Til Schweiger: „Was Greta da macht, das macht Mut“

  • Til Schweiger wagt einen Neustart mit seinem „Tatort“-Ermittler Nick Tschiller.
  • Sein nächster Fall ist radikal anders: kaum Action, viel Nordseeluft.
  • Im Interview spricht er über seine Kritiker, seine Hoffnung – und die Frage, warum er keine Milch mehr trinkt.
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Herr Schweiger, als Hamburger „Tatort“-Kommissar Nick Tschiller haben Sie es in fünf Filmen mit Regisseur Christian Alvart heftig krachen lassen. Manchem Traditionalisten war das zu viel Action im Sonntagskrimi. Versteht dieses Land Actionfilme nicht?

Man weiß aus Untersuchungen, dass das Genre Action in Deutschland weltweit am schwächsten abschneidet. Es gibt kein Land, in dem Action- oder Gewaltfilme weniger goutiert werden als hier. Vielleicht hängt es mit dem Dritten Reich zusammen, dass die Deutschen keine Helden mögen.

Man hat ja manchmal den Eindruck, Schimanski ist der Einzige hier, der im Fernsehen „Scheiße“ sagen darf.

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Aber man darf nicht vergessen: Auch Schimanski wurde zuerst total angegriffen! Das war ein Affront damals im piefigen Deutschland. Erst später schloss ihn das Publikum ins Herz. Ich bin mir sicher, dass man auch über unsere Filme in zehn Jahren sagen wird: Wow, das war bahnbrechend, was der Alvart da gemacht hat.

Wo kann man einen Kronzeugen verstecken? Auf einer Insel in der Elbe: Yalcin Gümer (Fahri Yardim), der linksradikale Rocker Tom Nix (Ben Münchow) und Nick Tschiller (Til Schweiger). © Quelle: NDR/Christine Schroeder

Der neue Tschiller-„Tatort: Tschill Out“ ist ein heftiger Bruch: Tschiller wartet auf der Hamburger Insel Neuwerk auf sein Disziplinarverfahren. Er jobbt in einem Heim für schwer erziehbare Jugendliche, hält den Ball flach und schießt nur noch mit der Paintballpistole. Was ist passiert?

Tschiller hat seine Frau verloren und gibt sich die Schuld daran. Und auch seine Tochter wäre um ein Haar gestorben. Er trägt ein tiefes Trauma in sich. Für seinen Entschluss, das Verbrechen radikal und mit kompromissloser Gewalt zu bekämpfen, hat er einen sehr hohen Preis bezahlt. Christian Alvart und ich haben von Anfang an gesagt: Wir wollen die Kuh fliegen lassen. Das haben wir getan – und zwar fulminant! Aber in einem Action-Plot ist nicht sehr viel Platz für Emotion und psychologische Tiefe. Das ist diesmal anders.

„Wattwanderung statt Panzerfaust“ hat Fahri Yardim dazu gesagt. Was war der Grund für die Neuausrichtung der Figur?

Was wir bei „Tschiller: Off Duty“ im Kino-„Tatort“ für 10 Millionen Euro gemacht haben, kann man jetzt nicht mehr steigern. Das wäre langweilig geworden. Wenn Tschiller wieder vier „Tatort“-Folgen lang gegen den nächsten Verbrecherclan kämpft, wiederholt sich das Ganze. Also brauchten wir einen neuen Gegner. Der wird in „Tschill Out“ schon angerissen.

Wie waren die Dreharbeiten auf der Insel Neuwerk in der Elbe?

In den ersten Tagen haben wir den Mann verflucht, der diese Idee hatte. Das war der ARD-Unterhaltungschef Thomas Schreiber. Es war so brachial windig da! Dieser eiskalte Wind zieht dir durch Mark und Bein, und abends fühlst du dich, als wärst du zwölf Stunden auf einem Gletscher Ski gefahren. In den 15 Drehtagen, die wir auf Neuwerk hatten, gab es nur einen windstillen Tag. Ich dachte am Anfang: Mann, wir hätten das doch auch locker auf Mallorca drehen können, da hätten wir schönste Bedingungen und ich könnte zu Hause schlafen! Aber die, die am lautesten geflucht haben – mich inklusive –, waren am traurigsten, als wir alle abgerückt sind auf unserem Wattwagentreck. Einige wollen jetzt noch mal privat kommen, mit der Familie. Und die Neuwerker waren auch ein bisschen traurig, als wir gingen.

