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Krimi über Kinder außer Kontrolle

„Tatort: Marlon“: Grundschüler, die Angst und Schrecken verbreiten – gibt es sie wirklich?

Ein Neunjähriger, vor dem eine Grundschule im Ludwigshafener „Tatort" erzittert. Trotz eines Verbots betritt der Viertklässler Marlon am Morgen des Schulfests entschlossen den Schulhof. Als er wenig später tot ist, scheinen viele, die ihn kannten, erleichtert.

An einer Grundschule in Ludwigshafen geht die Angst vor einem Neunjährigen um. Marlon, eigentlich aus unauffällig bürgerlichem Elternhaus, greift Mitschüler und Erwachsene an, seine Gewaltausbrüche sind heftig und oft schwer vorherzusehen. Spätestens seit dem deutschen Oscarbewerber „Systemsprenger“ von 2020 kennt man diese Thematik auch im Film. Der SWR machte nun einen Krimi daraus. Doch nimmt Schulgewalt tatsächlich zu? Und sind auch schon die Kleinsten davon betroffen? Die wichtigsten Fragen zum „Tatort: Marlon“.

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Worum ging es im „Tatort: Marlon“?

Marlon (Lucas Herzog) hat beim Schulfest eigentlich Hausverbot, an das er sich aber nicht hält. Mit wild entschlossenem Blick stapft der Junge an diesem Tag auf den Schulhof, wenig später liegt er tot am Fuß einer Treppe. Niemand hat etwas gesehen. Mit zwei Kindern, Madita (Hanna Lazarakopoulos) und Pit (Finn Lehmann), hatte der tote Junge am meisten zu tun. Das Binnenverhältnis des Trios schwankte zwischen Freund- und Feindschaft. Maditas Vater (Urs Jucker) berichtet, dass seine Tochter von Marlon gemobbt wurde. Auch der Hausmeister und die Lehrkräfte hatten es schwer mit dem Jungen, dessen Eltern (Julischka Eichel, Markus Lerch) über die Jahre mit dem chronischen Problemkind mürbe geworden sind. „Wir hatten ja nicht mal eine Diagnose“, erzählt Marlons resignierte Mutter den Ermittlerinnen.

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Worum ging es wirklich?

Auch wenn am Ende des „Tatorts“ ein – ebenso unglücklicher wie unfreiwilliger – Täter gefunden wurde, die eigentliche Frage des Ludwigshafen-Krimis blieb ungelöst: Was erzeugt in einem Neunjährigen so viel Gewaltpotenzial, dass Pädagogen, Eltern und Mitschüler an ihm verzweifeln? Gut, dass Drehbuchautorin Karlotta Ehrenberg („Besuch für Emma“) und Regisseurin Isabel Braak („Tatort: Rettung so nah“) auf übliche Muster (Gewalt in der Familie, gescheiterte Integration etc.) verzichteten und die Wut des Jungen nicht „durcherklärten“. Der emotionalen Wucht des Films tat dies gut. Die Bezüge des Schuldramas zu privaten Geschichten der Ermittlerinnen wie auch die von Ludwig Trepte etwas zu fuchtelig interpretierte Rolle des engagierten Sozialarbeiters wirkten hingegen ein wenig zu dick aufgetragen.

Wie groß ist das Gewaltpotenzial an deutschen Schulen?

Jahrelang vermeldeten Polizei und Statistiker, dass sich Gewaltdelikte an Schulen seit den 90ern rückläufig entwickelten. Tatsächlich war das bis mindestens 2013 auch der Fall. Dann ließ 2018 eine neue Statistik aufhorchen: Zehn deutsche Landeskriminalämter vermeldeten einen – zum Teil – drastischen Anstieg von Gewalt. Am deutlichsten bei gefährlichen und schweren Körperverletzungen: 10 Prozent waren es in Nordrhein-Westfalen, 19 Prozent in Bayern, 21 Prozent in Hessen, 24 Prozent in Rheinland-Pfalz, 39 Prozent in Sachsen-Anhalt, 40 Prozent in Brandenburg, 41 Prozent in Baden-Württemberg, 60 Prozent in Mecklenburg-Vorpommern. An Berliner Schulen seien Meldungen über „schwere körperliche Gewalt“ zwischen 2012 und 2016 gar um 69 Prozent gestiegen.

Sind auch Grundschulen von Gewalt betroffen?

2020 veröffentlichte das Meinungsforschungsinstitut Forsa eine Studie. Es wurde nach Schulformen aufgeschlüsselt, inwieweit Lehrkräfte über die letzten fünf Jahre Erfahrungen mit „Gewalt oder Diffamierung“ gemacht hatten. Die Angriffe wurden in drei Kategorien unterteilt: körperliche Gewalt, Diffamierung über das Internet und verbale Gewalt. Bei den „körperlichen Angriffen“ belegten Grundschulen erstaunlicherweise den ersten Platz (40 Prozent der Schulen benannten solche Fälle). Erst deutlich dahinter folgten Haupt-, Real- und Gesamtschulen (21 Prozent) und Gymnasien (8 Prozent). Bei der „verbalen Gewalt“ kamen Grundschulen auf Platz zwei (57 Prozent) hinter den Haupt-, Real- und Gesamtschulen (73 Prozent). Nur in Sachen Internetdelikte lagen die Grundschulen mit 20 Prozent hinten. Vermutlich deshalb, weil viele Kinder in diesem Alter noch ohne Handy und Computer unterwegs sind. Gewalt an Grundschulen scheint also durchaus ein Thema zu sein – auch wenn Kritiker anmerken, dass unsere gesellschaftliche Sensibilität für Gewalt an der Schule gegenüber früher deutlich gestiegen und deshalb leichter „messbar“ sei.

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Wie geht es beim Ludwigshafener „Tatort“ weiter?

Vor knapp einem Jahr wurde der 75. Ludwigshafener „Tatort“ gedreht, der als Nächstes ausgestrahlt wird. „Das Verhör“ zeigt Götz Otto, der schon im jüngsten Franken-„Tatort: Warum“ zu sehen war, im Psychoduell mit Ulrike Folkerts und Lisa Bitter. In dem Krimi, der voraussichtlich im Herbst 2022 zu sehen sein wird, wird eine Investmentbankerin grausam getötet.

Der erste Verdacht fällt auf ihren Ex-Ehemann, dem sie häusliche Gewalt vorgeworfen hatte. Der allerdings präsentiert den Kommissarinnen Lena Odenthal und Johanna Stern ein gut bezeugtes Alibi. Indizien vom Fundort der Leiche führen die Ermittlerinnen schließlich zu einem Soldaten der Bundeswehr. Lena Odenthal ist überzeugt, dass in der Psyche des Verdächtigen ein tiefsitzender Frauenhass verborgen ist.

RND/Teleschau

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