Tom Schilling: „Der ‚Like‘-Gedanke sitzt immer tiefer in uns drin“

  • Tom Schilling spielt in der Sky-Serie „Ich und die Anderen“ einen vom Leben frustrierten Jedermann, der sich pro Folge einen märchenartigen Wunsch erfüllt.
  • Im Interview spricht der 39-Jährige über den Reiz der ungewöhn­lichen Serie und die Dreharbeiten während der Corona-Pandemie.
  • Außerdem verrät Schilling, ob er sich die teilweise verstörenden Folgen am Stück anschauen würde.
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Man kann sich „Ich und die Anderen“ (ab Donnerstag, 29. Juli, bei Sky) als moderne Gegenversion des philosophischen Komödienklassikers „Und täglich grüßt das Murmeltier“ vorstellen. Jeden Morgen wacht ein Mann, der von Tom Schilling gespielte Werbemanager Tristan, in seinem Bett auf. Und wie im Märchen ist es ihm möglich, sein statisches Leben zu verändern, das seine Tage und Beziehungen ansonsten immer ziemlich gleich ablaufen lassen würde. Nur dass Tristan nicht wie einst Bill Murray in „Und täglich grüßt das Murmeltier“ seine Begegnungen manipuliert, sondern stattdessen jeder Tag zu einer wahr werdenden „Wunschvorstellung“ wird.

Jede Folge der Serie folgt einem Wunsch Ihres Seriencharakters. Welcher davon fasziniert Sie selbst am stärksten?

Einer, der in der Serie auch formuliert wird, dem aber keine eigene Folge gewidmet ist: dass ich mir nichts mehr wünschen soll! Das wäre, glaube ich, der angenehmste Zustand im Leben. Dass man davon abkommt, sich ständig etwas wünschen zu müssen.

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Wünsche erfüllt zu bekommen ist eine alte Idee aus Märchen. Glauben Sie, dass so etwas im echten Leben eher unglücklich macht?

Ja, das könnte durchaus eine Aussage der Serie sein. Aber wahrscheinlich hätte diese Erkenntnis – wie so vieles in „Ich und die Anderen“ – auch ihre Fallstricke (lacht).

„Wir brauchen unsere Geheimnisse, um nicht durchzudrehen“

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In der ersten Folge erfüllt sich der Wunsch Ihres Charakters, dass jeder Mensch alles über ihn weiß. Das ist faszinierend, aber selbst beim Zusehen anstrengend – würden Sie zustimmen?

Totale Transparenz ist immer anstrengend. Weil wir Menschen eben unsere Geheimnisse brauchen, um nicht durch­zu­drehen. Zu viel von einer schönen Sache ist eben auch zu viel. Das gilt selbst für Folge drei, wo jeder Mensch meinen Charakter Tristan liebt. Was sich erst mal als Freispiel anfühlt, ist tatsächlich sehr anstrengend. Weil die Liebe von allen Seiten an Tristan zerrt. Wenn einem Liebe begegnet, hat man ja das Gefühl, man müsse sie zurückgeben. Und wenn einem alle große Liebe entgegenbringen, müsste man ziemlich viel zurückgeben (lacht). Das kann einen Menschen leicht über­fordern.

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„Ich und die Anderen“ ist eine extrem ungewöhnliche Serie. Was war für Sie als Schauspieler der Hauptfigur das Interessanteste daran?

Die Komplexität, vor allem die schnellen und schlagfertigen Dialoge. So etwas hat man in dieser Qualität und Schärfe sehr selten. Hinzu kamen die unterschiedlichen Prämissen, mit denen die Folgen arbeiten. Weil Tristan praktisch mit jeder Folge in einer neuen Welt aufwacht, ist schauspielerisch eine große Bandbreite gefordert. Ich bin jemand, der sehr stark auf seine Spielpartner reagiert. Weil diese Partner mich in der Serie ständig anders behandeln, ist das für mich als Reagierenden ungeheuer spannend.

Ist es schwer, ein solches Drehbuch zu lernen? Die Dialoge bewegen sich oft in einer Art Kunstsprache. Wie ein philosophisches Traktat im Satire- oder Comedymodus.

Ich fand die Texte nicht sehr schwer zu lernen. Da gibt es sehr viel Schwierigeres. Oft sind es ja schnell wechselnde, sehr pointierte Dialoge, wie in der Screwballcomedy. Da bekommt man ständig ein neues Stichwort, an dem man sich orientieren kann.

Wie Social Media unsere Gedanken verändert

Sie haben die Serie in einer schwierigen Zeit realisiert. Kurz nach Drehbeginn kam die Corona-Pause. Dann haben Sie wieder angefangen, und was erstaunt: Es gibt viele Szenen mit sehr vielen Menschen.

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Es stimmt, dass wir nur eine Woche im März 2020 gedreht und dann abgebrochen haben. Dann gab es eine Pause von drei, vier Monaten. Im Sommer 2020 dachten wir wie viele, dass die Pandemie weitgehend überstanden sei. Deshalb herrschte am Set ziemlich gute Stimmung. Wir waren natürlich alle getestet. Ich fand die Dreharbeiten wunderbar. Es war ein toller Sommer in Wien.

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Sie haben aber keine Szenen verändert oder „entvölkert“ – so wie es bei anderen Fictionstoffen passiert ist?

