„Heute habe ich ein deutsches Herz“: So war Uli Hoeneß' TV-Debüt als RTL-Experte

  • Premiere für das FC-Bayern-Urgestein: Uli Hoeneß hat sein Debüt als RTL-Fußballexperte gegeben – beim WM-Qualifikationsspiel Deutschland gegen Island.
  • Lange blieb er milde bis abwesend. Ein großer Name macht eben noch keinen Kult.
  • Doch bei einem Thema platze ihm dann doch kurz die Hutschnur. Eine TV-Kritik.
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Nein, so ganz einfach kann das nicht gewesen sein für einen emotionalen Dampfhammer wie Uli Hoeneß: Über 40 Jahre lang hat er sich bucklig gekämpft für die Belange seines FC Bayern München, hat gezürnt, gehadert, geschimpft, öffentlich geweint und gelitten. Und jetzt muss er plötzlich Neutralität simulieren – als neuer RTL-Fußballexperte bei Länderspielen. Plötzlich ist sein Job, genau das zu tun, was er Journalisten einst spöttelnd vorwarf: nämlich „in jeder Suppe ein Salz zu finden“. Oder so ähnlich.

Es ist ein Debüt im reifen Alter von 69 Jahren. Da steht Hoeneß beim WM-Qualifikationsspiel Deutschland gegen Island in ungewohnter Rolle neben RTL-Allwettersportmann Florian König, seinem Wunschkumpan, im Studio in Köln. Man hat Partnerlook gewählt: blauer Anzug, weißes Hemd, keine Krawatte. Optisch herrscht also Harmonie. Und auch inhaltlich fehlt es über weite Strecken an belebender Reibungswärme.

„Heute habe ich ein deutsches Herz“

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„Heute habe ich ein deutsches Herz“, verspricht der Aufsichtsrat und Ehrenpräsident des FC Bayern. Dass dieses Herz aber auch tatsächlich schlägt, dass diese Sendung also irgendwelche Leidenschaften in ihm wecken würde – davon ist zunächst wenig zu sehen.

Wie eine einsame Tanne im Laubwald steht er da abwesend herum, umweht von Melancholie. „Ich habe so etwas noch nie gemacht, und die, die es gemacht haben, habe ich belächelt“, hatte er zuvor völlig zutreffend gesagt – und sich trotzdem bemüßigt gefühlt, gleich mal an unvergessene Frotzel-Buddies wie Delling & Netzer zu erinnern. „Den Grimmepreis müssen sie uns ja nicht unbedingt überreichen.“

"Hat Spaß gemacht": Bayern-Ehrenpräsident und Fußballexperte Uli Hoeneß (l.) mit Moderator Florian König bei der Übertragung des Fußball-WM-Qualifikationspiels Deutschland-Island im RTL Studio in Köln. © Quelle: Henning Kaiser/TVNOW/dpa

Hat der Mann Kreide gefressen?

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Nein, vom Grimmepreis sind König & Hoeneß über weite Strecken des Abends weit entfernt. Seltsam überschminkt und mit gebremstem Schaum arbeitete sich der Mann vor und nach dem deutschen Spiel durch Einsilbiges. Das deutsche Mittelfeld? „Prunkstück.“ Das Spiel gelungen? „Absolut.“ Das Zeichen der Mannschaft für Menschenrechte vor Spielbeginn? „Sehr gut.“ Ansonsten: Grüße an Jogi, Grüße von Manuel, toller Kerl, danke, bitte. Er hält sich nicht lange mit „falschen Achtern“ und „krummen Neunern“ auf. Das taktische Kleinklein ist Hoeneß' Sache nicht. Das haben stets untere Chargen zu verantworten.

Hat der Mann Kreide gefressen? Ist das überhaupt Uli Hoeneß? Doch dann, nach dem deutschen Spiel, kommt doch noch Feuer in die Bude. Drei Minuten genügen Uli Hoeneß, um zu zeigen, dass er nachweislich am Leben ist. Da schwillt dem alten Wutmichl kurz mal wieder dunkelrot die Zornesader. Es geht um das Dauerchaos an der DFB-Spitze – Auslöser für eine sportpolitische Wutrede, die sich im Kern wie folgt zusammenfassen lässt: Alle doof außer Karl-Heinz Rummenigge. Den Bayern-Boss, der 2022 aus dem Amt scheiden wird, bringt Hoeneß in bester Königsmachermanier gleich mal in Stellung – als nächsten DFB-Repräsentanten bei UEFA und FIFA. Denn der jetzige… Herrgott, nun ja.