Bei diesem Film führte nicht mehr Christian Alvart Regie, sondern Eoin Moore, der maßgeblich auch den „Polizeiruf 110“ aus Rostock mitentwickelt hat. Warum er?

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Ich hatte mir Eoin Moore gewünscht. Der „Polizeiruf 110“ aus Rostock ist mein Lieblings-„Tatort“. Das Team ist sehr toll, die Filme wirken sehr naturalistisch, und es sind eben nicht Schauspieler, die ihren Text aufsagen. Es ist einfach sehr glaubhaft.

Wie wird es denn mit Nick Tschiller weitergehen?

Dieser Film jetzt ist sicher der mit Abstand klassischste „Tatort“ der Reihe. Und dann? Werden wir sehen. Tschiller wird niemals bloß in einem Büro sitzen und kombinieren. Und wir als Team werden nie fünf potenzielle Täter präsentieren, und dann kommt das große Rätselraten. Das machen schon genug andere „Tatort“-Teams. Deshalb habe ich auch die große Empörung darüber nicht verstanden, dass wir etwas anderes machten, statt sich zu freuen, dass wir das Genre belebt haben! Und das haben wir, eindeutig.

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Schluss mit der Ballerei: So kannten die Zuschauer Nick Tschiller (Til Schweiger) bisher. Im neuen „Tatort“ schießt er nur noch mit Paintballpistolen.

Haben Sie eine Erklärung dafür, warum Publikum und Kritiker so selten dieselben Filme mögen?

Na ja, es gibt in der Tat auch Filmjournalisten, die meine Filme mögen, man glaubt’s ja kaum. (lacht) Aber meine Theorie ist: Ein Großteil der Kritiker tut sich schwer mit Sachen, die erfolgreich sind. Und wir waren mit 12,57 Millionen Zuschauern extrem erfolgreich mit dem ersten Tschiller-„Tatort“. Mit dem zweiten waren wir auch noch supererfolgreich, und die beiden danach hatten zwei Millionen Zuschauer weniger …

Diese Doppelfolge wurde nach den Terroranschlägen 2015 in Paris auf den Jahresanfang 2016 verschoben.

Ja. Und acht Millionen Zuschauer an einem Neujahrstag zu holen muss man auch erst mal schaffen. Das kriegt kaum ein „Tatort“ hin. Da werden Äpfel mit Birnen verglichen. Andere werden für acht Millionen gefeiert, aber wenn das Hamburg-Team am Neujahrstag, wo noch nie ein „Tatort“ mehr als 8,9 Millionen hatte, diese Quote holt, schreiben alle: „Keiner will mehr Schweiger sehen.“

Wie erklären Sie sich das?

(Pause. Dann auf Englisch:) They don’t like me.

Why?

I don't know! Vielleicht, weil ich zu erfolgreich bin? Weil ich meine Meinung sage? Weil ich das tue, worauf ich Lust habe, ohne dabei andere Leute zu verletzen? Weil ich das gern tue? Weil ich dahinterstehe?

Aber das kann doch kein Grund sein für diese Mischung aus Schadenfreude und Häme, die Ihnen auch nach dem Flop des US-Nachdrehs von „Honig im Kopf“ entgegenschlug.

Das war wirklich absurd. Ich glaube, allein „Spiegel Online“ hat fünf hämische, freudige Artikel darüber gebracht, dass „Head Full of Honey“ in Amerika so gefloppt ist. Dabei ist der Film in Amerika gar nicht gefloppt. Der ist da gar nicht gelaufen. Der ist unter dem Radar an die Wand gefahren. Es gab überhaupt nur drei Kritiken. In allen stand dasselbe: Der Film mache sich über alte und kranke Menschen lustig. Was völliger Blödsinn ist, wenn man bedenkt, dass erstens die deutsche Originalversion genau das Gegenteil tat und ich den US-Film ja nur deshalb selbst gemacht habe, damit es eben keine amerikanisierte, verkitschte Version wird, sondern dem Original gleicht.

Sofort witterte man schweigerschen Größenwahn.