Nein, alles wurde so gedreht wie geplant. Wenn Tristan durch das Großraumbüro seiner Werbeagentur geht, dann lebt eine solche Szene eben auch von den vielen Leuten, die ihm da etwas zuwerfen. Wir haben ja sogar Musicalelemente und Choreografien in den Folgen, dazu traum- oder albtraumhafte Partyszenen. All das wäre sehr komisch gekommen, wenn man die Menschen aus den Szenen entfernt hätte.

Es ist eine Serie über Selbstreflexion und Selbstinszenierung. Beides Dinge, die im Trend liegen – oder?

„Ich und die Anderen“ ist schon sehr zeitgemäß. Die Serie macht sich viele kluge Gedanken darüber, wie meine Figur auf andere reagiert – und umgekehrt. Man kommt darüber sehr schnell zum Thema Social Media und der Frage, ob wir anders sind, wenn wir uns auf eine gewisse Weise darstellen, um von anderen mehr geliebt zu werden. Im Gegensatz dazu, wenn wir einfach so wären, wie wir sind. Der „Like“-Gedanke sitzt immer tiefer in uns drin. Immer mehr denken darüber nach, was sie tun können, um von vielen gemocht zu werden. Die Serie treibt diese Idee auf die Spitze und ist deshalb sehr aktuell.

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„Die Serie selbst muss ich nicht verstehen“

„Ich und die Anderen“ ist ein sehr schräges bis rätselhaftes Format. Hat Autor und Regisseur David Schalko beim Inszenieren viel erklärt oder einfach nur darauf geachtet, dass die Szenen so gespielt werden, wie sie im Drehbuch stehen?

Mal so, mal so. Es gibt rätselhafte Figuren im Drehbuch wie zum Beispiel die meiner von Mavie Hörbiger gespielten Jugend­liebe. Manchmal war es gut, über Geheimnisse und Mehrdeutigkeiten zu reden, manchmal nicht. Oft bin ich ein Fan davon, wenn ich Sachen nicht verstehe. Ich muss nur wissen, was meine Figur denkt und warum sie tut, was sie tut. Die Serie selbst muss ich nicht verstehen.

Würden Sie sagen, dass Ihre Figur trotz der unterschiedlichen Gedankenexperimente und Wünsche pro Folge immer dieselbe bleibt?

Das ist eine gute Frage. Man könnte sie mit Ja oder Nein beantworten und läge mit beiden Antworten ein bisschen richtig und falsch. Es ist eine Figur, die das berühmte Zitat „Wer bin ich und wenn ja, wie viele?“ mit Leben erfüllt. Ich habe auf diese Frage in der Rolle keine Antwort gefunden. Ich glaube fast, es gibt auch keine.

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Also kann man ihren Charakter gar nicht beschreiben?

Schilling: Ich habe ihn immer so ein bisschen als Jedermann begriffen. So wollte ich Tristan auch anlegen. Ein Typ, mit dem sich jeder identifizieren kann. Gleichzeitig ein Mann ohne Eigenschaften. Tristan hat etwas Konturloses, das aber wichtig war für diese Erzählung.

„‚Ich und die Anderen‘ ist für mutige Leute“

Ist es als Schauspieler überhaupt interessant, einen so konturlosen Charakter zu spielen?

Ja, total. Ich merke mit dem Älterwerden ohnehin, dass ich als Schauspieler mehr und mehr fühle, anstatt nachzudenken. Ich mache immer mehr Dinge aus dem Bauch heraus. Schauspiel ist in vielerlei Hinsicht ein sehr unbewusster Prozess. Je mehr man darüber nachdenkt, warum man es so oder so macht, desto weniger weiß man oft. Wie ich in einer Rolle wirke, liegt oft außerhalb meiner Kontrolle. Viele Figuren bekommen ihre Kontur erst durch das Anschauen und Bewerten durch andere. Mir passiert es ziemlich regelmäßig, dass das Publikum Bedeutungen meiner Rollen erschafft, die ich gar nicht kenne.

„Ich und die Anderen“ ist eine kunstvolle, aber auch fordernde, verstörende Serie. Für welches Publikum ist sie gedacht?

Sie ist für Leute, die Lust darauf haben, sich auch mal verstören zu lassen. Menschen, die hungrig sind auf neue Erzähl­formen. „Ich und die Anderen“ ist für mutige Leute.

Sollte man die Folgen einzeln sehen, um mehr darüber nachdenken zu können? Oder eignet sich die Serie auch zum Bingewatching?

Ich glaube, beides ist möglich. Die Serie gefällt mir deshalb so gut, weil man sie auf sehr unterschiedliche Weisen sehen und darüber nachdenken kann. Ich habe sie Freunden gezeigt, und wir haben nach jeder Folge eine Pause eingelegt, um lange darüber zu diskutieren. Das hat große Freude gemacht. Sie wird ja auch als „Diskursserie“ beworben – und tatsächlich kann man über jede Versuchsanordnung lange philosophieren. Ich glaube aber, man könnte die Serie auch bekifft – oder meinet­wegen auch nüchtern – durchschauen und einfach mit Freude verfolgen, wie die Geschehnisse immer fantasievoller und absurder werden. Der Zuschauer oder die Zuschauerin kann sich sozusagen beide Arten des Serienkonsums „wünschen“.

RND/Teleschau

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