StudiVZ ist tot – diesmal aber wirklich

  • Im Frühjahr 2020 kehrten die einst erfolgreichen VZ-Netzwerke unter dem Namen „VZ.net“ überraschend zurück.
  • Richtig funktioniert hat das Comeback offensichtlich nicht.
  • Ende Juli soll das Projekt eingestampft werden – stattdessen arbeiten die Betreiber an einer Spieleplattform.
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Hannover. Wir müssen jetzt alle ganz stark sein: StudiVZ ist tot. Moment mal, StudiVZ? Die Seite gibt‘s noch?

Zugegeben: Die Nachricht vom Ableben des einstigen Hypenetzwerks klingt zunächst einmal wie kalter Kaffee. Denn StudiVZ spielt schon seit mindestens zehn Jahren keine Rolle mehr in der Landschaft der sozialen Netzwerke. Die Plattform liegt samt ihrer Ableger SchülerVZ und MeinVZ friedlich schlummernd auf dem Internetfriedhof.

Im April 2020 passierte dann aber etwas Überraschendes: Die VZ Networks GmbH aus Berlin startete plötzlich eine Neuauflage der Plattform mit dem Namen „VZ.net“, was zumindest kurzzeitig für ein Comeback des Netzwerks sorgte. Diese Neuauflage wird nun allerdings nach etwas mehr als einem Jahr wieder eingestampft – und zwar ganz offiziell.

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Aus VZ.net wird SpieleVZ

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Nutzerinnen und Nutzer des Netzwerks – sollte es sie überhaupt noch geben – bekommen dieser Tage eine Mitteilung per E-Mail. Schon die Betreffzeile verheißt nichts Gutes: „Aus VZ.net wird SpieleVZ – Kündigung VZ Account“, heißt es darin. In der Mail wird dann erklärt, dass in Kürze sämtliche Daten der Benutzeraccounts vollständig gelöscht würden.

„Vielen Dank für eure Mithilfe und das Feedback zur Beta Variante“, steht in der Mail. „Nach reiflichen Überlegungen haben wir uns entschlossen, VZ.net zu einer Spieleseite auszubauen. Die aktuelle Variante wird geschlossen und dein zugehöriger Account fristgerecht zum 31.07.21 gekündigt. Du hast bis zu diesem Datum Zeit, deine Daten zu sichern. Danach werden alle Daten den AGBs nach vollständig gelöscht.“

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In einem Blogbeitrag erklären die Betreiberinnen und Betreiber Näheres zu den Plänen. Hintergrund für das neue SpieleVZ ist offenbar eine beliebte Funktion der früheren VZ-Netzwerke – nämlich die Browserspiele. Die Spielestände des früheren Netzwerks MeinVZ würden „vollständig auf die neue Seite übertragen“, heißt es im Blogbeitrag.

„Bis zum Launch von SpieleVZ Anfang 2022 wird MeinVZ weiter betrieben und alle Spielstände bleiben erhalten. Im nächsten Schritt werden viele weitere Spiele eingebunden. Da die neue Seite auch mobil gut bedienbar ist, ergeben sich auf SpieleVZ viel mehr Möglichkeiten und wir möchten damit die starke Spielercommunity auf MeinVZ weiter fördern und unterstützen.“ Bis Anfang 2022 wolle man „unter Hochdruck daran arbeiten“, dass die überarbeitete Seite „mit allen bekannten Spielefunktionen, tollen Extras und der neuen Pinnwand zur Verfügung“ stehe.

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Der letzte Vorhang fällt

Der Schritt kommt mindestens genauso überraschend wie die plötzliche Rückkehr der VZ-Netzwerke im Frühjahr 2020. Seinerzeit hatten die Betreiberinnen und Betreiber frühere Fans der Seiten mit großem Tamtam zurück auf ihrer neuen Plattform begrüßt. „Wir gruscheln dich“, war da etwa zu lesen. Die Funktion „Gruscheln“, eine Wortschöpfung aus Grüßen und Kuscheln, hatte dem früheren StudiVZ seinerzeit zum Kultstatus verholfen. Das neue VZ.net sollte ein soziales Netzwerk „made in Germany“ werden – und im Gegensatz zur Konkurrenz auch mit strengen Datenschutzvorkehrungen.

Auch andere Funktionen des einstigen Kultnetzwerks schafften es in die Neuauflage, etwa Kalender, der legendäre Plauderkasten und kultige Witzegruppen. Nutzerinnen und Nutzer der alten Seiten hatten die Möglichkeit, die persönlichen Daten ins neue Netzwerk zu importieren. Kurioserweise blieben die völlig veralteten Plattformen StudiVZ und MeinVZ aber ebenfalls online und führten ihr tristes Dasein einfach weiter.

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Jetzt scheint es so, als falle für sämtliche Plattformen endgültig der letzte Vorhang: Ende Juli wird zunächst das neue VZ.net dichtgemacht, mit dem Start von SpieleVZ dann wohl Anfang 2022 auch die alten Websites StudiVZ und MeinVZ. Am heutigen Dienstag ist bereits keine der VZ-Plattformen mehr zu erreichen.

