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  • Tatort heute: Der doppelte Ulrich Tukur in „Die Ferien des Monsieur Murot“ am Sonntag, 22.11.2020

„Die Ferien des Monsieur Murot“: Im „Tatort“ übernimmt Ulrich Tukur eine Doppelrolle

  • Schauspieler Ulrich Tukur ist im neuen „Tatort“ in einer Doppelrolle zu sehen.
  • In „Die Ferien des Monsieur Murot“ spielt er den Kommissar, aber auch einen Autohändler, der ermordet wird.
  • Klingt seltsam? Ist es auch. Eine Kritik.
Lars Grote
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Bei Kommissar Murot erwartet man ja immer einen Ausfallschritt, ein ungeplantes Tänzchen oder einen Satz, der in der ARD um diese Uhrzeit eigentlich verboten ist. Der Sonntagabend wird im Sender meist genutzt für eine gut gebaute, in sich stimmige Moralpredigt. Was die Kirchen gegen 10 Uhr nach dem Glockenläuten leisten, bietet der „Tatort“ ab 20.15 Uhr in einer etwas ruppigeren Variante: Die Werte des Abendlandes werden gefeiert. Die Bösen kommen in den Knast, die Guten finden endlich Ruhe.

Moralisch ist Murot durchaus robust, er sieht das nicht so eng mit Gut und Böse. Doch wenn die Kellnerin ein Eisbein bringt, führt sie Murot an seine Grenzen – denn der Kommissar lebt abseits aller bürgerlichen Speisekarten. Ja, er mag es herzhaft, doch er liebt die Raffinesse. Sein rundes Bäuchlein ist barock, sein Blick jedoch wirkt fein. Von Ferne sieht er aus wie ein Franzose, der kultiviert, doch eher verwirrt durch einen alten Film der Nouvelle Vague spaziert. In Filmen aus Frankreich hat es noch nie ein Eisbein gegeben.

Hat ihn die Kellnerin verwechselt, wartet jemand anderer auf diesen großen Mittagsteller? Felix Murot, Ermittler im „Tatort“ aus Wiesbaden, jetzt aber auf Urlaub im Taunus, schaut sich im Garten vor dem Gasthaus um. Da sitzt ein Mann hinter der Zeitung, er lässt die Zeitung fallen. Es ist, als blicke Kommissar Murot in einen Spiegel: Das ist sein Doppelgänger! Murot sieht Walter, den Autoverkäufer, redselig und ruchlos, der Hunger steht ihm ins runde, freundliche Gesicht geschrieben.

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Biertrinken gegen die Angst

Ulrich Tukur spielt sie beide, den Ermittler Murot und Walter, dessen prächtige Proletenhaftigkeit so feist und greifbar wirkt, dass Tukur sich mit Lust in diese Rolle wirft. Doch Walter bleibt nur eine Episode. Er zappelt vor Erregung, wenn er Eisbein riecht. Doch er hat Angst. Vor seiner Frau. „Sie will mich umbringen!“, sagt Walter. Neulich habe sie ihm Pflanzenschutzmittel in den Kaffee getan. „Ich gehe jetzt nur noch auswärts essen.“ Und er trinkt Bier. Gegen die Angst. Viel Bier. Betrunken sind sie letztlich beide, Walter und Murot.

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Walter torkelt nach Hause, pinkelt an einen Baum, wankt über die Landstraße. Es ist Nacht. Da kommt ein Auto, ein alter, gut gepflegter Daimler – Walter, der Händler, liebt solche grundsoliden Fabrikate. Der Daimler nimmt Anlauf, zielt auf Walter, überfährt ihn. Und gleich noch mal. Er ist tot. Wer saß am Steuer? Es ist zu dunkel, um das zu erkennen.

Felix Murot, den nun jeder im Dorf für Walter hält, nimmt diese neue Rolle an. Er schlüpft ins Leben seines Doppelgängers, geht nach Hause zu Walters waidwunder Frau Monika (Anne Ratte-Polle), die mit Tabletten durch den Tag kommt und schreit, als sie Walter sieht. Murot hockt in Walters Büro, siezt die Sekretärin Susa (Lena Kalisch), sie wacht mit kurzem Rock, Lippenstift und Stiefeletten über den Laden, der sich Walter’s Top Cars nennt. „Waren wir nicht längst per Du?“, fragt sie mit einem frechen Grinsen. Murot steigt denkbar ungelenk in Walters Leben, um zu ermitteln, wer ihn umgebracht hat.

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Doppelgängerstücke setzen oft auf einen einfältigen Witz, doch „Die Ferien des Monsieur Murot“ sind ein großes, subtiles Vergnügen – was auch an Anne Ratte-Polle liegt, die so existenzialistisch gucken kann, so verdutzt und zärtlich, dass man ihr schnell die große Leinwand wünscht für diesen Blick.

„Tatort: Die Ferien des Monsieur Murot“: Experiment geglückt

Das Werk hat angefangen wie ein Heimatfilm (Regie: Grzegorz Muskala, er schrieb das Drehbuch gemeinsam mit Ben Braeunlich), die gemütlichen Figuren sehen aus wie in den Stücken aus den 50ern mit Peter Alexander. Doch plötzlich wird es eben doch ein Krimi, der auch Komödie bleiben will. Hier spürt man die Hommage an die „Ferien des Monsieur Hulot“, dieses Luststück aus dem Jahre 1953, Jacques Tati spielte die charmant-exzentrische Hauptrolle.

Auch die Krimis mit Kommissar Murot sind exzentrisch, nicht jeder mag da folgen. Sein neunter Fall jedoch zeigt sich fast bürgerlich, der Wille zum Experiment bleibt maßvoll. Und dennoch ist das Stück so stark, spielfreudig und versonnen, wie es bei einem „Tatort“ allgemein nur selten glückt.

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