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„Es ist traurig, dass sie aus dieser Tragödie Kapital schlagen“

True Crime und der Serienboom – viel Fantasie, wenig Mitgefühl

„Sie haben nicht gefragt“: Evan Peters als Jeffrey Dahmer in einer Szene aus der Netflix-Serie „Dahmer – Monster: The Jeffrey Dahmer Story“. Rita Isbell, Hinterbliebene eines der Opfer, hätte sich gewünscht, man hätte vor den Dreharbeiten mit den Hinterbliebenen der Opfer gesprochen. Foto: dpa-Bildfunk +++

„Sie haben nicht gefragt“: Evan Peters als Jeffrey Dahmer in einer Szene aus der Netflix-Serie „Dahmer – Monster: The Jeffrey Dahmer Story“. Rita Isbell, Hinterbliebene eines der Opfer, hätte sich gewünscht, man hätte vor den Dreharbeiten mit den Hinterbliebenen der Opfer gesprochen. Foto: dpa-Bildfunk +++

Die Polizisten haben das Opfer, das entkam, zurück in die Wohnung des Mörders geschleppt. Und der Mörder versucht nun, den Beamten gegenüber die unangenehme Sache als Streit unter Schwulen herunterzuspielen. Aber da ist der stechende Geruch in der Wohnung. Auf der Matratze im Schlafzimmer finden sich große getrocknete Blutlachen. Und dann entdeckt einer der Polizisten in der Nachttischschublade von Jeffrey Dahmer (Evan Peters) Fotos von toten Menschen, denen Gliedmaßen fehlen. „Die sind echt!“, schnappt er nach Luft. Die Auftaktfolge von Ryan Murphys und Ian Brennans Miniserie „Dahmer – Monster: Die Geschichte von Jeffrey Dahmer“ ist kaum zu ertragen.

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Und erzählt dabei die wahre Geschichte eines Mörders, der zwischen 1978 und 1991 nachweislich 16 Morde beging. Eine True-Crime-Dramaserie, die erwartungsgemäß zum Netflix-Hit wurde. Schon in der ersten Woche wurde die Serie mit 196,2 Millionen Stunden der meistgesehene Starter in der Geschichte des Streaming­dienstes. Aktuell steht „Dahmer“ in Deutschland auf Platz eins der Netflix-Charts.

Der Aufstieg von True Crime erfolgte über das Erfolgsmedium Podcast

True Crime boomt. Die Erzählform, die sich mit wahren Kriminalfällen und echten Verbrechern befasst (statt beides zu erfinden) erlebte ihren Aufstieg durch das zuvörderst akustische Internetmedium Podcast. In Deutschland sind derzeit die Journalistinnen Paulina Krasa und Laura Wohlers mit „Mordlust – Verbrechen und ihre Hintergründe“ (seit Sommer 2018) sehr erfolgreich, wo alle zwei Wochen im Plauderton und mit Gekicher ein deutscher Kriminalfall unter die Lupe genommen wird. Zu „Mordlust“ gibt es eine eigene Instagram-Seite mit 273.000 Abonnenten. Tendenz wachsend.

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Wem das nicht reicht, der kann unter anderem „True Crime Germany“, „Verbrechen von nebenan“ oder „Die Zeichen des Todes“ probieren. Und auch das Wochenmagazin „Die Zeit“ geht seit 2018 mit „Die Zeit – Verbrechen“, tja nun, mit der Zeit.

„Serial“ - Amerika im True-Crime-Fieber

Der Durchbruch des Genres erfolgte vor acht Jahren in den USA – mit „Serial“, einem Podcast des Chicago Public Radio, der ab 3. Oktober 2014 Millionen zu True-Crime-Maniacs (oder „Murderinos“) machte. Erzählt wurde vom Mord an Hae Min Li, einer Highschoolschülerin, die im Januar 1999 verschwunden war und deren Leiche einen Monat später im Leakin Park in Baltimore aufgefunden wurde. Jeden Donnerstag wurde die neueste Folge des journalistischen Formats in Amerika diskutiert, als wäre es eine Folge von „Game of Thrones“.

