„Tatort: Unklare Lage“: Atemlos in München

  • So rasant wie „Unklare Lage“ (Sonntag, 26. Januar, 20.15 Uhr, ARD) war selten ein „Tatort“.
  • Rasant und realistisch reißt der neueste Fall von Batic und Leitmayr den Zuschauer 90 Minuten lang mit.
  • Die Handlung: Ein Kontrolleur wird in einem Bus ermordet, bei der Suche nach dem Täter geraten die Kommissare selbst ins Fadenkreuz des SEK.
Ernst Corinth
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Die Alten können es noch. Und wie! „Unklare Lage“, der neuste Fall des dienstältesten Kommissarduos Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl), ist nämlich so fantastisch, dass man einfach ins Schwärmen geraten muss. Selten hat ein „Tatort“ seinen Hauptdarstellern körperlich so viel abverlangt wie diese Folge, und auch der Zuschauer ist hinterher wie erschlagen. So rasant ist das unglaubliche Tempo, so mitreißend die Atmosphäre, die dabei unter anderem durch den Einsatz einer Steadycam und durch eine äußerst geschickte Montagetechnik erzeugt wird. Viele Szenen wirken zudem unglaublich realistisch. Und bisweilen hat man sogar das Gefühl, man stecke selbst mittendrin im Geschehen, also in einer unklaren Gefahrenlage, mit der die Münchner Polizei zu kämpfen hat.

Inszeniert hat dieses famose Kunststück die 41-jährige Regisseurin Pia Strietmann, die bisher eher durch komödiantische Kost aufgefallen und 2018 für die ZDF-Comedyserie „Blaumacher“ für den Deutschen Fernsehpreis nominiert gewesen ist. Dagegen ist ihr Autor Holger Joos ein ausgewiesener Krimiexperte, der unter anderem für den „Tatort“ und die „Donna Leon“-Reihe gearbeitet hat. Beide zeichnen hier zusammen mit ihrem exzellenten Kameramann Florian Emmerich einen Polizeieinsatz nach, wie er wohl (nicht nur) in jeder größeren deutschen Stadt plötzlich geschehen kann. Und dessen Umstände ein wenig an das Attentat im Münchner Olympia-Einkaufzentrum 2016 erinnert.

Chaos im Linienbus

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Der Wahnsinn nimmt seinen Anfang in einem städtischen Bus, in dem plötzlich das Chaos ausbricht. Menschen schreien, werfen sich auf den Boden, gehen in Deckung, manche filmen heimlich mit ihren Handykameras und einer telefoniert mit der Polizei, um sie zu Hilfe zu rufen. Schüsse sind nämlich im Bus gefallen. Und das Opfer ist ein Kontrolleur, während der dunkel gekleidete und mit einem Rucksack ausgestattete Täter inzwischen geflohen ist. Da die Lage jedoch unklar, womöglich noch ein Täter im Bus ist, geht das mittlerweile erschienene SEK anfangs äußerst robust mit den Fahrgästen um. Sie müssen mit hochgehaltenen Armen einzeln den Bus verlassen und werden umgehend befragt. Doch ihre Antworten widersprechen sich. Die Lage bleibt also unklar.

Auch Batic und Leitmayr sind inzwischen vor Ort, wirken jedoch angesichts des hektisch martialischen Durcheinanders am Tatort eher hilflos, bis sich die Situation etwas beruhigt. Gleichzeitig machen aber angestachelt durch die sozialen Medien beängstigende Gerüchte die Runde, auch die etablierten Medien berichten bereits. Und es wird viel spekuliert: über einen Terroranschlag, eine Amoktat, mögliche weitere Anschläge und über einen Komplizen des Täters.

Unfassbares Tempo, mitreißende Dynamik

Danach beginnt ein atemloser Wettlauf gegen die Zeit. Die Polizeimaschinerie läuft dabei auf höchsten Touren. Ständig gibt es neue Erkenntnisse, auch widersprechende. Verdächtige werden gesucht, gefunden und vernommen. Dazu kommt Kompetenzgerangel im nervösen Einsatzstab der Polizei. Zwischendurch greift irgendwo in der Stadt das SEK ein, vermummt und oft nur auf Verdacht. Man weiß ja nie. Und mittendrin in diesem Wirrwarr stecken Batic und Leitmayr, die dabei auch selbst mal Opfer eines handfesten SEK-Einsatzes werden.

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All das geschieht besonders in der ersten Hälfte des Films in einem unfassbaren Tempo und in einer mitreißenden Dynamik, in der zweiten gibt es dann bei den Vernehmungen wenigstens ab und an ein paar kurze Ruhepausen. Und durch die Geschwindigkeit, in der das alles abläuft, bleibt auch im Film keine Zeit, die Motive des oder der Täter zu ergründen. Es bleibt daher notgedrungen bei Andeutungen und Spekulationen – bis zum Schluss und zu einem dramatischen Showdown, der dann auch mehr Fragen aufwirft, als sie final zu beantworten. Während der Zuschauer, der hier wohl einen recht realistischen Eindruck von der Arbeit der Polizei in einer Ausnahmesituation bekommt, hinterher tatsächlich vom bloßen Betrachten absolut erschöpft, einfach geschafft ist. Und nach diesem Ausnahme-„Tatort“ auch ziemlich ratlos ist, genau wie Batic und Leitmayr.

„Tatort: Unklare Lage“ mit Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl am Sonntag, 20.15 Uhr, in der ARD

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