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Doku über das Höhlenunglück von Thailand: spannender als jeder Thriller

Mission: Impossible – die Höhlentaucher John Volanthen (rechts) und Rick Stanton in der Höhle. Szene aus „The Rescue“.

Eingeschlossen im Berg – allein der Gedanke daran lässt es einem sofort eng um die Brust werden. Die ganze Welt bangte im Sommer 2018 um zwölf junge Fußballer und ihren Trainer, die in Thailand fast drei Wochen lang in einem Höhlensystem festsaßen. Heftige Regenfälle hatten weite Teile der Tham-Luang-Höhle überflutet, Tausende von zivilen und militärischen Hilfskräften aus Thailand und vielen anderen Ländern kämpften mit immer neuen Ideen um das Leben der Kinder. Und bis zuletzt war es ungewiss, ob sie je wieder ans Tageslicht kämen.

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Am Ende gelang die Rettung aller, die ganze Welt hatte medial teil daran. Die älteren Deutschen dachten an das „Wunder von Lengede“ 1963, als 14 Tage nach einem Grubenunglück elf Bergleute aus einer Eisenerzmine geholt wurden.

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Schon im Jahr nach dem glücklichen Ausgang hatte es ein Filmdrama um das Unglück auf Filmfestivals und in einigen Ländern – nicht aber in Deutschland – ins Kino geschafft. Der thailändisch-irische Regisseur Tom Waller hatte seinem Film einen dokumentarischen Anstrich verliehen, was komplett auf Kosten der Charakterausleuchtung ging. „The Cave“ (2019) war nicht zu retten.

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Ganz anders der Dokumentarfilm „The Rescue“ von Elizabeth Chai Vasarhelyi und Jimmy Chin, der seit einigen Tagen beim Streamingdienst Disney+ zu sehen ist und der den Betrachter über die volle 107-Minuten-Distanz in Bann schlägt wie ein grandioser Thriller. Dem Publikum den Atem zu rauben hatten die beiden Filmemacher schon mehrfach geschafft – etwa mit der oscargekrönten Doku „Free Solo“ (2018) über den Freeclimber Alex Honold, der als erster Kletterer ohne Seil die fast 1000 Meter hohe Felsnase des El Capitan im Yosemite-Nationalpark erklomm. Ähnlich gefesselt ist man von „The Rescue“, sodass man glatt vergisst, dass alles gut ausging damals.

Chin und Vasarhelyi sind Meister der Dokudramaturgie

Das liegt daran, dass die Eheleute Chin und Vasarhelyi vorzügliche Erzähler des Faktischen sind, die dem Publikum zunächst ihr Szenario knapp, aber drastisch präsentieren. Die Höhle war seit jeher einer der Spielplätze der Kinder. Sie ist endlos lang mit vielen Engpässen und – nach der Flutung – starker Strömung. Jedes Jahr im Juli wird sie geschlossen, im Juni aber ist sie noch offen, da sind solche extremen Wolkenbrüche ungewöhnlich. Die Zeit drängt nun: Vier Monate Regenzeit stehen bevor, in denen auch die letzte Luftkammer geflutet werden wird. Die thailändische Spezialeinheit Navy Seals erweist sich weder als ausgebildet noch als ausgerüstet fürs Höhlentauchen.

Der „verrückte ausländische Höhlenforscher“ Vern Unsworth, der Tham Luang ausgekundschaftet hat, schlägt daraufhin seine Landsmänner Rick Stanton und John Volanthen vor – nach seinen Worten die „besten Höhlentaucher der Welt“.

Den Höhlentauchern dämmert schnell das Unmögliche des Vorhabens

Aufmarsch der britischen Helden (und später weiterer Kollegen), die sich in die Höhle vorarbeiten und zunächst in der dritten „Kammer“ statt der Kinder erleichterte Pumpenarbeiter finden, die nach einem unpassenden Nickerchen ebenfalls gerettet werden müssen. Als diese erwachsenen Männer bei nur 40 Sekunden Tauchzeit schon panisch werden, dämmert den Rettern die Unmöglichkeit ihrer Unternehmung. Viel tiefer in der Höhle als erwartet stoßen sie schließlich auf das erschöpfte, abgemagerte, aber niemals die Zuversicht verlierende Fußballteam.

