„Tatort“ am Sonntag: So düster wird der neue Berliner Krimi

  • Der neue „Tatort: Das Leben nach dem Tod” liefert solch drastische Szenen, dass man am liebsten weggucken möchte.
  • Der düstere Krimi aus Berlin erzählt eine DDR-Geschichte von sogenannten Wendeverlierern.
  • November-Blues garantiert.
Ernst Corinth
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Berlin. Wer den November-Blues noch nicht hat, der bekommt ihn spätestens nach diesem Berliner „Tatort“. So düster und trist ist die Stimmung in „Das Leben nach dem Tod“. So einsam und verloren wirken die Menschen, die diese Folge zeigt. Und auch die Themen, die dieses Krimidrama behandelt, sind arg deprimierend.

Dabei geht’s – es gibt ja momentan im öffentlich-rechtlichen Fernsehen eh kein Entrinnen – natürlich um die DDR-Geschichte, um die Wendezeit und um die Schicksale sogenannter Wendeverlierer. Aber auch um so unschöne Dinge wie die Clankriminalität, den alltäglichen Rassismus, die Wohnungsnot in Berlin und um Menschen, die nach ihrem plötzlichen Tod wochenlang unentdeckt in ihrer Wohnung liegen.

Mann liegt jahrelang tot in der Wohnung

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Welche fatalen Folgen Letzteres haben kann, erfährt Kommissar Robert Karow (Mark Waschke) am eigenen Leib. Als er eines Tages von der Arbeit kommt, steht vor seinem Haus ein Leichenwagen. Ausgerechnet in seiner Nachbarwohnung ist ein älterer Herr tot aufgefunden worden, stark verwest und fast schon mumifiziert. Der Gestank ist jedenfalls erbärmlich, die Wohnung wimmelt nur so vor Fliegen und Maden. Und Karow hat von alldem nichts bemerkt. Genau das schockiert den ansonsten ja so unterkühlten und abweisenden Kommissar am meisten.

Kurzerhand erklärt er die Wohnung zum Tatort, was der geldgierigen Vermieterin Olschewski (Karin Neuhäuser) überhaupt nicht gefällt. Mitgefühl ist der alten Dame scheinbar fremd, sie denkt nur an eine schnelle, lukrative Neuvermietung – und dass Leichengeruch kein Grund für eine Mietminderung sei. Aber auch Karows herbeigerufene Kollegin Nina Rubin (Meret Becker) geht mit der Situation eher gelassen um.

Dass vereinsamte Menschen wochenlang tot in ihren Wohnungen liegen, ist für sie eigentlich nichts Besonderes. Das kommt halt in einer Großstadt wie Berlin regelmäßig vor. Und irgendwie versteht sie die ganze Aufregung, für die Karow sorgt, überhaupt nicht. Dies ändert sich erst, als sich bei der Obduktion der Leiche durch die neue Gerichtsmedizinerin (Cynthia Micas) herausstellt, dass der ältere Herr durch einen Genickschuss gleichsam hingerichtet worden ist.

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Handlungsstränge werden gekonnt verknüpft

Das ist aber nur einer von mehreren Handlungssträngen dieses Films, die dann in der zweiten Hälfte von Regisseur Florian Baxmeyer und Drehbuchautorin Sarah Schnier gekonnt miteinander verbunden werden. Gleich in der Anfangsszene lernt der Zuschauer nämlich beispielsweise den 80-jährigen Gerd Böhnke (Otto Mellies) kennen, sieht, wie er beim Einkaufen beobachtet und dann später von zwei russisch sprechenden Mädchen in seiner Wohnung überfallen und dabei misshandelt wird. Und es stellt sich heraus, dass Böhnke ein hochdekorierter Richter in der DDR gewesen ist. Ein Wendeverlierer, der nun frustriert von seinem Schicksal klagt, dass damals wenigstens Recht und Ordnung herrschten.

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Und noch zwei anfangs sehr sonderbare Figuren spielen in dem Film eine zentrale Rolle. Hajo Holzkamp (Christian Kuchenbuch) und seine Frau Liz (Britta Hammelstein), die im Auftrag der Hausbesitzerin die Spuren der verwesten Leiche beseitigen sollen. Ein Auftrag, der Herrn Holzkamp allerdings so überfordert, dass er bei der Arbeit einen Anfall bekommt und daraufhin die Wohnung fluchtartig verlassen muss.

Man möchte am liebsten wegschauen

So weit, so schlimm. Und es bleibt einem wirklich nichts erspart. Besonders die Anfangsszenen sind so drastisch, wirken so realistisch, dass man am liebsten wegschauen möchte. Dennoch ist die sich dann langsam – auch dank einer tollen Bildersprache – entwickelnde Sogwirkung dieses Depri-Krimis erstaunlich stark. Ja, man fängt tatsächlich an, sich für die Schicksale dieser Menschen zu interessieren, verfolgt vor allem zunehmend gebannt, welche Verbindungen und Zusammenhänge sich plötzlich herstellen. Und spannend ist die Geschichte auch. Genau wie die enge, fast schon intime Beziehung, die sich zwischen den beiden Ermittlern plötzlich entwickelt.

Anfangs, das kennt man ja von ihnen, arbeiten sie noch nebenher. Während Rubin sich also gewohnt schnodderig gibt, zeigt er jedoch ungewohnte stille und empfindsame Seiten. Und Rubin verfolgt das überraschend sensible Vorgehen ihres Kollegen zunehmend fasziniert.

Das geht schließlich so weit, dass sie ihren sichtbar verzweifelten Kollegen sogar tröstet. Und er ihr daraufhin ein ungewöhnlich liebevolles Kompliment macht – in einer richtig schönen, warmen Szene, die für einen kurzen Moment tatsächlich die kalte, deprimierende Stimmung vertreibt.