Drei Minuten Wutrede gegen den DFB

Die Zusammenarbeit an der DFB-Spitze? „Ein Trauerspiel!“. Der DFB-Generalsekretär Friedrich Curtius? „In dieser Position völlig überfordert!“ Die Herren im DFB stritten „wie die Besenbinder! So kann es nicht weitergehen. Es muss personelle Konsequenzen geben“, zürnte Hoeneß. „Es muss klar sein, wer der Chef ist.“ Ein Prinzip, mit dem er selbst stets gut gefahren ist. Und dass man zum darbenden Amateursport „überhaupt nichts hört“ vom DFB, mitten in der Pandemie, sei „auch ein Riesenproblem! Dieser Brunnen darf nicht austrocknen.“ Hoeneß forderte von der Liga gar eine finanzielle Umlage zur Rettung des Fußball-Breitensports – „zum Beispiel aus den Fernsehgeldern“.

Doch so schnell, wie das Gewitter aufzog, ist es vorbei. Es wirkt, als habe dieser emotionale Ausbruch seine komplette Energie für den Abend aufgebraucht. Schnell stellt der Donnergott des deutschen Fußballs noch die steile These auf, wonach „ein Engagement des FC Bayern in Katar ja auch dazu führen kann, dass die Menschenrechtssituation dort besser wird“ – dann schaltet er zurück in den Schongang. Er wirkt erschöpft.

„Dem FC Bayern ist das eigene Hemd erst mal näher als die Hose“

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Für Männer im Spätherbst der Karriere hält RTL derzeit manch warmes Plätzchen auf der Ofenbank bereit: Jan Hofer wird RTL-Nachrichten sprechen, Thomas Gottschalk wird Interimsnachfolger von Dieter Bohlen bei „Deutschland sucht den Superstar“, nun also Uli Hoeneß. Ein großer Name aber macht noch keinen Kult. Wer den eruptiven, aber eben auch sehr unterhaltsamen Klartext-Hoeneß erwartet hatte, wurde bis auf die DFB-Explosion enttäuscht. Er blieb zumeist ein wortkarger Wolf im Schafspelz. Das ist zwar besser für den Blutdruck, aber auch öder fürs Publikum.

Grüße an Jogi: Bayern-Ehrenpräsident und Fußballexperte Uli Hoeneß (l.) spricht mit Moderator Florian König (r.) und dem deutschen Teamchef Jogi Löw. © Quelle: Henning Kaiser/TVNOW/dpa

Nichts Neues gab es auch zur Nachfolge von Jogi Löw. Jürgen Klopp und Hansi Flick hätten ja noch Vertrag. „Also ist es im Moment kein Thema. Karl-Heinz Rummenigge hat sich dazu eindeutig festgelegt.“ Im Übrigen sei er beim DFB „nicht so drin“ im Thema Trainerfindung. „Deswegen kann ich dazu nichts sagen.“ Außer dies: „Dem FC Bayern ist das eigene Hemd erst mal näher als die Hose, ist doch klar.“

Das Sturmgeschütz des FC Bayern

Niemand wird von Uli Hoeneß eine glasklare Empfehlung für einen neuen Teamchef erwarten. Aber sich nur in Floskeln zu flüchten, war doch etwas dünn. In die Rolle eines Elder Statesman des deutschen Fußballs muss er noch hineinwachsen. Und was dann in der Sendung noch folgte an europäischem Qualifikationsfußball schien ihn ungefähr so zu interessieren wie der Tabellenplatz von 1860 München. Die Konzentration ließ nach. Wie heißt noch mal der Ersatztorhüter des FC Bayern? „Andreas Nübel, oder äh… Alexander Nübel...“.

Nein, Hoeneß hat nicht plötzlich mit 69 Jahren die Gelassenheit des Alters überfallen. Eher strahlte er eine pflichtschuldige Langeweile aus – mit Ausnahme der drei DFB-Alarmminuten, als das alte Sturmgeschütz des FC Bayern noch einmal Funken sprühen ließ. „Hat Spaß gemacht“, sagt Florian König am Ende. „Mir auch“, behauptet Hoeneß tapfer. Und uns? Geht so.

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Zur Kolumne „Experten-Experten“: An dieser Stelle bewertet unsere TV-Jury, bestehend aus unseren Experten Lena Obschinsky (Unterhaltungschefin), Imre Grimm (Gesellschaftschef) und Heiko Ostendorp (Sportchef), wöchentlich den Auftritt eines ausgewählten TV-Experten im Sport.

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