„Tatort: Die dritte Haut“: Wenn man sich das Leben nicht mehr leisten kann

  • Die Berliner Kommissare Nina Rubin (Meret Becker) und Robert Karow (Mark Waschke) müssen den Mord an einem Immobilienmakler aufklären.
  • Feinde hat sich der Verstorbene im aufgeheizten Wohnungsmarkt genug gemacht.
  • So ist der „Tatort: Dritte Haut“, der am 6. Juni um 20.15 Uhr im Ersten läuft.
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Berlin. Berlin zeigt sich wieder von seiner hässlichsten Seite: graue, trostlose Spätherbsttage, Corona-Pandemie und skrupellose Immobilienhaie. Der Juniorchef einer familiengeführten Immobilienfirma wird tot auf dem Bürgersteig gefunden – einen Tag, nachdem er die Altbauwohnung einer Familie hat zwangsräumen lassen. Schon stürzen sich die Berliner Kommissare Nina Rubin (Meret Becker) und Robert Karow (Mark Waschke) in die Tätersuche, spüren die herausgeschmissenen Mieter auf, die Nachbarn, suchen nach Verflossenen und rücken den Hinterbliebenen im Familienunternehmen auf den Leib.

Dass da alles nicht mit rechten Dingen zuging, ist schnell klar – sonst läge der Lieblingssohn der Firma nicht tot auf dem Pflaster. Jeder Bewohner des Hauses hätte ein Motiv für diesen Impulsmord gehabt. Undurchsichtige Geschäfte scheint die Firma noch dazu gemacht zu haben, und selbst der nette Aktivist von nebenan hat Dreck am Stecken. Während sich die Ermittler durch die Etagen arbeiten, nimmt sich der Film Zeit, um auch Kleinigkeiten mit Leben zu füllen. So kümmert sich Kommissarin Rubin beim Befragen ganz nebenbei um die Kinder einer alleinerziehenden Mutter.

Maske auf? Maske ab? Hygieneregeln sind vor der Kamera eher flexibel

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Passender könnte der Zeitpunkt von „Tatort: Die dritte Haut“, einer der letzten von Meret Becker, nicht sein: Gerade erst haben die beiden Riesen Vonovia und Deutsche Wohnen ihre Fusionspläne veröffentlicht. Manche fürchten, dass die Wohnungssuche durch solche Fusionen in den angespannten Märkten der Großstädte noch schwieriger wird. Gerade während der Corona-Krise wird vielen deutlich, dass die Wohnung, ob gemietet oder gekauft, der eigene Schutzraum ist. Deswegen ist das Thema so emotional – es ist für viele schlichtweg existenziell.

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Die Krise ist also angekommen im Berliner „Tatort“. Und nicht nur die Krise auf dem Wohnungsmarkt. Auch die Corona-Krise wird zum zweiten Mal in der Krimireihe auch vor der Kamera thematisiert, wobei das tatsächlich eher irritiert. Der „Tatort: Die dritte Haut“ wurde im November und Dezember 2020 gedreht: Die zweite Welle war voll im Gange. Doch ist völlig undurchschaubar, wann wer eine Maske trägt. Gern wird sie beim Sprechen in geschlossenen Räumen abgezogen, dann manchmal erst draußen wieder aufgesetzt. Und Plexiglas-Trennwände dienen eher dazu, um sich beim Reden daran vorbei zu beugen.

Wer trägt wann Maske? Scheint irgendwie Zufall zu sein. Dafür zeigt Kriminalhauptkommissar Robert Karow (Mark Waschke) bei der Befragung von Ilse (Friederike Frerichs) fast ein bisschen Herz. © Quelle: rbb/Gordon Muehle
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Ungereimtheiten fallen auf

Zwischen den filmischen Szenen werden immer wieder Gesichter von Obdachlosen eingeblendet und ihre Geschichten erzählt. Der Name, wie lange sie schon auf der Straße wohnen, der Grund, warum sie wohnungslos geworden sind. Kleine Steckbriefe prangen im Bild neben den Köpfen der Protagonisten. Doch es scheint so, als seien die meisten wohnungslose Mittelschichtsangehörige, die irgendwann mit dem Leben – und den Mieten – überfordert waren.

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Eine Wohnungslosenzählung aus Berlin 2020 zeigte aber, dass über die Hälfte der Betroffenen aus EU-Ländern oder Drittstaaten kommen. Die Verlierer des Systems sind primär also nicht Angehörige der deutschen Mittelschicht. Gerade weil sich der „Tatort“ so viel Mühe um Authentizität macht, fallen diese Ungereimtheiten auf.

Komische Bilder zu deprimierenden Geschichten

Doch gibt es immer wieder diese kurzen Szenen der komischen Direktheit, für die sich Regisseur Norbert ter Hall Zeit genommen hat und die die düstere Stimmung auflockern: Rubin tanzt in Wollpulli durchs Wohnzimmer, laut und wütend, weil ihre schicke Altbauwohnung verkauft wird. Karow und Rubin schlafen unkonzentriert miteinander – und der Film versucht das nicht zu einem erotischen Erlebnis zu verklären, sondern zeigt den Geschlechtsverkehr, wie er wohl in so einem kalten Wohnungsflur sein muss: schnell, etwas unbequem und mit viel, viel Sabber. Solche unkommentiert komischen Situationen entschädigen für die doch eher nach konventionellem „Tatort“-Muster ablaufende Tätersuche.

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Deprimierend ist dieser Berlin-„Tatort“, bar jeder Hoffnung und noch nicht einmal Nina Rubin kann mit ihrer Empathie, die Karow als Sozialromantik abtut, helfen. In Berlin kann sich keiner das Leben mehr leisten, muss man nach dem Schauen denken. Trostlos sitzt also der Zuschauer da und kann sich nur über die sorgsam komponierten Bilder freuen, die es schaffen, die deprimierende Geschichte ästhetisch wirken zu lassen und ihr durch trockenen Humor ein wenig an Schärfe zu nehmen. Weh tut es aber immer noch.

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