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  • Tatort aus Köln: Die Kritik zu „Tatort: Der Reiz des Bösen“ am Sonntag, 19. September

Kölner „Tatort: Der Reiz des Bösen“: Die toten Frauen kennen ihre Männer aus der Haft

  • Der neue „Tatort: Der Reiz des Bösen“ aus Köln (19. September, ARD) beleuchtet das Leben von Frauen, die sich in Häftlinge verlieben und getötet werden.
  • Obwohl die Ermittler Schenk und Ballauf eher wieder mit Altmännerwitzen auffallen, nimmt der Krimi Tempo auf.
  • Am Ende wird es sogar drastisch – ein radikaler Zeitsprung sprengt die Ketten jeder „Tatort“-Konvention, meint unser Kritiker Lars Grote.
Lars Grote
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Ermittler Schenk hat eine Neue. Sie ist zu rot geschminkt, hat zu viel Hubraum, doch immerhin, sie kommt eindeutig aus Italien. Die Masche mit den Autos haben sie dem Kommissar mal angedichtet, nun ploppt der Fetisch immer wieder auf, in diesem Falle eben sein Ferrari. Weil der Gesichtsausdruck bei Schenk (Dietmar Bär) und dem Kollegen Ballauf (Klaus J. Behrendt) schon seit Jahren eingefroren wirkt, braucht es wenigstens im Fuhrpark irgendwie Bewegung.

Diese starre Dienstauffassung, dieser Hang zu Altmännerwitzchen, wird im Kölner „Tatort“ langsam zum Problem, weil niemand sich die Mühe macht, in Menschen reinzuhorchen oder mitzufühlen. Die neue Folge „Der Reiz des Bösen“ (19. September, 20.15 Uhr, ARD) zeigt gleich in den ersten Bildern, wie auf dem Parkplatz eine Frau erstochen wird, „übertötet“, wie die Spurensicherung das nüchtern nennt, mit viel zu vielen Stichen, die übers Ziel, den Mord, hinausgehen. Schenk und Ballauf aber flachsen aufgeräumt über die gut polierte, rote Italienerin.

Jütte taut auf und mit ihm der ganze Film

Kein Mitgefühl? Doch, einen gibt es, der zerfließt über dem Leid der toten Frau. Jütte (Roland Riebeling), ein Mann, der als possierlich gelten muss im Kommissariat, jeder Handschlag scheint ihm schwerzufallen. Dass eines Tages eine Schnecke auf der Tastatur von Jütte sitzt, ist eine Form von Gleichnis, die in der Überdeutlichkeit fast schmerzt. Roter neuer Flitzer, Schnecke im Büro, das klingt nach viel Metapher und nach wenig wirklich motiviertem Plot.

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Doch man sollte sich nicht täuschen. Jütte taut auf, mit ihm der ganze Film, der plötzlich Tempo kriegt und überraschend Ehrgeiz zeigt. Schenk und Ballauf zotteln hinterher, sie werden eher getrieben, Jütte wird zum „Turbo-Jütte“, wie es in dieser Episode eine Spur zu oft betont wird. Denn Jütte hatte schon zu tun mit dieser Art von Mord, wie wir sie in den ersten Bildern sehen: Den toten Frauen legt der Mörder einen Gürtel über ihre Augen. Jütte hat sich damals nervlich ruiniert bei seiner Tätersuche, darum macht er im Büro jetzt nur noch halblang. Geht immer noch derselbe Täter um?

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Die toten Frauen kannten ihre Männer aus der Haft

Die toten Frauen kannten ihre Männer aus der Haft, über Brieffreundschaften mit Gefangenen. Hier liegt die Wurzel und auch die Konstante dieser Morde, will uns der Film erzählen (Buch: Arne Nolting und Jan Martin Scharf, der auch Regie geführt hat). Die Frau der ersten Bilder, die früh starb, lebte mit Tarek (Sahin Eryilmaz) zusammen, einem kräftigen, orientalischen Kerl, der rein von der Erscheinung her durch deutsche Vorurteile abgekanzelt wird. Hat er die eigene Frau erstochen, nachdem er freigekommen ist? Gewaltsam dringt er ein ins Heim, wo Mia, die Tochter der Toten, nach dem Mord an ihrer Mutter wohnt – „ich will ihr meine Unschuld beteuern“, sagt Tarek. Kann man ihm glauben? Oder wurde Mias Mutter vom Ex-Mann getötet, der nie damit zurechtkam, dass seine vormalige Frau sich einen Mann aus dem Gefängnis suchte?

Auch Ines (Picco von Groote), wohlmeinend, sensibel und weltfremd, „verstrahlt“, wie man das heute nennt, hat sich in einen Häftling verliebt. Basso (Torben Liebrecht) wird bald entlassen, schnelle Bilder zeigen, was für ein Kerl er ist. Kerniger Schritt, klarer Blick, wenn ihn etwas stört, dann schlägt er zu. Er pendelt zwischen Fürsorge und Selbstaufgabe. Beglückend, wie kreativ die Kamera ein erstes Treffen vorbereitet, wie die Regie das tief empfundene „Feelin’ Good“ anspielt, Ines sich zu Hause Nylonstrümpfe anzieht, die Wimpern tuscht, wie Basso sich die Haare in der Zelle kämmt und grimmig in den Spiegel schaut. Nur ihr kleiner Sohn kommt nicht mit diesem neuen Mann an Mamas Seite klar.

Geschichte arbeitet an vielen Fronten

Die Geschichte arbeitet an vielen Fronten, plausibel scheinen sie fast alle, im Rahmen eines Sonntagabendkrimis jedenfalls, der stets die Überzeichnung sucht. Am Ende aber wird es drastisch, ein radikaler, hastig inszenierter Zeitsprung sprengt die Ketten jeder „Tatort“-Konvention. Dieser Kniff schockiert. Er schadet dieser starken Story, doch lässt die Regungslosigkeit und die Routine der zwei Kommissare glatt vergessen.

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