Modernes Mobbing: Warum die Twitter-Parallelwelt so unerträglich ist

  • Sollte es jemals eine gute Debattenkultur auf Twitter gegeben haben, so ist davon nicht mehr viel übrig.
  • Es wird gescreenshottet, verkürzt und gehetzt – von Menschen, die sich eigentlich für die Guten halten.
  • Die Grenzen zum Mobbing sind dabei häufig fließend, meint Matthias Schwarzer.
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Hannover. Der Pianist Igor Levit hat am Sonntag seinen vorübergehenden Rückzug von der Plattform Twitter bekannt gegeben. Es sei „unerträglich geworden“, schreibt der 34-Jährige in seinem vorerst letzten Post. „Für die nächste Zeit: Au revoir, Twitter-Sphere.“

Was genau der Auslöser für Levits Twitter-Pause ist, ließ der Pianist zunächst offen. Die Gründe könnten vielfältig sein: Levit, selbst Jude, steht häufig im Fokus von rechten Hetzern, auch auf Twitter. Auslöser für den Rückzug könnten auch die Diskussionen über den Nahostkonflikt auf der Plattform gewesen sein – und nicht zuletzt die teils unerträgliche Debattenkultur, die genau dort vorherrscht. Bereits am 12. Mai hatte der Musiker geschrieben: „Twitter ist erkrankt.“

Fakt ist: Levits Twitter-Rückzug wurde in der Twitter-Blase so aufgenommen, wie die Twitter-Blase derartige Statements am liebsten aufnimmt: mit Häme.

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Eine ziemlich kaputte Diskussionskultur

Ein Buchautor mit knapp 17.000 Followern beispielsweise postete direkt über Levits Statement ein älteres Video des Musikers – ein Interview, in dem Levit die Plattform Twitter einst gelobt hatte. Die sozialen Medien seien eine „Chance“, so Levit damals. „Milliarden von Menschen, die vorher nie gehört wurden“, hätten jetzt durch die sozialen Netzwerke eine Stimme in Echtzeit.

Volltreffer. Ein Pianist, der vor einiger Zeit noch die sozialen Medien in den Himmel gelobt hatte, verlässt jetzt die sozialen Medien. Eine Pointe, die man einfach nicht liegen lassen kann – auch wenn der Vergleich völlig außer Acht lässt, dass man seine Meinung auch mal ändern, ja sogar Fehler eingestehen kann, ohne es von einem x-beliebigen Twitter-Nutzer wieder unter die Nase gerieben zu bekommen. Doch all das zählt in dieser toxischen 280-Zeichen-Welt schon lange nicht mehr.

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Vielleicht hatte der Verfasser des Seitenhiebs gar nichts Böses im Sinn, vielleicht hat er auch einfach nicht richtig über seinen Post nachgedacht. Dennoch steht sein Beitrag symbolisch für etwas: eine ziemlich kaputte Diskussionskultur auf der Plattform Twitter.

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Die Häme der Intellektuellen

Tagtäglich nämlich werden Zigtausende solcher Posts abgesetzt, die vor Häme nur so platzen. Es wird gescreenshottet, verkürzt und ausgelacht, alte Posts werden ausgebuddelt, egal, wie lang sie her sind. Treffen können solche Beiträge jeden: Politiker, Prominente, Journalisten, aber auch einfach ganz normale Privatpersonen. Und sie haben nur ein Ziel: Eine Aussage so platt herunterzubrechen und ins Lächerliche zu ziehen, dass es möglichst viel Applaus hagelt, eine ernsthafte Auseinandersetzung aber praktisch unmöglich ist.

Die Akteure derartiger Posts sind nicht etwa rechte Spinner oder Populisten, sondern meist ausgerechnet die intellektuelle Blase, bestehend aus Autoren, Journalisten, Aktivisten, Comedians, Kulturschaffenden, politisch Interessierten, hochgebildeten Leuten, die sich gut und pointiert ausdrücken können, die sich selbst als aufgeklärt, weltoffen und solidarisch empfinden, die teils mehrere Tausende Follower haben, gleichzeitig aber eine Debattenkultur an den Tag legen, die einer Gruppe von plärrenden Kindergartenkindern gleicht. Und die Grenzen zwischen ironischer Kommentierung und echtem Mobbing sind dabei recht fließend.

Der Fall Igor Levit mag in diesem Zusammenhang harmlos sein – es gibt deutlich unangenehmere Szenarien. Zum Beispiel das, was seit Sonntag dem Comiczeichner Ralph Ruthe widerfährt.

