„Tatort“ aus Wiesbaden: Sehnsucht nach Endzeit

  • Am Sonntag (20.15 Uhr, ARD) geht Deutschlands erfolgreichste Krimiserie weiter.
  • Im „Tatort: Angriff auf Wache 08“ aus Wiesbaden ist Kommissar Murot (Ulrich Tukur) nicht mehr der Ermittler, sondern ein Verfolgter unter Beschuss.
  • Ob sich das Einschalten lohnt, lesen Sie hier.
Lars Grote
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„My Girl“ wird gespielt, eine Schnulze aus der Motownzeit, als brauche dieser „Tatort“ erst mal einen Tropfen Baldrian – denn der Film beginnt nervös.

Motor der Unruhe ist Ecki, ein Radiomann, ein Moderator, der die Leute aufpeitscht und dann in Hypnose quatscht. Ecki predigt pausenlos die Sonnenfinsternis, auf die nun alle warten. Es wird dunkel in der Mittagszeit, Ecki zählt die Stunden runter, die Minuten und Sekunden, in seiner Stimme liegt die Sehnsucht nach dem Ende aller Dinge.

Ecki wird gespielt von Clemens Meyer, dem wilden Mann der deutschen Literatur. Meyer sieht aus wie ein Mathelehrer, legt aber großartige Bücher vor, die strotzen von Gewalt und Sex. Wenn er das Drehbuch für den in Wiesbaden spielenden Tukur-„Tatort“ schreibt, klingt das nach Explosion und Glücksversprechen.

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Die Story rutscht ins Komische

Meyer kann Regisseure stimulieren. Schon Andreas Dresen hat mit der Verfilmung von Meyers Roman „Als wir träumten“ (2015) wohl seinen besten Film gedreht. In der „Tatort“-Folge „Angriff auf Wache 08“ führt Thomas Stuber Regie, der mit seinem Kinostück „In den Gängen“ bewiesen hat, wie präzise er die Randgebiete der Gesellschaft kennt. Sein Spielplatz ist die Peripherie – „In den Gängen“ hatte er vor allem in der Lagerhalle eines Supermarktes eingerichtet.

Im „Tatort“ führt uns Stuber durch ein Polizeimuseum, eine ehemalige Wache zwischen Offenbach und Frankfurt. Sie liegt verlassen wie das Fort in einem Western. Und wird unter Beschuss genommen.

Meyer und Stuber packen noch ein gut gelauntes Lied in diese Endzeitstimmung: „It Never Rains in Southern California“. Ja, es ist heiß. Deshalb darf die Story verschwitzt daherkommen, sie rutscht ins Komische und auch ins Kosmische, die Sonnenfinsternis öffnet die Menschen für das Übersinnliche.

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Ulrich Tukur ist dieses Mal nicht der Ermittler, sondern der Verfolgte

Das ist die Haltung, mit der sich Tukur-Krimis gern schmücken: durchdrehen, abdriften, den Dadaismus in die Bilder holen. Und am nächsten Morgen fragt der Boulevard empört: Müssen wir für diesen Irrsinn noch TV-Gebühren zahlen?

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Ulrich Tukur als Kommissar Murot ist dieses Mal nicht der Ermittler, sondern der Verfolgte. Er rutscht hinein in eine Sache, die aus dem Ruder läuft.

Ecki labert uns besoffen, derweil sitzen Polizisten eng gedrängt im Mannschaftsbus. Sie stürmen einen illegalen Spieltisch – als ein Hund bellt, eskaliert die Situation. Die tätowierten Zocker werden umgemäht von schwerem Polizeigerät. Was die Jungs verbrochen haben, bleibt im Vagen, doch ihre Kumpels schwören Rache. Halb sind sie Nazis, halb Islamisten, sie erschießen einen Mann am Eisstand. Dessen Tochter greift zur Waffe, die sie beim Eisverkäufer findet – und streckt den Schützen nieder. Sie flüchtet, die Ganoven folgen ihr.

Pointen kommen etwas unvermittelt

Das Mädchen landet im Museum – dem Polizeimuseum, wo alte Funkgeräte liegen, verjährte Uniformen hängen und zwei Beamte Dienst verrichten: Walter Brenner (Peter Kurth) und Cynthia (Christina Große). Zwei Polizisten, deren Karriere ins Stolpern kam, die hier gelandet sind und eine überholte, possierliche Seite der Polizei verwalten. Brenner ist ein alter Freund von Murot, er warf sich mal in eine Kugel, um Murot zu retten. Seither führt Brenner eine amtliche Portion Melancholie spazieren.

Murot kommt vorbei, will ihn besuchen, fährt wieder in dem wackeligen Wagen vor, der in den Siebzigern modern gewesen ist. Bald sitzt er in der Hölle, bei knappen 40 Grad. Das ist die Temperatur, die Murot für einen „Tatort“ braucht. Draußen die Verbrecher, die das Mädchen suchen, drinnen Murot und die Museumswärter. Hinzu kommt ein Gefangenentransport, der nach einem geplatzten Busreifen hier gestrandet ist.

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Kurios genug ist diese Story allemal, um die märchenhafte Tradition von Felix Murot fortzuschreiben. Dennoch tupft der neue „Tatort“ die Pointen etwas unvermittelt aneinander. Es bleiben isolierte Geistesblitze. Das ist nicht durchweg überzeugend, und dennoch reicht es für die Champions League. Schon wegen des irren Solos, das Clemens Meyer vor dem Mikrofon des Radios präsentiert.

„Tatort: Angriff auf Wache 08“ mit Ulrich Tukur läuft am Sonntag um 20.15 Uhr in der ARD