Die Rundfunkjournalistin Sarah Koenig hatte schon in der ersten Folge ein Drama von Shakespeare-Größe angekündigt. Und erzählte von Lis aus Südkorea eingewanderter Familie. Von ihrem Freund Adnan Syed, einem jungen Muslim mit pakistanischen Wurzeln und ihrer Beziehung, die sie acht Monate vor ihren Familie geheim hielten. Nach ihrer Trennung blieben sie befreundet. Und dann sollte er sie umgebracht haben, war zu lebenslanger Haft und zusätzlichen 30 Jahren verurteilt worden. Das Gericht hatte einen Mord aus Eifersucht gesehen, Hauptzeuge war einer von Syeds Freunden gewesen, ein Drogendealer. Syed beteuerte seine Unschuld.

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Woche um Woche wurde der Fall in seine Einzelteile zerlegt, aus verschiedenen Blickwinkeln dargelegt. Koenig grub in den Erinnerungen der Beteiligten, fand neue Details heraus und – doppelte Spannung – erlaubte den Zuhörern zugleich Einblicke in investigativen Journalismus. Eine Detektivin und mitreißende Erzählerin erzeugte einen immer größeren Sog. Bis 2016 war die erste Staffel von „Serial“ 100 Millionen Mal downgeloadet worden – damals Podcast-Weltrekord. 2015 gewann das Format den Peabody Award, das Rundfunk-Äquivalent des Pulitzerpreises. Und: Kein Kichern. Nirgends.

Netflix bietet günstigeres Abo mit Werbung ab Anfang November an

Mit Werbung wird man Netflix in Deutschland günstiger schauen können als bisher. Kunden müssen sich auf vier bis fünf Minuten Werbung pro Stunde einstellen.

2022 ist das Jahr der True-Crime-Dramatisierungen

Inzwischen haben neben dem Buchmarkt längst auch Film und Fernsehen den Reiz des Authentischen (wieder-)entdeckt. Bei den Streamingdiensten gelten die Dramatisierungen und Fiktionalisierungen von echten Verbrechen als planbare Hits. In diesem Jahr spielten – unter anderem – Renée Zellweger die Mörderin Pam Hupp („The Thing about Pam“ – RTL+), Elle Fanning die Schülerin Michelle Carter, die ihren Freund zum Selbstmord überredete („The Girl from Plainville“ – Disney+), Amanda Seyfried die Biotech-Betrügerin Elizabeth Holmes („The Dropout“ – Disney+), Colin Firth den mordverdächtigen Arzt Michael Peterson („The Staircase“ – Sky/Wow) und Julia Garner schlüpfte in die Rolle der High-Society-Betrügerin Anna Sorokin („Inventing Anna“ – Netflix). Im November geht es bei Disney+ weiter mit Jessica Biel als texanischer Axtmörderin Candy Montgomery („Candy“).

Nie war so viel True Crime wie heute im Fernsehen. Wobei es Fiktionalisierung des Verbrechens schon zu Stummfilmzeiten gab. Der Frühwestern „Der große Eisenbahnraub“ (1903) hatte als Vorbild einen ähnlich gelagerten Zugüberfall des Banditen Butch Cassidy gehabt.

„The Watcher“ oder: Wie die Wahrheit mit Horror verbogen wird

Problem: Wird aus wirklich Geschehenem eine filmische Erzählung, muss man naturgemäß Lücken mit mutmaßlichen Handlungselementen und erfundenem Dialog schließen, um einen zusammenhängenden Film erzeugen zu können. Das geht nicht immer gut: Ryan Murphy und Ian Brennan lassen ihrer Fantasie in der nur drei Wochen nach ihrem „Dahmer“ gestarteten Serie „The Watcher“ (seit 13. Oktober) geradezu kathartisch freien Lauf. Wohl um Halloweens und der Gruselfans willen wird die Geschichte der Familie Broaddus aus Westfield in New Jersey, die 2014 in ihrem Traumhaus mit anonymen Drohbriefen terrorisiert wurde, mit dem kompletten Effektarium des Horrorfilms aufgemotzt. Und die Nebenfiguren sind Prachtexemplare aus dem Panoptikum des Bizarren. Es geht um Bilder.

