Thilo Mischke über Pro7-Doku: “Die Rechten haben uns unterschätzt”

  • Über Thilo Mischkes Doku “Rechts. Deutsch. Radikal” bei Pro7 redet Deutschland seit Tagen – der Journalist hatte die rechtsextreme Szene in Deutschland durchleuchtet, ein AfD-Mann war über menschenverachtende Aussagen gestürzt.
  • Angst hatte er nicht, der Unterhaltungssender Pro7 war wie ein Schutzschild für ihn.
  • Mischke hofft, dass die Behörden jetzt noch genauer nach rechts schauen.
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Herr Mischke, Sie haben mit „Rechts. Deutsch. Radikal“ tief in eine Szene geleuchtet, für die “Vergeltung” zu den Ehrensachen gehört, die bewaffnet ist, schon Morde verübt hat. Hatten Sie während der Arbeit Angst?

Ich hatte während meiner Arbeit keine große Angst, das mag vielleicht an den Erfahrungen liegen, die ich als Auslandsreporter für Pro7 und Printmagazine gesammelt habe. Was allerdings neu war: Die Unruhe, die ich in Syrien, in Nordkorea, Somalia oder Mali gespürt habe und meist im Land lassen kann, sobald ich wieder ins Flugzeug steige, blieb. Es gab viele schlaflose Nächte und Überlegungen zu den Konsequenzen unseres Films. Ich habe keine Angst, auch weil ich sehr genau die Onlineblase verfolgt habe. Twitter ist ein gutes Messinstrument für Hass. Und dort hält er sich derzeit zurück.

Die Aussteigerin Lisa Licentia hat einen AfD-Mann in eine “Falle” gelockt und das Denken von zumindest Teilen der AfD als faschistisch entlarvt. Haben Sie Angst um sie? Wird diese junge Frau mit ihren Kindern, um die sie sich so sorgte, geschützt?

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Ich sorge mich tatsächlich um Lisa, denn auch bei ihr gilt: Twitter ist ein Hassmessgerät. Und über sie stürzt sehr viel Ablehnung aus der rechten Szene. Allerdings auch viel Unterstützung. Zu Schutzmaßnahmen will ich nichts sagen, auch um Lisa nicht zu gefährden.

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Hat sich Ihr Bild von der deutschen extremen Rechten durch die Arbeit verändert?

Ja, hat es. Zum einen musste auch ich lernen, dass die Maxime “Man redet nicht mit Nazis” sowohl unjournalistisch als auch undemokratisch ist. Ich kann in der Vergangenheit nicht mit IS-Kämpfern gesprochen haben, aber in der Gegenwart Rechtsextreme auslassen, weil ich ihre Ideologie besonders verachtenswert finde. Ich habe und musste das überwinden. Meine Methode war, vor jedem Gespräch meine Einstellung klar und deutlich zu formulieren. Das hat mir, aber auch meinen Gesprächspartnern geholfen. Sie wussten, ich will sie nicht von der Unrichtigkeit ihrer Gedanken überzeugen und sie werden es auch nicht bei mir versuchen. Vielleicht ist unsere Doku, wie viele andere auch vorher, ein weiterer Anstoß für die Behörden, noch genauer hinzusehen. Ich würde es mir wünschen.

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Haben Sie während Ihrer Arbeit nachvollziehen können, warum Menschen wie der 17-Jährige Sanny Kujath “rechts” sind, was den Rechtsextremismus 75 Jahre nach Ende des nationalsozialistischen Deutschlands weltanschauungsfähig macht?

Ja, ich konnte es nachvollziehen, was aber nicht bedeutet, dass ich Verständnis für diese Ideologie habe. In den meisten Fällen ging es um Anerkennung. Mir schien es oft so, dass die Zuwendung zum Rechtsextremismus mit einem Flugzeugabsturz vergleichbar ist. Mehrere Probleme müssen gleichzeitig stattfinden: Soziale Isolation, Pubertät, die Suche nach Anerkennung und “Stärke”. Wenn dann eine Szeneperson kommt, das erkennt und Menschen wie den jungen Sanny manipuliert, kann es eben zu solchen ideologischen Extremen kommen. Es unterscheidet sich in den Abläufen der Radikalisierung kaum von religiöser Radikalisierung. Am Ende hat es nichts mit Nationalsozialismus zu tun, sondern mit der Aufmerksamkeit, die ein Einzelner bekommt. Und das hat bei dieser Ideologie oft Leid als Konsequenz. Wie bei einem Flugzeugabsturz.

