Die Zombies kommen wieder: Endlos taumeln „The Walking Dead“

  • Eigentlich waren „The Walking Dead“ ja immer Herbstgestalten, die um Halloween durch die jeweils neue Staffel schlurften.
  • Diesmal kommen die finalen Folgen der zehnten Staffel – coronabedingt – ab 10. März zum Winterende.
  • Worin liegt die scheinbar unbegrenzte Faszination des Publikums für die fauligen Zombies begründet?
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Der Popsong hieß „Welcome to My World“, er war unglaublich sanft und süß, und erklang in der ersten Staffel von „The Walking Dead“, als Hunderte Zombies versuchten, dem Polizist Rick Grimes (Andrew Lincoln) mehr als ein Ohr abzukauen, nachdem der sich unglücklicherweise in einem Panzer verschanzt hatte. „Willkommen in meiner Welt“, einer Welt, in der Deputy Grimes in einem ziemlich ramponierten Hospital aus dem Koma erwachte und feststellen musste, dass etwas furchtbar aus dem Ruder gelaufen war mit der Welt: Frau und Kind weg, und die unheimlichen, hungrigen „Walker“ wandeln über den gottverlassenen Erdboden. Nach Atlanta machte sich Grimes damals auf, wo es die infektionsfreie Sicherheitszone geben sollte. Gerüchte von solchen Zonen kursieren in solchen Filmen und Serien immer.

„The Walking Dead“, da schnalzten die Freunde von kannibalischen Untoten damals, 2010, mit der Zunge. Eine Horrorserie aus der Werkstatt des meisterlichen Stephen-King-Verfilmers Frank Darabont („Die Verurteilten“, „The Green Mile“), nach den kultigen Comics von Robert Kirkman und Tony Moore. Die Überlebenden wurden – wie im Horrorsubgenre der Zombieade üblich – zu Jägern und Gejagten, die Zivilisation und ihre Regeln verwehten ein weiteres Mal im stinkenden Wind der Endzeit. Schon nach wenigen Minuten war man im Griff dieser splatterigen Geschichte, die ihr Mehr an Beklemmung vornehmlich über ihre Charaktere erzielte, die über die längere Spielzeit eben differenzierter gerieten als im gängigen 90-Minuten-Zombie-Kinoschocker.

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Die erfolgreichste Freigabe-ab-18-Serie in der Geschichte des Fernsehens läuft in der zehnten Staffel. Darabont verließ „The Walking Dead“ schon zur zweiten Staffel, auch Rick Grimes ist nicht mehr dabei. Coronabedingt zog sich die aktuelle Runde über zwei Jahre, ab 10. März sind bei Sky die zusätzlich gedrehten finalen Folgen zu sehen. Wenn aber 2022 nach der elften Staffel Schluss mit faulig sein soll, werden die Helden Daryl (Norman Reedus) und Carol (Melissa McBride) in einer eigenen Serie weiter durch die verheerte Welt reisen. Parallel laufen die Spin-offs „Fear The Walking Dead“ und „The Walking Dead: World Beyond“.

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Aber woher kommen die Zombies? Sie galten als karibische Erscheinung, die mit dem Voodookult in Verbindung steht. Willenlos gemachte Menschen, die sich wie in einem Traum bewegen, dabei abwesend und schmerzunempfindlich zu sein scheinen. Frühester Auftritt im Kino war in Jacques Tourneurs „Ich folgte einem Zombie“ von 1943.

Die Untoten suchen Orte früherer Freuden heim

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Der moderne Leinwandzombie hat mit jenem nur den Namen gemein, er erscheint erstmals in George A. Romeros Schwarzweißfilm „Night of the Living Dead“ (1968). Aus nicht geklärter Ursache stehen die Toten darin aus ihren Gräbern auf und verhalten sich kannibalisch. Wen sie nicht verspeisen, sondern nur beißen, der wird selbst zombifiziert und schlurft dann postum – mit dumpfer Erinnerung an die einstige Verstandesleistung – unaufhaltsam den Orten früherer Freuden entgegen.

In „Zombie“ („Dawn of the Dead“, 1979), dem eigentlichen Auslöser des Zombiefilmbooms, ist das die Mall, der Tempel des ungezügelten Konsums. In der britischen Zombiekomödie „Shaun of The Dead“ (2004) war es der Pub, Ort des Biers. Und in der ersten Folge der zweiten Staffel von „The Walking Dead“ saßen ein paar Hillbilly-Zombies tatsächlich im Betgestühl einer Kirche.