Ralph Ruthe im Twitter-Feuer

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Ruthe, wohnhaft in Bielefeld und derzeit im Urlaub auf Sylt, ist wohl eine der unverdächtigsten Personen im ganzen Internet. Auf Twitter gibt der 48-Jährige neben seinen Cartoonzeichnungen Kommentare zum aktuellen Zeitgeschehen zum Besten, ist immer freundlich und engagiert für die gute Sache. Am Sonntag allerdings geriet Ruthe mit einem Post ins Visier einiger Twitter-Nutzer.

Der Grund dafür könnte belangloser kaum sein: Ruthes Frau, Tina Ruthe (selbst Buchautorin und Mamainfluencerin mit 163.000 Instagram-Followern), hatte auf Instagram ein Bild gepostet, unter dem sie schrieb, ihr Mann Ralph nehme ihr heute Abend die Betreuung der Kinder ab – so könne sie sich endlich mal mit ihrer Freundin zum Weintrinken treffen. Ralph Ruthe selbst kommentierte den Post mit: „Das war nicht das letzte Mal“ und einem Herzemoji.

Die Twitter-Blase sieht in diesem Post nun die Unterdrückung der Frau oder zumindest eine Art Doppelmoral: Ruthe gibt sich auf seinem Twitter-Profil stets progressiv, während seine Frau auf Instagram allem Anschein nach dem konservativen Lifestyle huldigt. Eine Diskrepanz, die für die woke Twitter-Blase offenbar kaum auszuhalten ist.

Nutzer nehmen Instagram-Profil auseinander

Die anonyme Twitter-Nutzerin @isersgotagun (über 4000 Follower) postet auf ihrem Account zunächst einen Screenshot des Instagram-Beitrags und kommentiert diesen mit den Worten „Ich brech komplett ab hahahahaha“. Mehr als 4000 Leute liken den Beitrag, 250-mal wird er retweeted und 140-mal kommentiert. Ruthe selbst löscht den Originalpost daraufhin.

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Doch da ist die Sache längst zu spät: Seit Sonntagmittag wird das gesamte Instagram-Profil von Tina Ruthe bis ins kleinste Detail auseinandergenommen. Eine Story beispielsweise, in der Ruthe erklärt, man nehme die eigene teure Kaffeemaschine mit nach Sylt, weil man den Dallmayr-to-go-Kaffee nicht möge, wird mehrfach abfotografiert und süffisant kommentiert.

In einem anderen Post erzählen die Ruthes, dass man ein Au-pair-Mädchen beschäftige – für die Twitter-Blase ein Zeichen der Ausbeutung, was ebenfalls umgehend verurteilt wird.

Bekannte Autoren steigen mit ein

Der Account @isersgotagun feuert allein an diesem Sonntag an die 30 hämische Tweets und Retweets an seine 4000 Follower heraus, die sich alle um Familie Ruthe drehen. Immer wieder werden Screenshots von Bildern und Videos der Familie gepostet und mit gehässigen Sprüchen versehen. Dutzende andere Twitter-Nutzer mit teils beachtlichen Followerzahlen machen mit.

Und schließlich steigen neben den anonymen Accounts auch bekannte Leute mit ein. Die Autorin Giulia Becker zum Beispiel – sie hat knapp 70.000 Twitter-Follower und ist bekannt durch Auftritte in Jan Böhmermanns „Neo Magazin Royale“. Becker postet ein Meme zum Fall Ruthe – eine Kaffeemaschine und einen Dallmayr-to-go-Becher, 1300 Menschen gefällt das. Der Post mag harmlos sein, die Kommentatoren des Beitrags wissen aber, was sie zu tun haben: Noch viel mehr posten.

Chris Sommer, ebenfalls Autor beim „Neo Magazin Royale“ und anderer öffentlich-rechtlicher Formate, postet ein Porträtbild von Ralph Ruthe und überschreibt dieses mit den Worten „Deutsche Simone de Beauvoir“. Die 1986 verstorbene Französin war eine bekannte Schriftstellerin und Feministin.

Diebische Freude

Auch „Titanic“-Autor Cornelius W. M. Oettle kommentiert: „Meine Frau und ich wollen jetzt doch ein Kind, damit unser Au-pair nicht mehr so einsam ist“ – Ruthe selbst wird in dem Post nicht erwähnt.

Andere Twitter-User kriegen sich derweil gar nicht mehr ein: Inzwischen werden Aufnahmen aus einem Instagram-Livestream der Ruthes gepostet, in dem Ralph Ruthe witzelt, er helfe nur unzureichend im Haushalt. „Ein wahrer Feminist“, kommentiert eine Nutzerin.

Andere User freuen sich derweil diebisch, den Ruthes nun den Urlaub versaut zu haben – die haben nämlich derweil einige Beiträge von ihren Seiten entfernt.