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Zuletzt sind auf rechten Demos immer wieder ARD- oder ZDF-Leute angegriffen worden. Bei Ihnen sagt nur mal einer beim Rechtsrockfestival “Ah, Pro7” und greift nach Ihnen und Ihrem Kameramann. Haben die Rechten von Pro7, dem vornehmlich für Unterhaltung bekannten Sender, nicht das erwartet, was dann am Montag gesendet wurde – zwei starke Stunden über die rechtsextreme deutsche Szene zur Primetime und ohne Werbeunterbrechung? War Pro7 auch eine Art Schutzschild während der Dreharbeiten?

War es. Überraschenderweise. Anfänglich dachten die meisten Gesprächspartner, wir machen etwas für “Galileo”. Sie dachten, sie könnten uns einfach ihre Ideologie erzählen und fertig. Womit sie nicht gerechnet haben, war, dass wir uns mehrere Male treffen wollten, dass wir immer weiter, immer tiefer nachgebohrt haben. Sie haben uns unterschätzt. Und sie waren nie auf Krawall gebürstet, das war unser großer Vorteil.

Werden Sie weiter an dem Thema arbeiten?

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Ich arbeite seit über zehn Jahren immer wieder an diesem Thema und werde es mit Sicherheit weiter hin tun. Wir arbeiten auch weiter an neuen Folgen für “Uncovered”, aber als Auslandsreportageformat ist es derzeit sehr schwierig, an die Orte zu kommen. Themen haben wir genug, wir kommen nur nicht in die Länder.

Gibt es auch etwas in Ihrem Leben, das Sie bedauern oder heute so nicht mehr machen würden? Beispielsweise in Zeiten von #MeToo und der anhaltenden Antisexismusdebatte ein Buch mit dem sexistischen Titel “In 80 Frauen um die Welt” zu veröffentlichen?

Nein, ich bedauere nichts. Was ich in den letzten zehn Jahren aber immer wieder laut betont habe: Junge Autoren, achtet bitte auf eure Verträge. Ich hatte kein Mitspracherecht beim Titel und fand den nun wirklich scheiße – seit Tag eins. Meine Eltern sind Buchhändler und sie überkleben immer das “In” im Titel und schreiben dann “Mit” drauf. “Mit 80 Frauen um die Welt” – das ist eine gute Lösung. Der Inhalt des Buches ist auch ein ganz anderer. Ich zitiere mal einen Leserbrief, den ich vor zehn Jahren erhalten habe. “Ich wollte ein Buch, damit ich damit masturbieren kann, am Ende habe ich aber geweint.” Ich glaube, das beschreibt ziemlich genau die merkantile Mogelpackung, die sich der Verlag da gebaut hat. Daher bereue ich nichts, außer: Ich hätte wohl damals einen Literaturagenten dazuholen sollen.

Thilo Mischke (39) studierte in Berlin Japanologie und Kulturwissenschaften. 2003 begann er seine journalistische Laufbahn, machte ein Volontariat beim Videospielmagazin “GEE”, gründete die Textagentur “plusquamperfekt – textproduktion” und das Filmbüro “Partizipzwei – Bewegtbildproduktion”. Mischke arbeitete unter anderem journalistisch für die Deutsche Presse-Agentur, für Magazine wie “Die Zeit”, “Playboy” “Neon”, “Cosmopolitan” und das Musikfachblatt “MusikExpress”. 2013 wurde er Reporter für “stern”, 2016 wechselte er zu “Focus”. Mischke veröffentlichte 2010 das missverständlich betitelte Buch “In 80 Frauen um die Welt”, das von einer sexistischen Wette ausgehend, ein Loblied auf die Liebe singt.

Mit der Doku “Unter fremden Decken – Auf der Suche nach dem besten Sex der Welt” begann im Juli 2012 die TV-Karriere Mischkes. Von Juni 2013 präsentierte er ein Jahr lang bei ZDF Neo das Magazin “Heiß und fettig”. Spektakulär war sein Glashausexperiment für das Pro7-Magazin “Galileo”, wo man ihm in Essen eine Woche beim Leben zusehen konnte. Die Dokureihe “Uncovered” produziert und moderiert Mischke seit 2016. Mit der zweistündigen Doku “Rechts. Deutsch. Radikal” präsentierte er am Montag (28. September) einen zweistündigen Einblick in den deutschen Rechtsextremismus, an dessen Ende ein AfD-Mann menschenverachtende Sätze über Migranten äußert – was umgehend zu seinem Rauswurf aus der Partei führte. Wer den Film verpasst hat, kann ihn in der Pro7-Mediathek ansehen.

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