Göttinger “Tatort: National feminin”: Eine tote Jurastudentin und eine verliebte Kommissarin

  • Im “Tatort: National feminin” (26. April) mit Charlotte Lindholm und Anais Schmitz hören die Zickereien zwischen den Kommissarinnen erst mal auf.
  • Doch dafür gibt es neuen Ärger.
  • Die Ermittlungen im rechten studentischen Milieu sind zwar spannend, aber auch klischeebeladen, findet RND-Kritiker Ernst Corinth.
Ernst Corinth
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Göttingen. Die gute Nachricht gleich vorweg: In ihrem dritten gemeinsamen Fall haben die Kommissarinnen Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) und Anais Schmitz (Florence Kasumba) endlich das Kriegsbeil begraben. Die für den Zuschauer doch recht nervigen Zickereien zwischen den beiden sind also offenbar vorbei.

Dennoch droht bereits neues und noch fürchterlicheres Unheil, da sich Lindholm ausgerechnet in den Ehemann ihrer Kollegin verliebt hat. Das kann gewiss mal passieren – wie im letzten Fall bereits angedeutet. Das wird jetzt jedoch leider weitergesponnen und wirkt immer noch arg unglaubwürdig. Dass sich Lindholm dann auch noch wie ein verknallter Teenie in einer TV-Soap verhält, passt vielleicht ins ARD-Nachmittagsprogramm, aber am Sonntagabend nervt es gewaltig.

Lindholms anstrengender Hang zum Dozieren

Genauso anstrengend ist ihr Hang zum Dozieren, dem sie im “Tatort: National feminin” (Regie: Franziska Buch) leider mal wieder ungezügelt nachgeht. Das kommt stets ziemlich plakativ rüber, ist vollkommen überflüssig und das hässliche Gegenteil von subtil.

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Plakativ ist leider sowieso vieles in diesem neuesten Fall aus Göttingen, der sich mit einem Mord in der rechtsradikalen Szene der eigentlich so beschaulichen Universitätsstadt beschäftigt. Und wenn es im “Tatort” um Rechte geht, geht oft recht viel schief – wie auch in diesem Fall.

Attraktive Jurastudentin als Mordopfer

Mordopfer ist die attraktive Jurastudentin Marie (Emilia Schüle), die im Stadtwald tot aufgefunden wird. Sie war die Betreiberin eines Videoblogs mit dem Namen “National feminin”, auf dem sie mit rechten und rassistischen Parolen gegen den Feminismus und gegen die angebliche Überfremdung Europas durch “Männer aus frauenverachtenden Kulturen” agitierte. Durch ihr Engagement war sie schnell zum hübschen Aushängeschild ihrer Gesinnungsfreunde in Göttingen geworden.

Auch ihre Ermordung nutzt die Szene sofort, um in den sozialen Netzwerken gegen Ausländer und die angeblich tatenlose Polizei Stimmung zu machen. Es werden Gerüchte gestreut, bewusst Unwahrheiten verbreitet und es wird mit Unterstellungen gearbeitet. Dies geschieht im Film genau wie im wahren Leben. Wie der Film dies visuell umsetzt, ist bis in die Wortwahl gelungen und zeigt, dass Drehbuchautor Florian Oeller, der zuletzt auch für das Dokudrama “Die Getriebenen” arbeitete, gut in der Szene recherchiert hat.

Griff in die Klischeekiste

Leider greift aber auch dieser Film dann tief in die Kiste der Klischees. Er vergisst dabei, dass allein schon vom Erscheinungsbild neue Rechte mit alten Rechten nicht allzu viel mehr gemeinsam haben. So treffen Lindholm und Schmitz bei ihren Ermittlungen auf Typen, die völlig überzeichnet sind. So plump, wie sie hier auftreten, sind Möchtegern-Nazis im Uni-Milieu kaum vorstellbar. Außerdem wirken die platten Sprüche, die sie in den Vernehmungen abliefern, doch arg an den Haaren herbeigezogen.

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Dass dann diese merkwürdigen Auftritte Lindholm zum Anlass dienen, mal wieder über die Verwerflichkeit von Rassismus zu dozieren, ist allerdings genauso unsinnig und führt in einer Szene sogar dazu, dass sie von ihrer Kollegin Schmitz unterbrochen wird mit der Bemerkung, dass sie damit die Ermittlungen auch nicht gerade weiterbringen würde.

Tote hatte Affäre mit der Professorin

Neben Maries Gesinnungsfreunden gibt es natürlich noch mehr Verdächtige und Verdächtiges. Wie sich nämlich bald herausstellt, hat die Tote eine Affäre mit der Professorin Sophie Behrens (Jenny Schily) gehabt. Die Juristin, die kurz vor einer Karriere am Bundesverfassungsgericht steht, ebenfalls eine Ikone der rechtsnationalen Szene und mit einer Frau verheiratet, dient in diesem Film als überraschend sympathisch gezeichnete Gegenspielerin Lindholms. Und dann ist da noch ein geheimnisvoller Stalker, von dem sich Marie polizeiaktenkundig bedroht gefühlt hat.

Es gibt also genug Personal und auch genügend Motive für einen fesselnden Krimi. Spannend ist der Film streckenweise durchaus, auch das Thema, das er behandelt, ist gewiss wichtig. Dennoch wird einem der Spaß an diesem Film arg ausgetrieben durch die überdeutlichen Botschaften, die er zur Belehrung der Zuschauer transportiert und an denen er sich oft sogar überhebt. Sogar am Ende, wenn Lindholm uns mit ach so wahren Wahrheiten ins Bett oder zu Anne Will schickt.

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