Stuttgarter “Tatort: Du allein”: Vom Heckenschützenthriller zum Drama

  • Der neueste Stuttgarter “Tatort”-Fall “Du allein” (24. Mai) kommt mit gewohnt hoher Qualität daher.
  • Und obwohl der Täter schon nach einer halben Stunde bekannt ist, bleibt die Geschichte bis zum Ende hin spannend.
  • Dabei wandelt sie sich vom anfänglichen Heckenschützenthriller zum wahren Drama.
Ernst Corinth
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Zwar war der letzte “Tatort” aus Stuttgart, “Hüter der Schwelle”, im vergangenen September ziemlicher Mumpitz, aber mit „Du allein“ (Regie: Friederike Jehn) kehrt jetzt das Team um Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) zum Glück zur inzwischen gewohnt hohen Qualität zurück. Und feiert dabei auch gleich ein kleines Jubiläum.

Zum 25. Mal seit 2008 ermitteln die beiden Kommissare für den SWR. Stets mit dabei war Carolina Vera als Staatsanwältin Alvarez, die mit diesem Fall nun Abschied von der Krimireihe nimmt. Dafür gibt’s ein kurzes Wiedersehen mit Bootz‘ Ex-Frau Julia (Maja Schöne), die jedoch im Laufe des Films mit ihren beiden Kindern fluchtartig die Stadt verlässt.

Aus gutem Grund, wie man gleich zu Anfang dieser Folge sieht. Da schwenkt nämlich ein Zielfernrohr eines Gewehrs über eine belebte Straße, es ist offenbar auf der Suche nach einem willkürlich ausgewählten Opfer. Dann drückt der unbekannte Heckenschütze ab. Und eine Frau, vermutlich auf dem Weg zum Briefkasten, fällt tödlich getroffen zu Boden.

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Beängstigende Szene

Eine beängstigende Szene, die noch bedrückender wirkt, weil der Blick des Schützen auch der Blick des Zuschauers ist. Fast zur gleichen Zeit erhalten Lannert und Bootz im Präsidium einen seltsamen Brief, der an die “Ermittler im heutigen Mordfall” adressiert ist. Ein Mord ist den beiden da allerdings noch nicht bekannt, und was die 1 bedeuten soll, die auf einem dem Brief beigefügten Zettel steht, ist genauso unerklärlich. Dass der Täter damit die Ermordung der Frau angekündigt hat, wird den beiden Ermittlern erst klar, als sie zum Tatort gerufen werden. Außerdem ist auch auf der tödlichen Kugel eine 1 eingraviert.

Diese gespenstischen Szenen sind der Auftakt für einen Fall, der anfangs daherkommt wie ein klassischer Heckenschützenthriller und dabei ein wenig an den Klassiker dieses Genres, “Dirty Harry”, erinnert. Es ist ein Fall, der sich dann langsam vom nervenaufreibenden Thriller zu einem wirklich ungewöhnlichen Drama entwickelt. Dabei schlägt der Film zwischendurch so viele Haken und überrascht mit plötzlichen Wendungen, dass man bis zum Schluss fasziniert am Ball bleibt. Obwohl nach etwa einer halben Stunde die Identität des Täters gelüftet wird.

Geschichte bleibt dicht an den Ermittlern

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Die Geschichte ist dennoch spannend, weil sie sehr dicht an den Ermittlern bleibt. Man verfolgt ihr Rätselraten über einen Fall, der lange Zeit nur mysteriös erscheint. Auch das Vorgehen des Täters macht scheinbar überhaupt keinen Sinn, ist sogar bisweilen unlogisch. Da droht er beispielsweise weitere Morde an, verlangt 3 Millionen Euro und inszeniert sogar die eigentlich perfekte Übergabe des Geldes. Dabei muss Bootz an einer U-Bahn-Station mit bitterböser Mine einen unfreiwillig komischen Striptease hinlegen. Doch der Täter taucht aus fadenscheinigen Gründen einfach nicht auf und lässt das erpresste Geld an einem Bahndamm liegen. Stattdessen erschießt er erneut ein Opfer, die Nummer 2. Die Ziffer ist wieder in die Kugel eingraviert.

Ein weiterer Spannungsfaktor ist die Suche nach dem Motiv für die Taten, auf die sich auch der Zuschauer begibt. Dabei wird äußerst geschickt mit Rückblenden gearbeitet, die man als solche erst gegen Ende erkennt. Natürlich steht bald auch die Frage im Raum, ob der Mörder seine Opfer wirklich zufällig ausgewählt hat.

Parallelgeschichte über eine Stammkundin und den Tabakhändler

Auch das ist lange ein Rätsel, das die Ermittler dann eher zufällig lösen. Genauso rätselhaft bleibt eine kleine Parallelgeschichte über eine nette Stammkundin (Katja Bürkle) und ihren liebenswert schrulligen Tabakhändler (Karl Markovics), der wegen einer Angststörung seit Jahren sein Haus nicht mehr verlassen hat. Auch in diesem Fall machen die seltsamen, kleinen Episoden erst sehr spät Sinn.

Aber dann hat sich der vom Drehbuchautor Wolfgang Stauch exzellent konstruierte und bis in kleinste Details stimmige Thriller längst in ein tragisches Drama entwickelt. Ein Drama, das von Dingen erzählt, die uns alle angehen und die den meisten von uns leider ganz genauso zustoßen können.

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