Amazon-Serie „Tales from the Loop“: Glühwürmchen fangen

  • Die ungewöhnliche achtteilige Amazon-Serie „Tales from the Loop“ basiert auf retrofuturistischen Gemälden.
  • Als Vorlage dienten die Werke des schwedischen Konzeptkünstlers Simon Stälenhag – Weltraumschrott inklusive.
  • Von dieser Serie, in der naturwissenschaftliche Grundsätze mal eben außer Kraft gesetzt werden, geht ein echter Sog aus.
Jan Freitag
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Die erste Vorführung der Filmgeschichte zeigte nicht viel mehr als einen Zug bei der Ankunft im Bahnhof und versetzte das Pariser Publikum dennoch gehörig in Aufruhr. Inhalt gab es also wenig in dem Werk, Ton logischerweise gar nicht – aber die Wirkung war maximal.

Auguste und Louis Lumière legten im Grunde schon bei der Premiere 1896 den Grundstein heutiger Effekthascherei, die ohne wesentliche Handlung auskommt. Function follows form. Um Kasse zu machen, braucht es eigentlich nur noch Optik – heute aufgemotzt mit Geigen, Klavier und Geräuschen.

Alles laut, grell, furchtbar also im Überwältigungsmedium, das im Serienhype zur Vollendung findet? Ja und nein! Denn klar, einerseits droht Freunden eleganter Dialoge angesichts der Flut dröhnender Materialschlachten Tinnitus. Andererseits können auch Serien, die beinahe nur aus Bildern und Sound bestehen, ihr Publikum noch immer oft so tief durchdringen wie einst die Zugeinfahrt der Brüder Lumière – auch wenn heute keiner mehr von Angst ergriffen wird.

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Von dieser Serie geht ein Sog aus

Zum Beleg sollte man unbedingt „Tales from the Loop“ abrufen, einen Achtteiler von Amazon ­Prime, bei dem man gar nicht erst versuchen sollte, die Story zu durchdringen. Im Kern geht es um zwei Kinder, die in der waldigen Einöde Ohios über einer Art Teilchenbeschleuniger namens „The Loop“ leben, der die Geheimnisse des Weltraums erforscht und dabei offenbar ganz gehörig das Raum-Zeit-Kontinuum der Anwohner durcheinanderbringt.

Während sich die Laborangestellte Loretta (Rebecca Hall) als kleines Mädchen selbst begegnet, das in der Mutter des gleichaltrigen Cole (Duncan Joiner) ihre eigene verschollene Mutter erkennt, hängt dessen Großvater (Jonathan Pryce) auf unerklärliche Weise drin in dieser Verschiebung logischer Bewusstseinsachsen. Klingt ein bisschen kompliziert. Ist es auch.

Nur warum geschieht das alles, weshalb, wann genau und überhaupt? Vielleicht sind das die falschen Fragen. Von dieser Serie geht ein Sog aus. Denn jenseits ihrer dramaturgischen Substanz besteht „Tales from the Loop“ vor allem aus Optik, Optik, Optik – plus Geige, Klavier, Geräusche. Und gerade deshalb ist diese Serie originell, ergreifend, grandios. Ein Grund dafür ist die Vorlage.

Ausgangspunkt der Serie ist ein Gemälde

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Unterlegt vom wunderbar pointierten, gleichsam lustvoll mäandernden Soundtrack des großen Minimalisten Philip Glass beruht die Adaption von Showrunner Nathaniel Halpern mal nicht auf einem Bestseller, einem Computerspiel oder einer Graphic Novel, sondern auf den retrofuturistischen Gemälden des schwedischen Konzeptkünstlers Simon Stälenhag. Dessen Spezialität ist es, natürliche Landschaften mit kinetischem Weltraumschrott einer längst schon vergangenen Zukunft vollzustellen.

So stehen, laufen, liegen, hängen im Mief dieser analogen Wählscheibentelefonwelt überall Stälenhags Ufo-Ruinen und Roboterrelikte herum, als hätte George Lucas sie in die Mitte des 20. Jahrhunderts teleportiert. Ihrer Zeit voraus – und doch zutiefst nostalgisch – stattet dieser Stilmix somit jenes Paradoxon aus, dass die Serie auch innerlich prägt. Und doch besteht die bizarre Story aus mehr als Kulisse.

Darüber hinaus geht es um eine Form erzählerischer Langsamkeit, die an Stanley Kubricks „2001“ erinnert, garniert mit einem frostigen Feeling, das wiederum „Fargo“ von den Coen-Brüdern ins Gedächtnis ruft. Regisseure wie Mark Romanek gönnen der Geschichte immer wieder Phasen fast einschläfernder Stille, in denen Kinder schon mal minutenlang Glühwürmchen jagen und jeder Fang im Einmachglas den Bildschirm aufwühlt, als würde Luke Skywalker gerade den Todesstern sprengen.

Ein großartiger Jonathan Pryce

Sogar das großväterliche Lächeln des großartigen Jonathan Pryce wird dabei zum fesselnden Ereignis. Und klar – nachdem sie verglüht sind, spielen die Insekten bald wichtige Rollen. Anderenfalls würde der Großvater sie nicht so sorgsam in der Kommode verstauen.

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Bis dahin aber sollte niemand grübeln, wohin all die wortkargen Dialoge, die Kamerafahrten durch unbewegtes Gras, die schwebenden Steine, aufwärtsschneienden Schneeflocken und sonstigen Aussetzer naturwissenschaftlicher Gewissheiten mitsamt der Quelle des geruhsamen Wahnsinns im Forschungszentrum führen.

Schließlich nimmt sich „Tales from the Loop“ die Freiheit, neben den Gesetzen der Physik auch jene der Dramaturgie außer Kraft zu setzen. „Wenn jemand sagt, etwas sei unmöglich, beweise ich, dass es möglich ist“, erklärt Coles Großvater seinem Enkel die Funktionsweise seines rätselhaften Astrolabors. Klingt kryptisch, gilt aber auch und gerade für die annähernd achtstündige Vereinigung von Oberfläche und Kern in selten gesehener Harmonie, wie sie in dieser Serie zu finden ist.

„Tales from the Loop“, Amazon ­Prime, acht Folgen, von Nathaniel ­Halpern, mit Rebecca Hall, Jonathan Pryce

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