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Aber wie bekommt man diese Kinder, die noch nie eine Taucherausrüstung anhatten, die zum überwiegenden Teil nicht einmal schwimmen können, durch Kilometer trüben Wassers? Ein außergewöhnlicher und höchst riskanter Plan nimmt Gestalt an – aber nach aller Abwägung ist er der einzige, bei dem die Gefangenen des Berges überhaupt eine Chance haben.

Selbst wer damals alle Sendungen verfolgte, erfährt Neues

Alles wird beleuchtet, und selbst wer damals alle Sendungen zum Unglück akribisch verfolgte, erfährt Neues: Von den ingenieurstechnischen Meisterleistungen der Umleitung eines Wasserfalls bis zum felsenfesten Glauben eines „heiligen Mannes“, der den Eltern versichert, die Jungen würden in ein paar Tagen wieder da sein. Auch die tragische Liebesgeschichte einer Prinzessin aus märchenhafter Vergangenheit spielt im Thrill von „The Rescue“ eine Rolle. Und nein, die Einheimischen erscheinen nicht als rückständiges Landvolk, das von klugen westlichen Köpfen geleitet wird. Jeder gibt sein Möglichstes, und jeder darf vor der Kamera zu Wort kommen. Diese große Geschichte aus vielen kleinen Geschichten ist rund – und fair.

Aber natürlich sind es Stanton und Volanthen, die – viele der Interviews wurden nachträglich gedreht – Details ausbreiten, die es damals nicht in die Nachrichten schafften. Die auch sich selbst erklären und ihre Liebe zu den engen und verschlungenen unterirdischen Welten verdeutlichen. Wo es für andere unheimlich und angsterfüllend wird, sind sie geflutet von Freude, Neugier und einem Gefühl der Geborgenheit („man kann der normalen Gesellschaft entfliehen und wird wieder zum Höhlenmenschen“).

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Das Zweierteam ist empathisch genug, sich selbst in den Augen der traditionellen Rettungskräfte zu sehen – „zwei Männer mittleren Alters, die sich wichtig machen wollen“. Und es ist ihnen bewusst, dass sich die euphorische Stimmung nach dem Auffinden der Überlebenden drehen könnte, wenn man nur Leichen zum Vorschein brächte. Eine Rettungsaktion, das wird dem Zuschauer klar, ist auch keine Fifty-fifty-Sache, sie ist nur geglückt, wenn alle Kinder wie im Happy End eines alten Hollywoodfilms in die Arme ihrer Eltern sinken können.

Als dann der Monsun losdrischt, zieht sich das Zeitfenster zu. Das ist der Moment, in dem man als Zuschauer die Hände unter die Schenkel schiebt, um nicht wieder mit dem Fingernägelkauen zu beginnen. Selten etwas derart Spannendes, Bewegendes, Anrührendes gesehen.

Die Botschaft von „The Rescue“ ist nicht minder erfüllend: Die Welt ist hier ein Team gewesen im Kleinen, das lässt Hoffnung zu, dass sie auch im Großen zusammenhalten kann. Die unglaubliche Tat hat die, die sie wagten und die sich zum Teil als Nerds empfanden, mit mehr Zutrauen zu sich selbst erfüllt. Ihre Liebe zum Nächsten und Selbstlosigkeit werden in diesem Film als menschliche Qualitäten erfahrbar, was guttut nach all dem asozialen Verhalten und der Unvernunft jener, die das Wohlergehen, ja das Leben der Nächsten ganz weit hinter ihre persönliche Freiheit stellen, wenn es ums Impfen in der Pandemie geht. Vernunft und Liebe sind möglich, das ist die Botschaft dieses Dokumentarfilms, der zugleich Thriller und Feel-good-Movie ist.

Inspirierend!

„The Rescue – Das Höhlenunglück in Thailand“, 107 Minuten, von Jimmy Chin, Elizabeth Chai Vasarhelyi, mit Rick Stanton, John Volanthen, Saman Gunan, Waleeporn Gunan, Vern Unsworth, Chris Jewell, Richard Harris (streambar bei Disney+)

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