„Tatort: Tödliche Flut“: Die Sitten saufen ab

  • Die „Tatort“-Kommissare Falke (Wotan Wilke Möhring) und Grosz (Franziska Weisz) zieht es diesmal nach Norderney.
  • Erst mal nur, um einer Bekannten die Angst zu nehmen.
  • Doch dann passiert in „Tödliche Flut“ (24. Januar) ein Mord, der erste seit 20 Jahren auf der Insel.
Lars Grote
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Weil man es von Friesen sonst nicht kennt, dass sie den Kopf verlieren, muss man diesen Schuss von Imke (Franziska Hartmann) nahezu als Kriegserklärung sehen. Sie schießt auf ein Kaninchen, das durch ihren Garten läuft. Getroffen! Kalte Freude spielt um ihre Augen, wie bei Rauchern nach dem ersten Zug an einer Zigarette. Norderney läuft heiß, was eher mental gemeint ist, denn das Wetter auf der Insel hat von heiß nicht viel gehört. Auch im Juli sind hier Gummistiefel wichtiger als Badesachen.

Imke vibriert, spricht nervös und dennoch druckreif, sie arbeitet als Journalistin, ihr Fachgebiet sind Schweinereien. Korruption, Geldwäsche, Erpressung. Ihr Eyeliner verschmiert, die Augen tränen – Imke ist durch den Wind, was auf der Insel niemanden verwundert, weil der Wind halt immer bläst. Er beißt sich nicht nur in die Augen und die Schminke dieser Hippiekönigin mit ihren Rastazöpfen und dem seelenvollen Blick. Auch die Sitten sind nicht wetterfest auf Norderney. Es geht um Urlaubshäuser. 50 Immobilien gehören auf der Insel einem Fonds, Adresse in Luxemburg, die Spuren führen Richtung Singapur.

Jeder will hier Häuser bauen, Goldgruben, die auch bei Graupelschauern im August durchgehend Geld einspielen. Welche Firma kriegt den Zuschlag, wer zieht die Hütten hoch? Die Frau des Vizebürgermeisters wird mit teuren Handtaschen gesehen. In Shanghai. Geschenke und Gefälligkeiten. Schnell wird klar, woher der Wind weht.

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Der warme Nachhall einer lang verwehten Liebesnacht

Was will ein Kommissar wie Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) ausrichten in diesem Sumpf, den er nicht kennt? Ein Mann, der auf die Insel nur die Kenntnisse eines Touristen mitbringt? Falke hängt sich im norddeutschen „Tatort“-Krimi „Tödliche Flut“ (Sonntag, 20.15 Uhr) an Imke, die hier bei ihrer Oma aufwuchs, und zu ihm ins Auto steigt, vertraut und ungeniert. Schnell wird klar, dass da vor Jahren mal was lief mit Imke und dem Kommissar. Imke ist der Motor dieser Insel, das darf man energetisch, erotisch und alkoholisch verstehen. Sie hat den Männern die Köpfe verdreht, die Bierfässer leer getrunken und nebenbei, als sie die Insel mal verließ, eine Reportage über Kindersoldaten im Kongo geschrieben.

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Falke hat keinen Kindersoldaten zu Hause, aber einen Sohn, der Geburtstag hat. Doch der feiert lieber ohne Vater. Wenn das Kind bei Falke anruft, hört man dessen Klingelton, „Sympathy for the Devil“ von den Stones. Falkes Sympathien gehören jedoch nicht dem Teufel, sondern Imke. Zwischen beiden gibt es immer noch den warmen Nachhall einer lang verwehten Liebesnacht. Es wird sich noch erweisen in der starken, dicht verwobenen und konzentriert erzählten „Tatort“-Folge, wo der Unterschied und wo Gemeinsamkeiten zwischen Imke und dem Teufel liegen.

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Ein toter Immobilienmakler

Neben Falke arbeitet die Kommissarin Julia Grosz (Franziska Weisz), die wie Franziska Giffey auftritt, ähnlich engagiert in ihrem kümmernden, weiblichen Gestus. Doch wo Giffey, die Familienministerin, umarmt, sucht Grosz den Abstand, um zu prüfen und die Fakten kühl zu checken. Sie lässt sich nicht unter den Tisch trinken, auch von Imke nicht, selbst wenn Shantys herrlich durch die Kneipe heulen: „Das kommt so was wie Zuhause am nächsten“, singen die Seeleute, doch es ist nicht klar, ob sie den Bierkrug oder Imke meinen, eine Frau, von der auch Baulöwe Jan Gerdes (Oliver Bröcker) mal geträumt hat, bevor er Maike Gerdes (Katharina Behrens) geheiratet hat, die wiederum eine Affäre mit dem Makler Grafenstein einging – bevor er tot in seinem Haus gefunden wurde. Die Besitzverhältnisse, sowohl die amourösen als auch die der Immobilien, sind auf Norderney nicht ausreichend geklärt.

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Die Erkenntnisse, wer Grafenstein ermordet hat, erweisen sich nicht als stabil, die Aussagen der Zeugen wirken wetterwendisch. Was die Freude an dem Film nur noch erhöht. Die Geschichte dieses „Tatorts“ ist komplex, dennoch plausibel aufgeschlüsselt. Die Bilder blitzen in der Sonne, doch wissen auch vom grauen Überlebenskampf der Insulaner. Getragen wird das Stück vor allem von Franziska Hartmann, die als Imke irrlichtert und nahezu verglüht. Dass Wotan Wilke Möhring eher mit seiner kernigen, sensiblen Aura überzeugt, nicht zwingend durch Facetten, geht in Ordnung. Norderney braucht solche Typen, die immer gucken, als warten sie aufs nächste Bier.

„Tatort: Tödliche Flut“: Drehbuch: David Sandreuter, Regie: Lars Henning; mit Wotan Wilke Möhring und Franziska Weisz.

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