Münchner “Tatort: Lass den Mond am Himmel stehn“ ist ein kühles Sittenstück

  • Im neuen Münchner “Tatort” geht der Krimi mit den finanziell gehobenen Ständen ins Gericht.
  • Und zwar ohne Anteilnahme und jegliche Wärme.
  • Das Stück möchte kühl sezieren, verbeißt sich aber in den Tunnelblick.
Lars Grote
|
Anzeige
Anzeige

Mit den finanziell gehobenen Ständen geht der “Tatort” ins Gericht, als seien es Verbrechen, sich von Sushi zu ernähren und eine Haushaltshilfe einzustellen. In der Münchner Folge “Lass den Mond am Himmel stehn” gönnt er ihnen nicht einmal das Tageslicht – die Eltern stapfen durch die großen, dunklen Wohnungen. Und ihre Kinder stapfen durch die Videospiele. Wenn die Eltern was erleben wollen, richtig mit Atemholen und Schweiß auf der Stirn, treffen sie Menschen, die sie nicht treffen sollten, auf einem anonymen Sexparkplatz.

Wie hat sich der schöne Titel “Lass den Mond am Himmel stehn” in dieses kühle Sittenstück verirrt? Wahrscheinlich haben sie ihn sich geliehen vom Oktoberfest, wo man ihn dieses Jahr nicht braucht, denn es fällt aus. Die Poesie, den Himmel und den Mond lehnt dieses Stück im Kern jedoch auf Schärfste ab. Es steckt zu viel Gefühl in diesen Wörtern.

Kind wird tot aus der Isar gefischt

Emil (Ben Lehmann) ist tot. Er war ein Kind, das gern lachte. In den Münchner Kreisen, die dieser “Tatort” ausstellt, gleicht das einem Kapitalverbrechen. Man fischt ihn aus der Isar, zuletzt war er bei Basti (Tim Offerhaus), seinem Kumpel, beide 13 Jahre alt. Dann verlor sich jede Spur, sagen Basti und seine Eltern, die in einem teuren Bunker wohnen, der so schalldicht hochgezogen wurde, dass der Vater teure Boxen bauen muss, um überhaupt etwas zu hören von dem Leben vor der Tür – wenn auch nur aus zweiter Hand auf seinen Klassikplatten.

Dieses München muss man hassen, so ist es gewollt. Die Töchter sind im Tenniscamp am Gardasee, die Väter schielen jungen Frauen auf die Bluse, die Mütter schenken sich Gin Tonic nach. Was die Tristesse am Laufen hält? Autos mit mehreren Hundert Pferdestärken.

Anzeige

Stumme, eingefrorene Bilder

Und mittendrin in diesen stummen, eingefrorenen Bildern, die sich immer wieder an tropfenden Wasserhähnen oder leeren Kinderschaukeln festhalten, gehen die Kommissare Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Batic (Miroslav Nemec) ihrer Arbeit nach. Sie tun das schon seit 1991 in nunmehr 84 Fällen, sie heben die Brauen, zucken mit dem Mund. Das reicht als Austausch. Wenn es Arbeit gibt, reichen sie die an den Assistenten weiter. Sie selbst sind eher für Moral zuständig, sie verteilen Haltungsnoten.

Anzeige

Soll man die geleckten, fast gelähmten Bilder tatsächlich für Kunst halten, für einen Kommentar zur seelischen Ebbe, oder ist das eine reine Fingerübung, die sich wichtig machen will mit Pathos? Frauen, die auf Absätzen durch ihre Wohnung laufen, wie Bastis Mutter (Victoria Mayer), gelten generell im “Tatort” als labil. Wenn die Mutter dabei Scherben auffegt, weiß man, diese Frau hat die mentale Kälte der Lady Macbeth.

Sexparkplatz rückt ins Zentrum des Tatorts

Der Sexparkplatz, auf dem sich Basti heimlich umschaut, rückt ins Zentrum dieses Stücks (Regie: Christopher Schier, Buch: Stefan Hafner, Thomas Weingartner). Die Bilder hüten sich, einen Zentimeter zu viel Haut zu zeigen. Liebe, zumal die körperliche, ist eine Chiffre fürs Tabu. Oder um ein Wort aus der Corona-Zeit zu nehmen: Liebe ist in diesen Kreisen nicht systemrelevant.

Gleich zu Anfang liegen Emils Eltern beieinander, sie kommen von Freunden, es wurde spät, doch was sie in den Federn treiben, führt am Ende nur ins Chaos. Sie vergewissern sich nicht mehr, ob ihr Sohn in seinem Zimmer liegt – nein, dort liegt er nicht, denn zu diesem Zeitpunkt wurde er bereits ermordet. Am nächsten Tag verschlafen sie, denn nach der Liebe wird man furchtbar müde. Fazit: Es führt zu nichts, einander in den Arm zu nehmen, im schlimmsten Falle führt es wohl zu einem weiteren Kind. Dabei hat Emils Ziehvater bereits eine Geliebte, die bis vor Kurzem minderjährig war. Bloß nicht noch mehr Kinder!

Film legt die Figuren unters Mikroskop

Der Film legt die Figuren unters Mikroskop, ohne Anteilnahme. Er hält uns eine Vorlesung über die Kältekammern in der auskömmlichen Mittelschicht. Eigentlich fällt so ein “Tatort” in die Gattung Tierfilm. Er zeigt keine Entwicklung, er hält nur drauf auf Triebe und den Drang, zu überleben. Der Tod ist kein Totalschaden, sondern eine Sache für den Anwalt. Das Stück suhlt sich in diesem Unglück, es möchte kühl sezieren, es verbeißt sich in den Tunnelblick. Und dreht die Heizung einfach runter. Doch ohne Zimmertemperatur bleibt alles nur ein böser Traum. Zu lernen gibt es nichts in diesem “Tatort”. Nur zu fürchten.

“Staat, Sex, Amen”
Der neue Gesellschaftspodcast mit Imre Grimm und Kristian Teetz
  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen