Göttinger “Tatort: Krieg im Kopf”: Psychoterror und Science-Fiction

  • Der zweite Göttinger “Tatort”-Fall “Krieg im Kopf” (29. März) bringt die zwei einsamen Wölfinnen Lindholm (Furtwängler) und Schmitz (Kasumba) an ihre psychischen Grenzen.
  • Zudem schlägt der Film für einen Sonntagskrimi ungewöhnliche Science-Fiction-Töne an.
  • Doch die legitime fiktionale Überzeichnung hat auch einen wahren Kern.
Ernst Corinth
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Auf den ersten kontaktlosen “Tatort” müssen wir wohl noch eine Weile warten. Und wie so ein Krimi dann ausschaut, mag man sich lieber gar nicht erst vorstellen. Aber man kann ja sowieso froh sein, dass es überhaupt noch “Tatort”-Premieren gibt. Neue Produktionen sind eben derzeit nicht mehr möglich, Dreharbeiten sind unterbrochen worden und die Sender denken bereits laut über eine Verlängerung der Sommerpause nach.

Doch noch gibt es frische Krimikost, wie jetzt Charlotte Lindholms (Maria Furtwängler) zweiter Göttinger Fall “Krieg im Kopf” zeigt, in dem die Kommissarin gleich zu Anfang mehr Kontakt hat, als ihr lieb ist. Ein offenbar verwirrter Mann hält ihr nämlich ein Messer an die Kehle, stammelt von bedrohlichen Stimmen in seinem Kopf, und als die Situation noch weiter zu eskalieren droht, wird er von Lindholms Kollegin Anais Schmitz (Florence Kasumba) gezielt mit einem präzisen Schuss getötet.

Seelische Spuren bei den betont cool agierenden Ermittlerinnen

Dass solch ein schrecklicher Zwischenfall auch bei den eigentlich so betont cool agierenden Ermittlerinnen seelische Spuren hinterlässt, wundert kaum. Und wie unterschiedlich diese beiden Frauen damit umgehen, zeigt der von Jobst Christian Oetzmann inszenierte Film erstaunlich ausführlich.

Näher kommen sich die einsamen Wölfinnen deshalb allerdings nicht, weil die Chemie zwischen ihnen offenbar einfach (noch) nicht stimmt. Während Lindholm also nach dem Vorfall nicht mehr schlafen kann, sich durch Kochen, Arbeit und viel Reden abzulenken versucht, dabei dem Mann ihrer Kollegin sogar einmal emotional gefährlich nahekommt, neigt Schmitz zu dem genauen Gegenteil. Sie ist schweigsam, reagiert sich in einer Disco durch Tanzen ab und glaubt plötzlich Stimmen in ihrem Kopf zu hören. Was sie sehr verängstigt, weil ihre Mutter unter Schizophrenie gelitten hat. Gleichzeitig deutet der Film an, dass Schmitz offenbar ständig bei ihrem Treiben von Unbekannten beobachtet oder gar überwacht wird.

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Psychische Erschöpfung

Sehr seltsam. Aber das spielt erst später eine nicht unwichtige Rolle. Zuvor geschieht noch ein Mord. Bei ihren Ermittlungen, die Lindholm und Schmitz trotz ihrer psychischen Erschöpfung weiterführen, entdecken sie in der Wohnung des Messermannes, dem ehemaligen Soldaten Benno Vegener, in der Badewanne dessen tote Frau. Sie ist augenscheinlich erdrosselt worden, und der Verdacht liegt sehr nahe, dass auch in diesem Fall Vegener der Täter gewesen ist. Vor allem als sich dann auch noch herausstellt, dass er sich in der letzten Zeit äußerst gewalttätig gegenüber seiner Frau verhalten hat.

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Ausgelöst hat seine Aggressionen vermutlich sein letzter Bundeswehreinsatz in Mali, den er psychisch nicht verkraftet hat. Das bestätigt auch ein Mitarbeiter des Militärischen Abschirmdienstes (MAD, Steven Scharf), der den Kommissarinnen Einzelheiten über diesen Kampfeinsatz berichtet. Die Aktion ist demnach von Vegener geleitet worden und mehr als die Hälfte der Soldaten ist dabei ums Leben gekommen. Danach ist Vegener in psychotherapeutischer Behandlung gewesen, hat sie aber vorzeitig abgebrochen.

Der Fall scheint klar zu sein

Der Fall scheint also klar zu sein, doch Lindholm ist das alles zu simpel. Was anderes kann man sich in einem “Tatort” ja auch nicht vorstellen. Also ermittelt sie weiter mit ihrer Kollegin Schmitz und stößt schnell auf Ungereimtheiten, was den Tathergang und besonders den Einsatz in Mali angeht. Und dann wird aus diesem bis dahin ganz gewöhnlichen Ermittlungs-"Tatort" recht plötzlich ein Film, der für einen Sonntagskrimi ungewöhnliche Science-Fiction-Töne anschlägt.

Dabei geht’s um einen Rüstungskonzern, dessen Spezialität Hightechwaffen sind, und der mit Wissen von Bundeswehrkreisen neue futuristische Kampfhelme in Mali heimlich erprobt hat. Diese Helme ermöglichen – einfach gesagt – mittels bestimmter Schallfrequenzen eine Beeinflussung des Gehirns der Soldaten, also eine Art Fernsteuerung, mit der man unter anderem auch das Schmerzempfinden an- und ausschalten kann.

Legitime fiktionale Überzeichnung

Das mag zwar alles recht abstrus nach Terminator und Co. klingen, hat aber trotz der ja im Film legitimen fiktionalen Überzeichnung einen wahren Kern. Nicht nur in den USA wird mit solchen sogenannten Mindcontrolling-Techniken schon seit Längerem experimentiert. Und die Ergebnisse sind, wie Drehbuchautor Christian Jeltsch betont, sehr vielversprechend und sehr beängstigend: “Man glaubt es eigentlich nicht, dass die Forschung sich mit solchen Techniken beschäftigt, und dass sie funktionieren. Es klingt alles nach Science-Fiction, es ist aber Realität.” Und diesem Tatort gelingt es tatsächlich, dieses sehr diffizile Thema erstaunlich gut darzustellen und zu bebildern. Allerdings stört ein wenig, dass dabei auch wieder sehr tief in die Kiste der Verschwörungstheorien gegriffen wird.

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