Heike Makatschs „Tatort“: Sind Blinde tatsächlich die besseren Zeugen?

  • Heike Makatsch als Lonely-Mother-Figur mit Ermittlungspartner Sebastian Blomberg: Ein „Tatort“-Duo, das bisher wenig Begeisterung auslöste, hatte am Sonntag endlich mal einen richtig starken Fall.
  • Es ging um die blinde Zeugin eines Mordes.
  • Doch sind Blinde tatsächlich Zeugen, die mehr wahrnehmen?
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Nur drei „Tatort“-Fälle in fünf Jahren - diesen Makatsch-Minus-Rekord schaffte bislang kaum ein ARD-Ermittler, auch wenn die mittlerweile 50-jährige ehemalige Viva-Moderatorin nun wirklich nichts dafür kann, dass die Planungen von SWR und ARD in Bezug auf ihren Krimi so merkwürdig waren. Wir rekapitulieren: Kaum war Heike Makatsch 2016 in Freiburg gestartet, setzte man ihr in derselben Stadt das „Schwarzwald“-Duo Hans-Jochen Wagner und Eva Löbau vor die Nase. Woraufhin Makatschs Kommissarin Ellen Berlinger nach Mainz umzog und nach 2018 dort zum zweiten Mal mit Sebastian Blomberg ermittelt. Im dritten Makatsch-„Tatort“ stimmte nun endlich auch das Drehbuch, selbst wenn die Geschichte der Ermittlerin mit Kai-aus-der-Kiste-England-Lover und schwieriger Mutterrolle sicher nicht die Stärke des Filmes war. Dafür überzeugte der Krimi mit Anklängen an David Lynchs Klassiker „Wild at Heart“ und interessanten Ideen zu (seh)behinderten Zeugen. Doch können Blinde tatsächlich mehr hören, riechen und „fühlen“ als nicht beeinträchtigte Zeugen?

Worum ging es?

Bei einem Mainzer Tankstellenüberfall wird ein Angestellter erschossen. Einzige Zeugin ist die blinde Jura-Studentin Rosa Münch (Henriette Nagel). Das Ermittlungs-Team Ellen Berlinger (Heike Makatsch) und Martin Rascher (Sebastian Blomberg) folgt den Hinweisen der sehbehinderten Frau: ein sündhaft teures Parfüm, das ihr in die Nase stieg, der warme Motor eines geländegängigen Motorrads, dazu Stimmen von Tatverdächtigen. Schließlich kommt es zur „akustischen“ Gegenüberstellung mit möglichen Mördern, doch Rosa verhält sich merkwürdig. Das vom bürgerlichen Leben gelangweilte Luxus-Pärchen Moritz (Jan Bülow) und Sophie (Anica Happich) könnte durchaus für die Tat verantwortlich sein. Doch die Zeugin streitet ab, ihre Stimmen erkannt zu haben. Ist die junge Frau so fasziniert von den beiden, dass ihre Lust auf ein Abenteuer größer ist als die Gefahr, einzige Zeugin eines Mordes zu sein?

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Worum ging es wirklich?

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Der immer wieder bärenstarke Drehbuchautor Wolfgang Stauch („Tatort: Leonessa“, „Tatort: Anne und der Tod“) sowie Regisseurin Ute Wieland, die mit Filmen wie „Tigermilch“ bewiesen hat, dass sie gerade junge Frauenfiguren mitreißend erzählen kann, tischt hier eine bockstarke Geschichte auf. Warum war dieser „Tatort“ so spannend? Weil die Dreiecksbeziehung zwischen dem jungen, wohlstandsverwöhnten Outlaw-Pärchen Moritz und Sophie mit der blinden Rosa wunderbar offen erzählt wurde. Lange Zeit wusste man nicht, in welche Richtung sich der Plot entwickeln würde - was meist ein gutes Zeichen ist. Wie einst in David Lynchs Film „Wild at Heart“ war auch bei der „Tatort“-Westentaschenversion die Losung: Warum gelangweilt leben, wenn man auch spannend sterben kann?

Sind „Blinde“ die besseren Zeugen?

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„Es ist nach meinen Recherchen nicht so“, sagt Drehbuchautor Wolfgang Stauch, „dass Blinde nun besser riechen, hören, schmecken könnten als Sehende. Sie müssen sich aber eben auf genau diese Wahrnehmungen verlassen, insofern scheinen sie manchmal die ‚Supernasen‘ zu sein.“ Die Hamburger Psychologie-Professorin Brigitte Röder bestätigt diese Einschätzung in Hinblick auf das Hörvermögen: „Blinde Menschen haben gelernt, ihr Gehör effizienter zu nutzen. Die Blinden können Sprachsignale schneller verarbeiten und Schallquellen besser orten. Das menschliche Gehirn gleicht das fehlende Sehvermögen durch seine enorme Anpassungsfähigkeit wieder aus. Einerseits arbeiten die Hörareale des Gehirns bei blinden Menschen schneller und präziser. Andererseits werden die Regionen der Gehirnbereiche, die bei den Sehenden die Sehinformation auswerten, für das Hören mitgenutzt“.

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Wer waren die jungen Darstellerinnen?

Rosa-Darstellerin Henriette Nagel, 29 Jahre alt, ist im echten Leben übrigens nicht blind und musste für ihre Rolle ein Training absolvieren. Normalerweise arbeitet die gebürtige Berlin-Kreuzbergerin im Ensemble des Münchener Volkstheaters. Nach Film- und Serienrollen in „Freche Mädchen“ und „In aller Freundschaft“ dürfte man sie nach diesem „Tatort“ ebenso auf dem Zettel haben wie ihre 32-jährige Spielpartnerin Anica Happich. Deren Femme-fatale-Rolle ist mit das Beste, was man in diesem „Segment“ in letzter Zeit im deutschen Fernsehen zu sehen bekam.

Wie geht es mit Heike Makatschs „Tatort“ weiter?

Nach dem Stotterstart soll der Krimi mit Makatsch und Blomberg in Zukunft klare Konturen erhalten: „Alle, die mit dem Mainzer ‚Tatort‘ zu tun haben, würden sich das wünschen“, sagt Heike Makatsch im Interview mit der Agentur teleschau. „Mittlerweile ist auch schon ein vierter Film abgedreht. So wie es aussieht, werden wir versuchen, in Zukunft einen Film pro Jahr zu realisieren. Dies wäre jedenfalls mein favorisiertes Modell.“

RND/Teleschau

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