„Tatort“ am Sonntag – so gut ist Lena Odenthals Krimijubiläum

  • Am Sonntag, 17. November, läuft der stärkste Ludwigshafen-„Tatort“ seit Langem.
  • Als Lena Odenthal die kriminelle pfälzische Provinz ausräuchern will, begegnet sie einer von Ben Becker gespielten Jungpolizistinnenliebe wieder.
  • In einem fesselnden Showdown stehen sich die beiden schließlich als Kontrahenten gegenüber.
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Natürlich knüpft der Jubiläums-„Tatort” mit Ulrike Folkerts als Ludwigshafener Hauptkommissarin Lena Odenthal nicht an den schon wieder abgeebbten Trend an, Landschaften aus der Vogelperspektive zu erkunden. Womöglich ist der Titel „Die Pfalz von oben“ eine Anspielung auf die peinliche Untersuchung, die ein Polizeirevier über sich ergehen lassen muss. Die Kriminalitätsrate der Region geht praktisch gegen null, was nur einen Schluss zulässt: Die Beamten drücken sämtliche Augen zu.

Wiedersehen mit einer alten Liebe

Die Statistik bildet jedoch nur den Hintergrund einer Handlung, die den Film zu einem der interessantesten Sonntagskrimis des Jahres macht. Er führt die dienstälteste „Tatort“-Kommissarin, die im Oktober 1989 ihren ersten Fall („Die Neue“) löste, zurück nach Zarten in der Westpfalz und beschert ihr ein Wiedersehen mit Stefan Tries, der ihr einst als junger Polizeimeister mehr als nur eine Hilfe bei der Aufklärung eines Mordfalls war.

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Der im Oktober 1991 ausgestrahlte Film „Tod im Häcksler“ gilt als einer der besten Krimis mit Folkerts, zumal die Geschichte dank Lenas Romanze mit Tries eine besondere Note erhielt; dem jungen Ben Becker bescherte der Film eine seiner ersten Hauptrollen.

Der neue Odenthal-„Tatort“ ist fesselnd

Autor war damals Stefan Dähnert, er hat auch „Die Pfalz von oben“ geschrieben. Nico Hofmann, mittlerweile Ufa-Geschäftsführer und einflussreichster deutscher Filmproduzent, hat seine Regiekarriere hingegen schon lange beendet. Stattdessen feiert Brigitte Maria Bertele, für „Nacht vor Augen“ (2008) und „Grenzgang“ (2013) jeweils mit dem Grimmepreis ausgezeichnet, ihr „Tatort“-Debüt. Die Regisseurin steht für anspruchsvolle Fernsehfilme; „Ellas Entscheidung“ (2015) zum Beispiel war ein einfühlsames mutiges Drama über die Frage, ob man Embryos mit Gendefekt aussortieren darf oder nicht.

Auch Berteles beiden „Begierde“-Episoden (2015/2016) mit Melika Foroutan als alkoholkranke Aachener Kommissarin Louise Bonì trugen vor allem dramatische Züge. Für „Die Pfalz von oben“ gilt das zwar auch, aber der Film erfüllt darüber hinaus alle Bedingungen eines fesselnden Sonntagskrimis, zumal Dähnerts Drehbuch gleich auf mehreren Ebenen für Spannung sorgt.

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Bei einer Routinekontrolle fällt ein Schuss

Die Handlung beginnt mit einer spätabendlichen Streifenfahrt bei strömendem Regen. Tries und ein junger Kollege stoppen einen Laster. Alles wirkt wie eine Routinekontrolle, aber dann fällt ein Schuss. Der Lkw rammt den Streifenwagen und rast davon, der junge Polizist stirbt. Am nächsten Morgen gibt es das Wiedersehen zwischen Tries und Lena. Die beiden lebten damals in völlig unterschiedlichen Welten, weshalb ihre Beziehung keine Chance hatte. Mittlerweile gilt das noch mehr, selbst wenn die alten Gefühle neu entflammen, denn der heutige Kommissar hat sich zu einem „korrupten Sack“ entwickelt, wie Lena schockiert feststellt: Zarten ist Dreh- und Angelpunkt eines schwunghaften Schmuggels zwischen Ost- und Südeuropa; und Tries steckt mittendrin.

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„Tod im Häcksler“ hatte 1991 in der Pfalz für erhebliche Empörung gesorgt: Die Region wurde als rückständig („Pfälzisch Sibirien“) und die Einheimischen wurden als Hinterwäldler dargestellt. Seither hat das fiktive Zarten dank eines Investors aus Frankreich einen bemerkenswerten Aufschwung erlebt; die Mitglieder des Polizeireviers leben in großzügigen Eigenheimen, die eine eigene kleine Siedlung bilden.

Lena und Stern quartieren sich in einer Chinesenpizzeria ein

Es gibt jedoch einen „Whistleblower“: Einer (oder eine) aus dem Revier hat die Kriminalpolizei in einer anonymen Mail über die illegalen Machenschaften informiert; deshalb haben Lena und Kollegin Stern (Lisa Bitter) gemeinsam mit ihrem Team und einem zynischen internen Ermittler (David Bredin) ihr Hauptquartier im Nachbarort aufgeschlagen.

Zu einem großen „Tatort“ und einer würdigen Jubiläums-Hommage an Lena Odenthal wird „Die Pfalz von oben“ vor allem durch das Wiedersehen mit Stefan Tries. Als sich die beiden irgendwann wieder näherkommen, streut Bertele kurze Rückblenden ein, die eine verblüffende Wirkung haben: Wie jung sie waren, als sie jung waren! Gerade Becker hat sich seither zu einem Schauspielkoloss mit imposanter Ausstrahlung entwickelt; in einigen Szenen genügt ihm ein Blick, um eine ganze Lebensgeschichte zu vermitteln.

Lena muss Stefan zur Strecke bringen

Der Reiz des Films liegt jedoch nicht zuletzt im Beziehungswandel: Damals stand das Duo auf der gleichen Seite, aber irgendwann ist Tries falsch abgebogen; daher muss Lena den „König von Zarten“ zur Strecke bringen, ob sie will oder nicht. Schließlich sieht es sogar so aus, als habe Tries den gewissenhaften jungen Kollegen ermordet, denn der war einer großen Sache auf der Spur. Und nun nimmt die Geschichte endgültig tragische Züge an.

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Dem Anlass angemessen ist nicht zuletzt die Liebe zu jenen Details, die für die Handlung nicht wichtig sind, aber für Atmosphäre sorgen. Die flackernde Beleuchtung des „Polizei“-Schilds ist ein erster Hinweis, dass in Zarten etwas außer Kontrolle geraten ist. Amüsant ist auch die Idee, dass die Ermittler aus Ludwigshafen ihr Hauptquartier in der Kegelbahn einer von Chinesen betriebenen Pizzeria aufschlagen.

Und zum Abspann singt Bob Dylan

Die Bildgestaltung von SWR-Kameramann Jürgen Carle, dem gerade bei den Sonntagskrimis immer wieder große Kunst gelingt, ist nicht nur wegen der eindrucksvollen landschaftlichen Atmosphäre ausgezeichnet. Kongenial ist die vorzügliche Musik von Christian Bigai, der die Bilder mit einer melancholischen Mischung aus Jazz und Blues unterlegt. Und weil „Die Pfalz von oben“ ein besonderer „Tatort“ ist, erklingt statt der gewohnten Abspannmelodie Bob Dylans melancholischer Song „Lay Lady Lay“.

Tilmann P. Gangloff/RND

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