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„Things Heard & Seen“: Geister, Eheprobleme und sonstiges Dé­jà-vu bei Netflix

  • Amanda Seyfried und James Norton spielen in „Things Heard & Seen“ bei Netflix (bereits streambar) ein Paar, das von New York aufs Land zieht.
  • Dort erfährt es Unangenehmes über den Zustand seiner Ehe.
  • Geister gibt es zu allem Überfluss auch noch. Fazit: Zwei Stunden, in denen man besser anderes hört und sieht.
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Manchmal treffen Filmtitel wirklich ins Schwarze. „Things Heard & Seen“ heißt ein Film, den Netflix gerade hochgeladen hat – „(bereits) gehörte und gesehene Dinge“ werden versprochen. Und das Regieehepaar Robert Pulcini und Shari Springer Berman hält Wort: Ein Paar zieht von New York ins Ländliche – er hat einen Job an einer muckeligen Hochschule bekommen, sie opfert dafür ihren Job als Restauratorin, und fortan liegt in jedem Blick der Vorwurf „Wozu habe ich bloß meine Karriere aufgegeben?“.

Am Hudson River beziehen sie ein altes, schäbiges Haus, in dem es natürlich übernatürlich zugeht. Wie man das schon in tausendundeinem Film gesehen hat. Das unheimliche Amerika, von dem Greil Marcus erzählte, enthält Geister unter praktisch jedem alten Dach.

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Die beiden Filmemacher sind es, die uns an Netflix’ Spielfilmkiste gezogen haben, obzwar dort des Öfteren Mediokres und Indiskutables zu finden war. Immerhin haben Pulcini und Berman vor nunmehr fast zwei Dekaden den hinreißenden Film „American Splendour“ mit Paul Giamatti abgeliefert. Danach leider nichts wirklich Beeindruckendes mehr.

Norton entfaltet den Charme des jungen Robert Redford

Aber auch die Hauptdarsteller in „Things Heard & Seen“ reizen zu einer Zweistundenschicht bei Netflix – Amanda Seyfried, die sich nach „Mamma Mia!“ (2008) immer wieder im Charakterfach bewiesen hat („Linda Lovelace“, „Mank“) und James Norton („Happy Valley“, „The Nevers“, „Grantchester“), der Blicke sprühen lassen kann wie der junge Robert Redford. In Nebenrollen: F. Murray Abraham („Amadeus“), Natalia Dyer („Stranger Things“) und Rhea Seehorn („Better Call Saul“).

Norton ist der Kunsthistoriker und Prince Charming George Claire, der seine Frau zum Leben hinter den sieben Bergen verurteilt, sich als Lichtgestalt der Provinz an jedem Rock versucht. Ein Narziss, der nicht spürt, wie seine Ehe zerfällt. Und Seyfried ist die Frau, die bald merkt, dass es kein Zurück mehr gibt in die unschuldigen, schönen Tage. Der Ehemann interessiert sich nur peripher für ihre Wünsche und Vorstellungen, er onaniert heimlich unter der Dusche und ist in Gedanken ganz klar bei jemand anderem. Wie nett ist doch der ältere der beiden Nachbarsjungen, die Catherine mit dem Garten helfen. Er hört zu, er spielt Klavier.

Es hätte in diesem Fall keines Spuks bedurft

Warum müssen nur überall Geister rein, wo Entfremdung, Einsamkeit und Lüge als Angstmacher vollauf reichen würden? Befremdliche Gerüche steigen jedenfalls aus der Garage der Claires auf, im Zimmer des vierjährigen Töchterchens Franny (Ana Sophia Heger) blinkt die Nachttischlampe in Gestalt eines Clowns, als würde ihr Licht atmen. Des Weiteren gehen E-Zahnbürsten von alleine los, seltsame, funkelnde Schemen tanzen durch die Küche und irgendwann manifestiert sich auch noch eine Frauengestalt aus dem 19. Jahrhundert im Haus der Claires.

Nichts davon ist originell, alles Dé­jà-vu. Ganz selten einmal kribbelt daher beim Betrachter etwas, das sich bei anderen Gruselmachern zu einer Gänsehaut ausgewachsen hätte. Lange erwartet man von dem Regiedoppel, Drama und Geistergeschichte mögen sinnvoll zu etwas Großem verschmelzen wie in „Hereditary“ oder „The Sixth Sense“.

Aber dieser Twilight-Zone-Bohei ist völlig nebensächlich, trägt null und gar nichts zur Sache bei, spukt immer mal wieder unfruchtbar auf dem Bildschirm herum. Die unheimlichste Figur im ganzen Streifen ist der lebendige Claire, der wohl schon lange ein Geheimniskrämer par excellence war und dessen wahres Ich mehr und mehr zutage tritt. Dabei bemühen die Filmemacher so oft Meister Zufall, dass man erstmals froh um seine Glatze ist, so sehr möchte man sich die Haare raufen.

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Wieso, fragt man sich, lädt ein Mann einen anderen bloß zu einem Segelboottörn ein, wenn das Gespräch, das beide führen müssen, den Eingeladenen dazu bringen könnte, ihn über Bord gehen zu lassen? Und warum, um Himmels Willen, wird am Ende eine der Hauptcharaktere völlig unnütz geopfert, wo kurz vorher noch von einer edelmütigen Figur behauptet wurde: „Das Gute triumphiert immer“?

Nicht, dass wir ihr diesen Spruch geglaubt hätten. Schließlich hat mit „Things Heard & Seen“ gerade eben erst ein schlechter Film über unsere Zeit triumphiert.

„Things Heard & Seen“, 121 Minuten, bei Netflix, Buch und Regie: Robert Pulcini, Shari Springer Berman, mit James Norton, Amanda Seyfried, F. Murray Abraham (bereits streambar)

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