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  • TV-Kritik zum „Tatort“ heute: „Was wir erben“ ist der Schwarzwald-Krimi am Sonntag

Schwarzwald-„Tatort“: von Zorn und Zinseszins

  • Die Schwarzwälder „Tatort“-Ermittler bekommen es mit dem Streit ums liebe Geld zu tun.
  • Eine wohlhabende Frau stirbt am Tag ihrer Hochzeit, die teuren Sünden einer höheren Familie werden summiert.
  • Der „Tatort: Was wir erben“ läuft am Sonntag, 25. April, um 20.15 Uhr in der ARD.
Lars Grote
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Freiburg. So möchte man sich im Südwesten gern zeigen, liberal und kultiviert, doch gern einen teuren Ring im Ohr. Erbstück, das man an die Kinder und die Kindeskinder weiterreicht. Diamanten, die als Zins und Zinseszins die Lebensadern besserer Familien ölen, schmieren oder wässern. Diamanten fragen nicht nach guter Kinderstube, ein Glück für die Familie Klingler, sonst würden Sohn und Tochter leer ausgehen.

Die Mutter stirbt, auf der Treppe ihrer Villa stürzt sie, sie lebte dort als Witwe eines Firmengründers. Schwarzwälder Kirschen in Schokolade, Expansion auf dem Weltmarkt, 241 Mitarbeiter, das war das Lebenswerk des Mannes. Was vom Leben seiner Witwe bleibt? Geld, auf das die Kinder scharf sind, weil sie immer mehr davon benötigen, denn sie haben viel verprasst. Tochter Gesine (Jenny Schily) führt die Firma, Sohn Richard (Jan Messutat) führt ein Leben, das man sonst nur von „Monopoly“-Abenden kennt.

Der Schwarzwald-„Tatort: Was wir erben“ (Sonntag, 25. April, 20.15 Uhr in der ARD) steigt in die Kältekammer des Kapitalismus, der sich in gute Kleider hüllt und eine klare Sprache pflegt. Man soll nichts überhören bei den Klinglers, weil jeder Satz auch ein Befehl ist. Mutter Elisabeth (Marie Anne Fliegel) wollte raus aus diesem falschen Frieden, sie hat geheiratet mit 78 Jahren: Elena, ihre Haushälterin, die sie erst seit knapp zwei Jahren kannte. Elena (Wieslawa Wesolowska) lebte eine Zeit lang auf der Straße, ihre Familie hat im Zweiten Weltkrieg Zwangsarbeit verrichtet in der Schokoladenfirma.

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Am Tag der Hochzeit umgehend der Treppensturz

Am Tag der Hochzeit stirbt Elisabeth bei ihrem Sturz. Stieß Elena sie nach der Trauung kühl die Treppe hinab? Sie bekäme die Hälfte des Erbes durch den Tod der reichen Gattin. Gesine und Richard glauben fest an einen Mord. Und an die Schuld von Elena.

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Wenn der „Tatort“ aus Freiburg sonst oft mit Verständnis für die Seelenkunde glänzt, weil er tief ins Leben greift und ohne Mühe seine Storys aufbereitet, braucht er diesmal den Kraftakt eines Drehbuchs (geschrieben von Patrick Brunken, Regie: Franziska Schlotterer), das kurz davorsteht, aus dem Leim zu gehen. Der Film hat ungewohnte Schwierigkeiten, einen Platz zu finden im Milieu, von dem er spricht. Am Tag der Hochzeit umgehend der Treppensturz? Die Hochzeit mit der Tochter eines Zwangsarbeiterpaares aus der eigenen Fabrik? Das ist dick aufgetragen. Die Geschichte fließt nicht, sie ist gebaut und konstruiert mit gutem Willen, doch mit wenig Überzeugungskraft – das bringt den Krimi nicht zum Einsturz, doch zwischendurch ins Wanken.

Es ist kein neues Phänomen, dass die „Tatort“-Serie im Kreise der Eliten und der Superreichen oft erzählerisch ins Stolpern kommt, weil sie den Leuten mit Vermögen fast reflexhaft etwas Schurkenhaftes unterstellt. Leider bleibt die Folge „Was wir erben“ deshalb durchweg flüchtig. Sohn Richard ist ruchlos, ein Typ mit gutem Draht zum Anwalt und noch innigerem Draht zur Putzfrau (Janina Elkin), mit der er zwar sein Geld nicht teilt, aber sein Bett.

Mord und Moral

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Tochter Gesine fügt sich formvollendet in ihr Unglück, lebt von leerer Rhetorik und leeren Flaschen Wein, wird patzig unter Alkohol, wird bitter, wenn sie nüchtern ist. Und Elena? Fast klaglos scheint sie sich diesem Verdacht, sie sei die Mörderin, zu beugen. Sie redet kaum, sie guckt weit in die Ferne, sie will vor allem Ruhe. Bald wird sie tot aus einem See gezogen. Selbstmord? Das Eingeständnis ihrer Schuld?

Es gibt noch Toni (Johanna Polley), die in diesem schief gewachsenen Stammbaum so etwas wie Kraft verkörpert. Wenn alle schlafen gehen, kifft sie. Sie studiert sonst in Berlin, Tonis Mutter kam bei einem Unfall ums Leben. Elisabeth war ihre Oma. Kommissarin Tobler (Eva Löbau) und Kommissar Berg (Hans-Jochen Wagner) schauen voller Wohlwollen auf diesen jungen, frischen Trieb in der Familie – und kriegen sich doch in die Haare, als es darum geht, wie unfair der vererbte Reichtum ist. Sie vergeben Haltungsnoten, eher moralisch. Wer schuldig ist, das wird nicht unbedingt ermittelt, das klärt sich eher durch Beifang. Mord und Moral, das gehört im Schwarzwald oft zusammen.

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