Nichts anderes als Mobbing

Auch am Montag posten immer noch Menschen über den Fall Ruthe. Und eine Frage ist bis heute ungeklärt: Was zum Teufel ist hier eigentlich passiert?

Wie kann es überhaupt sein, dass jemand wie Ralph Ruthe, der weder Politiker noch ein echter Prominenter ist, der nie kritisch in Erscheinung getreten ist, für einen simplen Instagram-Beitrag aus seinem Familienleben so derartig angegangen wird? Wie kann sich die Stimmung so unendlich aufheizen, dass selbst bekannten Autorinnen und Autoren nichts zu schade ist, ins Geschrei des Mobs mit einzustimmen?

Die Antwort ist unbefriedigend: Es gibt gibt keinen Grund. Wer in die Fänge dieser selbstgerechten Blase gerät, muss weder prominent noch böse sein – es reicht ein falscher Satz, der sogar jahrelang zurückliegen kann, und es kann jeden treffen. Manch einer beschreibt das, was dort seit einigen Monaten passiert, mit dem Begriff Cancel Culture – doch das trifft es nicht. Solche Angriffe sind nichts anderes als Mobbing. Und das Schlimmste: Es ist Mobbing, das von Menschen ausgeht, die sich selbst für die Guten halten.

Nur die Pointe zählt

Die Art und Weise, wie auf Twitter diskutiert wird, ist nicht weit entfernt von dem, was tagtäglich auf deutschen Schulhöfen passiert. Statt einen unbeliebten Schüler in Gruppen auf dem Pausenhof fertigzumachen, postet man hundertfach gehässige Beiträge mit unvorteilhaften Screenshots. Statt hinter dem Rücken zu lästern, postet man Memes, die nur Insider verstehen – natürlich ohne den Betroffenen zu erwähnen, oder ihm die Chance zu geben, sich zu rechtfertigen.

Die Non-Mention (das Nichterwähnen) ist eines der beliebtesten Stilmittel für derartige Twitter-Debatten. Galt sie einst im inoffiziellen Internetknigge noch als absolutes No-Go, werden heute am laufenden Band Screenshots ohne Erwähnung gepostet, Aussagen völlig aus dem Kontext gerissen und mit früheren Aussagen der Betroffenen verglichen. Im Falle von Igor Levit beispielsweise seine damalige Haltung zu den sozialen Medien und sein heutiges Statement. Im Falle von Ralph Ruthe sein vermeintlich konservatives Familienleben und seine sonst sehr progressiven Twitter-Posts.

Es zählt weder der Kontext des Posts noch zählen Entschuldigungen. Alles, was zählt, ist eine gute Pointe, selbst wenn die Ausgangslage dafür bis zum Erbrechen verdreht wird.

Zusammenbruch der Debattenkultur

All das passiert zudem in Parallelwelten: Tina Ruthe beispielsweise hat nicht mal einen Account auf Twitter. Unter ihren Instagram-Posts findet die Diskussion nicht statt – stattdessen lässt man sich hämisch über die Autorin auf einer völlig anderen Plattform aus, schön aus der Distanz mit dem Rückenwind der eigenen Follower, ohne dass die Betroffene überhaupt eine Chance hat, darauf zu reagieren.

Immerhin: Hin und wieder setzt sich doch die Einsicht durch. Im aktuellen Fall Ruthe rudern einige Accounts inzwischen wieder zurück. @isersgotagun beispielsweise weist darauf hin, man solle bitte davon absehen, sich über das Aussehen von Tina Ruthe lustig zu machen – das wäre dann doch ein bisschen zu misogyn. Vermutlich wohl wissend, dass ihre geschätzt 50 Posts zum Thema das durchaus begünstigt haben dürften.

„Au revoir“, Twitter

Man kann nur hoffen, dass diese unerträgliche Häme, das ständige Gekreische auf dieser Plattform auf die Pandemie zurückzuführen sind. Dauerlockdowns und wochenlanges Rumsitzen zu Hause tun niemandem gut – und vielleicht ist ein kleiner Twitter-Shitstorm am Sonntag das Einzige, was den Akteuren noch Freude bereitet.

Vielleicht sehen wir hier aber auch den völligen Zusammenbruch der Debattenkultur auf einer Plattform, die ohnehin schon mehr als toxisch ist. Dann wäre es wohl tatsächlich an der Zeit, das zu tun, was Igor Levit bereits vorgemacht hat: „Au revoir“ sagen.

Ralph Ruthe selbst verzichtet auf Anfrage des RND auf einen Kommentar zum Thema. Update, 23.30 Uhr: Inzwischen hat der Cartoonist zum Thema einen Thread auf Twitter veröffentlicht.

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