„Survive the Night“ bei Sky – Wo ein Bruce Willis ist, ist auch ein Weg

  • Zwei Gangsterbrüder, der eine von ihnen angeschossen, nehmen im Thriller „Survive the Night“ (ab 4. Juli bei Sky) die Familie eines Arztes als Geisel.
  • Der Vater des Doktors war mal Cop und wird von Bruce Willis gespielt.
  • Und der kämpft normalerweise ziemlich hartnäckig um das Leben seiner (Film-)Angehörigen.
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Früher war Frank (Bruce Willis) der Sheriff in der Stadt. Und das sagt ihm der durchgeknallte Bandit Jamie (Shea Buckner) mit dem Maß Hochmut des Jüngeren, vermeintlich Stärkeren in der Stimme auf den Kopf zu - ein Tonfall, der den tiefen Fall bereits vorwegnimmt. Denn ein alter Action-Dude (und Willis sieht inzwischen wirklich großväterlich aus) vergisst die alten Tricks nie. Willis schafft sich immer noch den „Stirb langsam“-Blick drauf. Er ist ein Kämpfer, auch wenn er als Rentner in einem – bemerkenswert opulenten – Alterssitz auf dem Land lebt.

Die Brüder Jamie und Matthias Granger (Tyler Jon Olson) hatten das Glück herausgefordert. Ein Raubzug in Mexiko, und dann haben sie auf der Flucht noch schnell eine Tankstelle hochnehmen müssen statt einfach nur harmlos die Zapfpistole im Einfüllstutzen zu versenken. Ziemlich dummer Gangster, dieser Jamie, dem sein klügerer, mitfühlenderer Bruder im Filmverlauf wieder und wieder ein „hey, no killing“ in Erinnerung bringen muss.

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Der Inhaber hatte die obligatorische Flinte hinter dem Tresen, es gelang ihm im Kugelhagel, Matthias einen Beinschuss zu verpassen. Die Räuber sind jetzt in den Nachrichten, sie müssen sich verstecken, zugleich brauchen sie dringend einen Chirurgen, denn Matthias‘ Blut fließt und sickert. Franks Sohn Rich (Chad Michael Murray) ist vom Fach, die Verbrecher folgen ihm und kommen zu der schönen, einsam gelegenen Farm seines Vaters und seiner Mutter (Jessica Abrams), wo Rich – nach einem tödlichen Kunstfehler – mit seiner Familie untergekommen ist und in der örtlichen Landklinik an der zweiten Chance arbeitet. Kein Nachbar am Fenster gegenüber, dem irgendwas verdächtig vorkommt und der die Polizei alarmiert. Perfekt für eine Operation im Stillen, eine Atempause der Schurken.

Entfernt erinnert die Geschichte an William Wylers Klassiker „An einem Tag wie jeder andere“ (1955), in dem allerdings ein weit subtileres Spannungsnetz geknüpft wurde, weil Wylers Held (Fredric March) nur ein durchschnittlicher Familienvater war, der Ort des Bösen eine biedere Vorstadt, der Auftrag an die Geiseln, Normalität vorzugaukeln, keinen Verdacht schöpfen zu lassen, dass das Haus von drei entflohenen Sträflingen okkupiert war. Humphrey Bogart war ein Bösewicht mit grauen Charaktermelierungen, Kameramann Lee Garmes schuf die Schatten eines perfekten späten film noir. Das erste Home-Invasion-Meisterwerk.

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In Matt Eskandaris „Survive the Night“ ist der Gegenspieler jedoch ein Macher, der sich seinen erwachsenen Sohn, wenn der patzt, immer noch strengväterlich vorknöpft, als wäre der zehn Jahre alt und gerade mit dem Löffel im Nutellaglas erwischt worden. Frank ist Macho, liest Leviten, fordert mannhaftes Tun und dabei knarrt die Stimme grimmig wie sein Schaukelstuhl. Schwiegertochter (Lydia Hull) gefesselt? Enkelin (Riley Wolfe Rach) in Banden? Wusste man von Fredric March sofort, dass er niemals eine Actionszene mit den Kidnappern um Bogey hätte durchstehen können, scheint Willis‘ Frank sich auf Showdown und Rache zu freuen. „Du bist ein ganz Harter, hä?“, sagt ihm einer der Eindringlinge auf den Kopf zu. Ist er. Und nur die kommen in den Garten.

Mehr freilich ist er nicht. Eine Figur mit Superstargesicht inmitten von Figuren, die wir gern differenzierter ausgearbeitet erleben würden, voran Murray als ziemlich farblosen Protagonisten. Eine Aussprache zwischen Vater und Sohn soll Tiefe spiegeln – das reicht aber nicht aus.

Schon länger gibt es das Bruce-B-Movie

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Immer wieder gab es im Lauf der letzten anderthalb Dekaden noch Kinoauftritte von Willis - als John McClane in zwei „Stirb langsam“-Nachziehern (2007, 2013), in den mit dem Alter spielenden „Expendables“-Söldner- (2010, 2012) oder „R. E. D.“-Agenten-Streifen (2010, 2013) und zuletzt in einer Neuauflage des Charles-Bronson-Thrillers „Ein Mann sieht rot“ (2018). Aber seit „Lucky Number Slevin“ 2006 direkt auf DVD erschien, wurden auch jede Menge Willis-Filme für die direkte Video-on-demand-Auswertung gefertigt. Manchmal hatte der Star nur Cameo-Auftritte. Hier also ist das neueste der Bruce-B-Movies. Konventionelle Schießereien, eine Autoverfolgungsjagd. Und die Botschaft: Familie ist wichtig. Tja, das kann man nicht oft genug sagen.

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Dass die Streamingdienste nur Juwelen im Gepäck hätten, wird freilich in jüngster Zeit beinahe allwöchentlich widerlegt, zur Not auch ohne Willis. In Netflix’ „The Woman in the Window“ verstolperte sich Joe Wright neulich ein wenig in den Schuhen von „Fenster zum Hof“-Thrillermeister Alfred Hitchcock. Das Kerkerpalaver zwischen Lily Collins und Simon Pegg in „Inheritance“ (bei Sky) wollte sich an „Schweigen der Lämmer“ anlehnen, war aber nur ein Gaga-Abklatsch der raffinierten Rededuelle zwischen Clarice Starling (Jodie Foster) und Hannibal Lecter (Anthony Hopkins).

Das Sci-Fi-Drama „Awake“ mit Gina Rodriguez war ermüdend

Und gerade eben erst hatte die Menschheit in Netflix’ „Awake“ mit „Jane, the Virgin“-Star Gina Rodriguez vergessen, wie Schlaf geht und hätte doch nur ebendiese todlangweilige Sci-Fi-Farce sehen müssen, um wie ein Stein in Morpheus‘ Arme zu sinken.

Wie wir die Nacht überleben? Vielleicht schnappen wir uns nach den 90 Minuten einfach mal wieder ein gutes Buch.

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„Survive the Night“, 90 Minuten, bei Sky, mit Chad Michael Murray, Shea Buckner, Tyler Jon Olson, Bruce Willis, Lydia Hull (streambar ab 4. Juli, auch auf DVD und BluRay)

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