Möglicherweise liegen die Ursprünge von Romeros Taumlern in den Leprakranken von Fritz Langs Filmen „Der Tiger von Eschnapur“ und „Das indische Grabmal“ (beide 1959), die Paul Hubschmid und Debra Paget in den Katakomben des Maharadschapalasts mit ausgestreckten Armen infizierungssüchtig und ganz offensichtlich auch hungrig entgegenwankten. Die Seuche wird in jüngeren Filmen gern auch mal begründet (etwa mit missglückten Biowaffenexperimenten in der „Resident Evil“-Serie), wobei der Zombie längst kein verlässlicher Zeitlupenfredi mehr ist, sondern gern auch mal ein Weltrekordflitzer (zum Beispiel in Zack Snyders „Dawn of the Dead“-Remake von 2004 oder in „World War Z“ mit Brad Pitt von 2013).

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Von der bläulich-grauen Kolorierung in „Zombie“ hat er sich zudem, dank der Verbesserungen der Maskenbildnerei, zu einem entsetzlich anzuschauenden Fledderwesen entwickelt, das (siehe „The Walking Dead“, erste Staffel, erste Folge) auch als Dreiviertelskelettierter noch kraftvoll zubeißen will.

Sie sind zwar eigentlich tot, hören aber sehr gut

Wie der Pfahl ins Herz den Vampir tötet und die Silberkugel den Werwolf, ist auch dem Zombie beizukommen. Man muss sein Gehirn zerstören, wobei Distanzwaffen nicht unbedingt zu favorisieren sind. Gute Schützen mit viel Munition haben in Zeiten wie denen von „The Walking Dead“ nicht automatisch bessere Überlebenschancen als ein Kämpfer mit Machete und Speer. Denn die Untoten haben nach wie vor gute Ohren, Schüsse locken sie herbei und sie neigen dazu, sich zu Horden von Tausenden zusammenzurotten. Keine Chance, Jesse James!

Wobei die Menschen der Serie gar keine Zombies benötigen, weil sie sich auch untereinander immer noch nicht grün sind. Der Trailer zu den letzten Folgen der zehnten Staffel wartet mit neuen Gesichtern auf, die nach neuen Konflikten aussehen. Und der inzwischen vom Superschurken zum Halbnettling geläuterte Negan wird wohl keine Chance haben, seinen Charakterwandel dem zurückgekehrten Publikumsliebling Maggie plausibel zu machen, hat er doch – damals in der siebten Staffel, als er noch fies bis an den Rand des Irrsinns war – ihren Mann Glenn mit seinem Baseballschläger getötet (die wohl drastischste und umstrittenste Szene der ganzen Serie).

Der Zombie hat Konjunktur in Zeiten der Ängste

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Man hat den Zombie als Warnung vor den Folgen des Drogenkonsums interpretiert und als Gottesstrafe für dekadente Lebensführung. Er hatte seine erste Hochphase in der Zeit der Angst vor dem nuklearen Holocaust und erlebt seine (bis jetzt anhaltende) Konjunktur in den Zeiten globaler Terrorfurcht, der undurchschaubaren Finanzkrise, der Flüchtlingskrise, der Trump-Idiotie, der Corona-Krise. Er sagt uns, dass unser Dasein immer gefährdet ist, durch Dinge, die wir als Individuen nicht beeinflussen oder verhindern können.

Der Zombie ist das Ungewisse, das Chaos, das uns zur Beute von Populisten macht. Er ist die Verkörperung des Gefühls, dass die Dinge nicht richtig liegen in der Welt, dass es ungerecht zugeht, dass es uns zu gut geht, dass dies auf Kosten anderer geschieht. Der Zombie ist die Manifestation des schlechten Gewissens, zugleich der Beschließer der fetten Jahre, der Heimzahler.

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Ein Zombie tut dabei, was ein Zombie tun muss. Er ist nicht böse, er hält sich nicht irrtümlich für gut wie IS-Kämpfer oder Charles Manson. Er ist ein Krieger des Hungers, sein Krieg kann zu den Bürotürmen getragen werden, in die Wohnzimmer. Anders als ein Raubtier traut er sich in die Städte, er kennt sich aus, er war schließlich selbst mal Zivilisation.

Das Besondere ist seine Legitimation. Sind Werwolf und Vampir die Ausnahme, der Einzelfall, so ist das epidemische Ungeheuer Zombie schnell die dominante Spezies, müsste man Homo sapiens sapiens in der Welt von „The Walking Dead“ auf die Liste der gefährdeten Arten setzen.

Zombies erzählen sich keine Menschenlegenden

Wie in Richard Mathesons Roman „Ich bin Legende“ von 1954 (mehrfach verfilmt, unter anderem mit Charlton Heston und Will Smith) ist der Mensch in „The Walking Dead“ im Begriff, Legende zu werden. Nur erzählen sich Zombies keine Menschenlegenden. Sie schreiben auch keine zuckersüßen Popsongs. Nicht in 100.000 Staffeln.

Zu dumm!

„The Walking Dead“, Staffel 10c“, bei Sky, sechs Folgen, von Angela Kang, mit Norman Reedus, Lauren Cohan, Melissa McBride (ab 10. März)

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