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  • Tatort aus Münster am 13.12.2020: „Es lebe der König“ mit Thiel und Boerne

Münster-„Tatort“: Guter Bulle, böser Bulle – und eine Leiche im Burggraben

  • Gemütvoll war der „Tatort“ aus Münster immer, doch spannend ist die neue Folge „Es lebe der König!“ (13. Dezember) nicht.
  • Daran können auch eine Leiche im Burggraben und eine junge Witwe nichts ändern.
  • Immerhin: Kommissar Thiel (Axel Prahl) und Professor Boerne (Jan Josef Liefers) haben viel Zeit für ihre Max-und-Moritz-Sketche.
Lars Grote
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Münster. Der „Tatort“ aus Münster hat zu sich gefunden, er steht zu seinem Alter (auf Sendung seit 18 Jahren), auch zu den Allwetterjacken von Kommissar Thiel (Axel Prahl) und dem grenzwertigen Oberstufenlehrerbart von Professor Boerne (Jan Josef Liefers). Auch seine kuriose Form von Witz lässt er sich nicht mehr nehmen, selbst vor Härtefällen schreckt er nicht zurück: Darf Boerne in der neuen Folge samt Ritterrüstung den Moonwalk von Michael Jackson tanzen? Dass ein Netflix-Manager für solche Einfälle gefeuert würde, lässt den „Tatort“ kalt. Netflix ist kein Maß, das sie in Münster akzeptieren. Ostwestfalen mögen das Bewährte.

Wer nach Streamingnächten mit den eleganten Drohnenfahrten, UHD-Auflösung, brutalem Kopfabschlagen und atemlosem Sex mal wieder bei der ARD vorbeischaut, wo geduckte, maßvoll verschlagene Menschen durch die Krimis laufen, kehrt zurück ins alte Deutschland. Und fühlt sich dort im besten Falle wohlig und vertraut. Im „Tatort“ aus Münster verstehen sie die deutsche Seele besser, als es Netflix, Prime und Sky je schaffen werden.

Handwerklich nur Hausmannskost

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Auch die neue Folge „Es lebe der König!“, wo ein greiser Schausteller sich eine Burg zulegt, doch bald mit Rüstung tot im Graben liegt, lebt nicht vom Glanz, weder ästhetisch noch erzählerisch. Doch sie gibt sich so behaglich, wie man sich das in Zeiten einer Pandemie nur wünschen kann. Die Frage bleibt, ob das Behagliche wirklich die Qualität sein darf, mit der ein Krimi überzeugt.

Durch die Betulichkeit von Thiel und die Borniertheit des Rechtsmediziners Boerne rutscht diese Folge schnell ins Volkstheater, in dem nicht unbedingt nach Drehbuch (geschrieben von Benjamin Hessler, Regie: Buket Alakuş), sondern aus dem Bauch heraus geredet wird. Es gibt einen Toten, doch es gibt auch eine hübsche, junge Witwe (Violetta Schurawlow), die mal im Bordell gearbeitet hat – alles wird so hölzern aufgedröselt, dass man mit gutem Willen letztlich sagt, okay, das ist ein Kriminalfall, nicht nur ein Kuriositätenkabinett.

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Auf guten Willen ist der „Tatort“ aus Münster unbedingt angewiesen. Handwerklich zeigt er Hausmannskost, doch es imponiert, wie tapfer Prahl und Liefers ihre Rollen spielen, nicht widerwillig, fast vital. Es ist jedoch die alte, von Ressentiments gespeiste Schule, wie der „Herr Professor“ als steife und verklemmte Lachfigur des Intellektuellen durch die Folge stolpert, und sich dort pausenlos blamiert. Thiel braucht nur seine Ärmel hochzukrempeln und ein bisschen rumzukumpeln, um die Herzen zu erobern – als Mann von der Straße und Mann ohne Eigenschaften, in dem sich jeder wiederfindet.

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Flachs ist in Münster das Erfolgsgeheimnis

So ziehen die beiden durch Münster, in Hollywood heißt so was „Good Cop, Bad Cop“. Guter Bulle, böser Bulle. Mit dieser Masche lösen sie die Fälle, im Grunde tun sie’s nebenbei – denn Thiel und Boerne brauchen Zeit und sehr viel Bühne, um ihre Max-und-Moritz-Sketche auszubuchstabieren, denn natürlich ist der Flachs in Münster das Erfolgsgeheimnis.

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Wer hatte ein Interesse, den alten Patriarchen Manfred Radtke (Anthony Arndt) umzubringen? Warum trug er Rüstung, als er tot im Graben lag, in die er – alt und dement – nicht mehr selbst steigen konnte? Der Verdacht liegt schnell auf der Familie, in der sich zwischen Sohn und junger Witwe etwas anzubahnen scheint. Die Tochter hält die Fahnen ihres Vaters hoch: „Die Show muss weitergehen!“, ruft sie, und meint das Laientheater, welches der alte Radtke etabliert hat: Dort soll die blutrünstige Geschichte der Wiedertäufer gespielt werden, Münsters dunkelstes Kapitel. Gelder aus dem Kartenverkauf sind nötig, denn die Radtkes sind fast pleite.

Die ewig rauchende, basstönige Staatsanwältin Klemm (Mechthild Großmann) fungiert als Galionsfigur des Films, sie fühlt sich ausgehorcht in der Kantine. Und dann taucht unverhofft ein Video auf, skurril-erotisch, von der Vorbesitzerin der Burg. Dadurch scheint sie erpressbar. Nicht zu viel Profil für die Figuren, lieber lange Leine und routinierte Gags – so findet der Krimi sein Ende und seine Täter. Das wirkt gemütvoll. Doch Menschen unter 40 Jahren fühlen sich in eine fremde Welt gebeamt.

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