Da wurden die Box-Office-Ergebnisse eines Films mit vier unbeworbenen Kopien mit den Ergebnissen eines Blockbusters mit 4800 Leinwänden verglichen. In Deutschland ist er dann tatsächlich gefloppt, aber das war nach der Berichterstattung auch überhaupt kein Wunder mehr. Das machen die Medienleute übrigens nicht, weil sie zu doof sind. Die sind nicht doof, die haben alle Abitur. Die machen das extra.

Aber warum?

Das Absurde ist ja: Der deutsche Filmjournalist hat mit amerikanischem Actionkino auch keine Probleme. Dann heißt es: „Na ja, ist halt Marvel, aber wenn man auf Marvel steht, kann man auf seine Kosten kommen.“ Aber wenn ein Deutscher wie ich Popcornkino macht, ist es auf jeden Fall scheiße. „Keinohrhasen“ war damals der erste Film, den ich vorab nicht der Presse gezeigt habe. Als wir dann schon vier Millionen Zuschauer hatten, ist die erste Kritikerin in den Film gegangen, die war von der „taz“. Die Kritik war natürlich ein Totalverriss, aber den letzten Satz werde ich nie vergessen, der war die Krönung (lacht.) Da hat sie geschrieben: „Bleibt die Frage zu stellen: Können sich vier Millionen Zuschauer irren? Die Antwort ist: Ja.“

Haben Sie manchmal das Gefühl, im falschen Land für das falsche Publikum Filme zu drehen?

Auf jeden Fall. Wenn jemand in Frankreich so viele erfolgreiche Filme gemacht hätte – die Franzosen würden den abfeiern. Oder in Amerika. Tom Cruise kann bei Oprah Winfrey auf der Couch rumspringen, und die Leute sagen trotzdem: Wow, der Typ hat eine wahnsinnige Karriere hingelegt. Obwohl er auch noch bei Scientology ist.

„Der Film ist in Amerika gar nicht gefloppt. Der ist da gar nicht gelaufen“: Regisseur Til Schweiger mit den Schauspielern Nick Nolte (von rechts nach links), Matt Dillon, Emily Mortimer und Jacqueline Bisset bei einem Fototermin am Rande der Dreharbeiten für den „Honig im Kopf“-Nachdreh „Head Full of Honey“.

Iris Kiefer, die Produzentin des neuen „Tatorts“, sagt: „Es gibt eine Diskrepanz in der öffentlichen Wahrnehmung zwischen dem Til Schweiger, der mit komödiantischen und auch romantischen Kinofilmen große Erfolge hat, und der Tschiller-Figur.“ Warum ist das eigentlich so? Bruce Willis hat doch auch Komödie und Action gemacht?

Weil das Schubladendenken hier sehr stark ausgeprägt ist. Meinen ersten selbst inszenierten Film „Knockin’ on Heavens Door“ haben alle verrissen, wirklich alle. Der Vorwurf lautete, der Film könne sich nicht entscheiden zwischen Komödie und Tragödie. Dabei war genau das unsere Absicht.

Wenn Sie sich öffentlich zu einem Thema äußern, heißt es oft: „Schweiger, die Reizfigur.“ Es geht dann selten um die Sache. Das muss doch zermürbend wirken. Wie gehen Sie damit um?

Ich könnte Sie zuballern mit Beispielen. Ich habe neulich ein Interview zum Ende der „Lindenstraße“ gegeben, da habe ich erzählt, dass es damals als „Lindenstraßen“-Schauspieler nicht einfach war, weil man die Texte, die man bekam, nicht ändern durfte. Man musste die Sätze auf Punkt und Komma genau so sprechen, wie sie geschrieben waren. Die waren aber nicht für Schauspieler geschrieben, sondern das war Papiertext. Darüber habe ich gesprochen, und ich habe noch mehr gesagt: dass es mir leidtut für das „Lindenstraßen“-Ensemble und dass die Serie wichtige Themen angepackt hat, als sich das noch keiner getraut hat, wie Ausländerfeindlichkeit oder Homophobie. Und was nehmen sich die anderen Medien raus aus diesem Interview? Die Überschrift lautete: ,Til Schweiger meckert über die ‚Lindenstraße‘‘“. Der Interviewer hat mir eine SMS geschrieben und sich quasi dafür entschuldigt. Dabei konnte der gar nichts dafür. Ich habe ihm geschrieben, ich kenne das Geschäft lange genug.

Es war sicher nicht das erste und das letzte Mal.

