„Tatort: Die harte Kern“: Moral trotz Mord

  • Der neue „Tatort“ kommt am Sonntag aus Weimer.
  • In „Die harte Kern“ ermitteln Lessing und Kern in einem alten Mordfall.
  • Trotz kruder Story hat der Film Witz, ist unterkühlt und kurios.
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Weimar. Wenn Lessing sagt „Sie sind verhaftet“, klingt er wie ein Konfirmand, der um sein erstes Bier bittet. Lessing ist Ermittler in Weimar und wird gespielt von Christian Ulmen, wobei es das Wort „spielen“ nicht ganz trifft. Die Sätze poltert er heraus, es klingt nach Plattdeutsch und nach Kneipenpoesie. Diese Sätze haben Wucht bei Ulmen, denn sie wirken nicht poliert von einer Sprachausbildung.

Ulmen schleicht oft wie ein Geist durch diesen „Tatort“, noch verstörter oder, wie man heute sagt, verstrahlter als bei „Dr. Psycho“, das ihm „Stromberg“-Autor Ralf Husmann vor gut zehn Jahren in der Comedy- und Polizeiserie auf den Leib schrieb – mit Hang zum Borderline, zum Blödeln und zur furiosen Bräsigkeit.

Bedingt Handwerk

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An seiner Seite hat Lessing keinen Goethe, wie das in Weimar naheläge, sondern eine Dorn. Auch Kira Dorn ist Kommissarin, sie ist die Frau von Lessing, der einfach „Lessing“ heißt, als sei das eine Marke. Dorn wird gespielt von Nora Tschirner, auch sie setzt nur bedingt aufs Handwerk. Genau wie Ulmen ist sie ein Charakterkopf, in ihren Rollen wirkt sie störrisch, sie geht in den Figuren niemals auf, sondern wahrt sich einen Abstand. Die eigene Persönlichkeit blitzt immer durch.

Wenn Lessing und Dorn zu Anfang über einen Acker fliehen, der vielleicht ein Feldweg ist, ruft Lessing: „Wir sind Thelma und Louise!“ Und Dorn erläutert trocken: „Mit 90 über so ’ne Straße machen sonst nur Teenager in Meck-Pomm.“

Krude Story

Warum die beiden fliehen? Die Story ist krude (Drehbuch: Sebastian Kutscher, Deniz Yıldızr) und der Schwachpunkt in der sonst vitalen und verlässlich kuriosen Folge „Die harte Kern“ (Regie: Helena Hufnagel). Bei der Kunstsammlerin Falke wurde eingebrochen, sie ist ermordet worden. War Schrottplatzbesitzer Harald Knopp (Heiko Pinkowski) der Täter? Er kriegt ein Alibi von Rainer Falk (Jan Messutat), dem schmierigen Neffen der Toten. Lessing hatte Knopp schon des Verbrechens überführt, doch Falks Statement führt zum Freispruch des Verdächtigen.

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Knopp aber meldet sich bei Lessing, ihn treiben die Gewissensbisse, er wolle beichten. Lessing fährt zum Schrotthof, dort liegt Knopp erschossen. Auf dem Kommissariat hört Lessing, dass der tödliche Schuss aus seiner Dienstpistole stammt. Sonderermittlerin Eva Kern (Nina Proll), die der Folge ihren Namen gibt, stellt ihn zur Rede. Tatsächlich, sie ist hart, sie ist smart. Und sehr blond. Ihr werden lächerliche und gespreizte Sätze in den Mund gelegt: „Wie ist es Ihnen schlussendlich gelungen, Herrn Knopp zu überführen?“ Kern wird als Gegenpol zum kuscheligen Kommissarenpaar Lessing/Dorn in diesem Film platziert – sie muss massiv mit ihren Augen rollen. Und hat den Blick einer Erzieherin, die am Limit ist, weil ihr die Kinder Knete in den Kaffee tauchen. Die Musik zu diesen Bildern erinnert an „Bibi und Tina“.

Nicht so eingefroren wie Axel Prahl und Jan-Josef Liefers

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Lessing muss in Untersuchungshaft, er steht nun unter Mordverdacht. Wer hat ihm die Dienstpistole gestohlen und Knopp ermordet? Um diese Frage kreist der Krimi, bis ihm schwindelig wird. „Bin ich im falschen Film?“, fragt Lessing, und man will rufen: „Ja, bist du, und das ist gut so!“ Denn einer wie Ulmen vollendet im Gespann mit Nora Tschirner und eben auch mit Nina Proll, was die „Tatort“-Kollegen aus Münster immer nur probieren: Ein Werk mit Witz zu drehen, das trotzdem einen zweiten Boden hat, eine Moral trotz Mord, und Schauspieler, die nicht in ihren Rollen eingefroren sind, wie Axel Prahl und Jan-Josef Liefers.

Unterkühlt kurioses Stück

Worum es sonst noch geht in diesem unterkühlten, kuriosen Stück aus Weimar? Um ein „Titanic“-Musical mit wallenden Bettlaken als Wellengang, um das Karma eines Schrottplatzes und einer Esoterikerin, die den Schrottplatzhändler liebt. Das sind Eckpfeiler wie aus den Romanen von John Irving, in denen das Sterben und das Lachen immer beieinander liegen. Dass es am Ende einen Mörder gibt, ist zweitrangig. Hauptsache, ihr habt Spaß.

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