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Mit dem Etikett „basiert auf wahren Ereignissen“ wird zwar geworben, aber es spricht für sich, dass die echte Familie Broadduss, die beim Verkauf ihres Gruselhauses 400.000 Dollar Verlust machte, vorab schon mal um einen geänderten Filmnamen gebeten hatte. In der Onlineausgabe der amerikanischen Ausgabe von „The Sun“ war zu lesen, dass Netflix für ihre Geschichte samt der dramaturgischen Veränderungen eine nicht genannte Summe bezahlt hat. Vielleicht der Grund dafür, dass von Derek und Maria Broaddus bislang kein Protest gegen die überfrachtete Verfilmung ihrer Geschichte zu hören war. Sie leben immer noch in Westfield. Frage: Wie lange noch?

True Crime und die Gefühle von Überlebenden oder Hinterbliebenen

Ganz klar – der Zuschauer/Voyeur steht im Zentrum der True-Crime-Booms. Der oder die Überlebende eines Verbrechens, der oder die Hinterbliebene eines Mordopfers oder andere Betroffene spielen in den Über­legungen der Macher vieler True-Crime-Formate dagegen keine oder eine untergeordnete Rolle. „Wir amüsieren uns über Tode“, mahnte die Journalistin Margarete Stokowski im Mai 2021 entsprechend in ihrer „Spiegel Online“-Rubrik. „Was, wenn Angehörige eines Entführungs- oder Mordopfers so einen Podcast hören, in dem über die Aussagen des Täters gekichert wird?“, fragt sie. Und fügte an: „Wo wäre die Grenze? Würde man sich auch unterhaltsame True-Crime-Folgen über Morde im Holocaust anhören?“

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Rita Isbell beispielsweise, die Schwester von Jeffrey Dahmers Mordopfer Errol Lindsey, war erschüttert, als sie im Trailer zu „Dahmer“ eine Schauspielerin sah, die ihr in einer Szene über den Prozess, in der sie Dahmer gegenüberstand, zum Verwechseln ähnlich sah. Sie erinnerte sich, was sie damals empfand, wie sie damals glaubte, dem puren Bösen gegenüberzustehen. Alles kam wieder hoch.

„Ich wurde nie wegen der Serie kontaktiert“, sagte sie dem Magazin „Insider“. „Ich finde, Netflix hätte uns fragen sollen, ob es uns etwas ausmacht oder wie wir dazu stehen. Sie haben mich nicht gefragt. Sie haben es einfach gemacht.“ Sie müsse die Serie nicht sehen. Der Trailer reiche ihr. Sie habe das alles gelebt. Und sie hat ihre Einschätzung der Macher: „Es ist traurig, dass sie aus dieser Tragödie Kapital schlagen. Das ist reine Gier.“

Freiheit für Adnan Syed – Der erste „Serial“-Fall und seine überraschende Wendung

PS: Der Fall Adnan Syed zog mit „Undisclosed: The State vs. Adnan Syed“ (2015) zunächst einen weiteren Podcast nach sich, es gab zwei Buchveröffentlichungen (beide 2016) und eine vierteilige HBO-Doku im Frühjahr 2019. Vor knapp vier Wochen wurde Syed nun aus der Haft entlassen. Die Richterin Melissa Phinn befand, dass neue Beweise seine Verurteilung infrage stellten, und gab der Staatsanwaltschaft am 19. Septem­ber 30 Tage Zeit, ein neues Verfahren anzuberaumen oder den Fall zu den Akten zu legen. „Wir erklären nicht, dass er unschuldig ist“, sagte die Oberste Staatsanwältin von Baltimore, Marilyn Mosby, damals. Man warte auf eine entscheidende DNA‑Analyse.

„Ich habe das überhaupt nicht kommen sehen, gab sich Sarah Koenig über die Haftentlassung überrascht. Und fügte ihrer ersten Staffel von „Serial“ spät eine 13. Episode hinzu: „Adnan is out“. Am 11. Oktober berichtete die „New York Times“ in einer Kurzmitteilung, dass die Staatsanwaltschaft von Baltimore die Anklage gegen Syed endgültig fallen gelassen habe.

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