Nein. Ich habe zum Beispiel auch nie gesagt, dass ich den „Tatort“-Vorspann abschaffen will. Es gibt kein einziges Dokument, in dem ich das behaupte. Ich habe nur gesagt, dass ich den altmodisch und scheiße finde – aber nie, dass ich den abschaffen will. Ich habe das zehnmal präzisiert, aber die schreiben trotzdem weiter: Schweiger will den „Tatort“-Vorspann abschaffen. So, als würde es, wenn man es nur oft genug behauptet, wahr werden.

Es ist ein neues Jahr. Was würden Sie sich wünschen für das öffentliche Miteinander in diesem Land?

Was ich mir für Deutschland wünschen würde, ist das, was ich jungen Schauspielern rate: Freue dich über den Erfolg der anderen. Dann ist dein Leben viel schöner. Denn wenn du missgünstig bist, hast du nur negative Energie, die dir nichts bringt außer schlechten Gefühlen. Du wirst deswegen selbst nicht erfolgreich. Der Neid ist in diesem Land stärker ausgeprägt als in anderen. Wenn wir das abschaffen könnten, das wäre toll. Mehr Großzügigkeit und Hilfsbereitschaft, das wäre auch ein Wunsch.

„Emma hat mich immer gezwungen, Filme über Massentierhaltung zu gucken“: Til Schweigers frühere Frau Dana und Tochter Emma Schweiger.

Und was macht Ihnen Hoffnung mit Blick auf die Zukunft? Die jüngere Generation?

Ja. Fridays for Future und was Greta da macht, das macht Mut. Meine eigenen Töchter treibt das auch um, vor allem Emma. Die hat mich immer gezwungen, Filme über Massentierhaltung und Hühnerschreddern zu gucken – schrecklich. Seitdem trinke ich keine Milch mehr. Die drei sind nicht aktiv in der Bewegung, aber sie sind sich der Tatsache sehr bewusst, dass ganz viel falsch läuft.

Zurück zu Nick Tschiller. Es gibt noch einen Vertrag über zwei weitere „Tatort“-Filme. Würden Sie danach noch weitermachen?

Das kommt immer auf die Drehbücher an. Wir haben noch kein neues Buch. Aber ich liebe es, mit Fahri Yardim zusammenzuarbeiten. Und ich war auch ganz traurig, dass Britta Hammelstein diesmal nicht zur Verfügung stand. Ich fand aber, dass Zoe Moore das super gemacht hat als neue LKA-Ermittlerin. Wenn ein gutes Drehbuch kommt, habe ich natürlich Lust. Ich mag den Tschiller.

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SO IST DER NEUE TIL-SCHWEIGER-„TATORT“

Tschiller chillt

Es hat ordentlich geknallt in den bisher fünf Til-Schweiger-„Tatorten“: auf dem Bildschirm und abseits davon. Als wütender, Grenzen überschreitender Macho-Cop hat Schweiger alias Nick Tschiller dem Traditionsformat ordentlich Feuer unter dem Hintern gemacht. 12,57 Millionen Zuschauer sahen seinen ersten Fall, der Kinofilm „Tschiller: Off Duty“ freilich floppte. Im neuen Fall „Tschill Out“ nun ist alles anders: Der traumatisierte Tschiller (Schweiger) wartet auf der Hamburger Insel Neuwerk auf sein Disziplinarverfahren und hilft einer früheren Lehrerin seiner Tochter bei der Betreuung „schwieriger“ Teenager. Da kommt sein Buddy Yalcin Gümer (Fahri Yardim) mit einem linksradikalen, jungen Rocker im Schlepptau auf die Insel. Dessen Bruder wurde erschossen. Er ist Kronzeuge und muss versteckt werden. Und Tschiller gerät in einen Gewissenskonflikt.

Das ist schon mutig: Kaum Action, keine scharfe Waffe am Mann, stattdessen selbstironische Paintballduelle, viel Nordseeluft und ein hadernder, taumelnder Tschiller. Der Film von Eoin Moore ist ein spannendes, dichtes Psychogramm mit cleverem Buch und originellem Fall. Und Schweiger zeigt lässig, dass er auch das klassische „Tatort“-Geschäft beherrscht. Eine glaubwürdige, sinnfällige Neuausrichtung, die weit in die Zukunft weist.

„Tatort: Tschill Out“, ARD, 20.15 Uhr, Sonntag

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