demokratie auch eine Vorbildfunktion im Diskurs zu.

Im schlimmsten Fall könnte Werbung dieser Art nicht nur eine abschreckende, sondern auch radikalisierende Wirkung haben. „Ich sehe bei emotionalen Inhalten sogar die Gefahr, dass man gerade in Zeiten der Corona-Pandemie Menschen unnötig Material gibt, sich zu erbosen. Vor allem diejenigen, die mit ihrer Meinung auf der Kippe stehen, könnten durch solche Werbung eher dazu neigen, sich manipuliert zu fühlen“, sagte Paganini dem RND. Wenn die deutsche Regierung solch einen Spot produzieren würde, würde sie „Wasser auf die Mühlen von ,Querdenkern‘ und Corona-Leugnern kippen“.

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Deutscher Werberat legt Empfehlungen für Werbung in Deutschland fest

Zwar hält die Medienethikerin einen solchen Werbespot in Deutschland für unwahrscheinlich, jedoch nicht für ausgeschlossen. Bestimmte Empfehlungen, die vom Deutschen Werberat hierzulande formuliert werden, stünden jedoch einer solche Kampagne entgegen. „Der Werberat positioniert sich sehr klar hinsichtlich solch schockierender Werbung, nämlich dass Werbung keine Angst machen oder Leid instrumentalisieren darf“, so Paganini. Dahinter stehe vor allem der Wert des Respekts, zum Beispiel gegenüber Menschen, die selbst Leid durch die Pandemie erfahren haben. „Sobald in der Werbung mit Gefühlen gearbeitet wird, begibt man sich in die Manipulation. Und Manipulation bedeutet, dass die Freiheit und Autonomie der Betrachter und Betrachterinnen nicht ernst genommen wird.“

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Zudem stelle im Fall des australischen Videos der Jugendschutz ein Problem dar. Zwar wird zu Beginn des Spots eine Warnung vorangestellt, diese könne jedoch nur noch mehr Neugierde schaffen, so Paganini. Vor allem Kinder und Jugendliche könnten dann durch Videos dieser Art retraumatisiert und an Erlebnisse der Pandemie, wie etwa den Tod eines Familienmitglieds, erinnert werden.

Expertin rät zu Fokus auf gemeinsame Betroffenheit

Stattdessen sollten sich Werbekampagnen der Regierung mehr auf Informationen fokussieren. „Corona ist ein Thema, das uns alle betrifft, daher sollte man mehr dazu einladen, sich zu informieren und zu diskutieren.“ Wichtig seien dabei auch weiterführende Websites oder Hinweise zu Veranstaltungen, die den Austausch untereinander fördern. „Es geht darum, die Aussage zu vermitteln: ‚Nehmt es ernst und redet drüber.‘“

RND/al

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