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Der Plan von der Lernplattform

Erhofft hatten sich die Betreiberinnen und Betreiber das offenbar nicht. In den vergangenen Wochen und Monaten hatte die VZ Networks GmbH in ihrem Blog immer wieder Updates zum Stand der Betaphase gepostet und zahlreiche Verbesserungen angekündigt. Über 280.000 Nutzerinnen und Nutzer hätten sich in den ersten zehn Monaten beim neuen VZ.net angemeldet – „weit erfolgreicher als erhofft“ sei der Start verlaufen. Bis Frühjahr 2021 seien 160 Millionen Bilder aus StudiVZ und MeinVZ in das neue VZ importiert worden.

Mit der Zeit nahm das Interesse aber offenbar wieder ab. Die ausschließlich gruppenbasierten Seite – und damit ein Gegenentwurf zur Selbstdarstellung auf anderen Seiten – sei zwar in der Theorie gut angekommen, in der Praxis dann aber doch nicht ausrechend gewesen. „Vielleicht ist es einfach jahrelang gelerntes Verhalten, aber User wollen auf Social-Media-Plattformen andere Profile entdecken und zunächst genau wissen, mit wem sie es in der Gruppe zu tun haben, bevor sie sich über gemeinsame Interessen austauschen“, resümiert die Firma.

Also seien weitere Funktionen eingeführt worden, und auch neue Pläne wurden bereits im Blog bekannt gegeben. Die Rede war etwa von einer Umsatzbeteiligung für Content Creator auf VZ.net. Auch wurde in einem Blogbeitrag angedeutet, VZ.net könne langfristig zur Lernplattform umgebaut werden. „Schulen suchen aktuell nach Formen der Digitalisierung, Uniplattformen sind oft stark überladen und zu kompliziert. VZ ist made in Germany, hält sich an deutsche Datenschutzrichtlinien nach besten Standards und ist für große Nutzermengen skalierbar.“ Nur wenige Monate später ist von diesen Plänen nichts mehr zu spüren. Statt einer Lernplattform soll VZ.net nun also zur Spieleplattform umgebaut werden.

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Der Untergang der deutschen Netzwerke

Die VZ-Netzwerke sind nicht die einzigen deutschen Social-Plattformen, die seit Anfang der 2010er-Jahre vor der Übermacht von Facebook kapitulieren mussten. Das Netzwerk „Wer kennt wen“ beispielsweise, das zuletzt von der RTL-Gruppe betrieben wurde, ging 2014 nach achtjähriger Existenz schließlich offline. Der Grund: Massive Reichweitenverluste. Im August 2010 hatte „Wer kennt wen“ noch über 163 Millionen Seitenbesuche, im Oktober 2013 verzeichnete die Seite noch 23 Millionen monatliche Seitenbesuche.

Auch Lokalisten.de, an dem mitunter die Pro-Sieben-Sat.1-Gruppe beteiligt war, stellte im September 2016 seinen Betrieb ein. In den Jahren 2009 und 2010 waren hier etwa zwei Millionen Nutzer aktiv, 2011 mit dem Siegeszug von Facebook waren es nur noch 800.000. Zuletzt nutzten im Juni 2016 nur noch 50.000 Menschen lokalisten.de.

Noch deutlich dramatischer war der Einbruch bei den VZ-Netzwerken. Gegründet wurde die Plattform 2005 von Ehssan Dariani und Dennis Bemman. Nur zwei Jahre später verkauften die Gründer ihr Portal für 85 Millionen Euro an den Holtzbrinck-Verlag. Im ersten Quartal 2008 hatte StudiVZ satte 5,5 Millionen Nutzer und gehörte damit zu den erfolgreichsten Onlinemedien in ganz Deutschland.

Parallelwelten in den Onlineruinen

Im August 2012 zählte die Marktforschungsfirma Comscore nur noch 2,8 Millionen Nutzer aller drei VZ-Seiten, wobei StudiVZ den geringsten Anteil mit 591.000 Besucherinnen und Besuchern verzeichnete. Holtzbrinck verkaufte die VZ-Netzwerke im Jahr 2012 an eine amerikanische Investmentfirma. Die Plattform SchülerVZ wurde bereits 2013 vom Netz genommen, StudiVZ und MeinVZ blieben bis heute online, wenngleich sie praktisch nicht mehr gepflegt wurden. 2017 meldete die Betreiberfirma Poolworks endgültig Insolvenz an.

Die ehemaligen Plattformen entwickelten sich mit der Zeit zu echten Onlineruinen, auf denen verschiedene skurrile Gruppierungen zeitweise ihr Unwesen trieben. Bei SchülerVZ entstand eine Parallelwelt unter dem inoffiziellen Namen FakeVZ. Nutzerinnen und Nutzer gaben sich Namen von bekannten Stars oder gänzlich erfundenen Personen und entwickelten daraus ein eigenes Rollenspiel. Bei StudiVZ und MeinVZ gab es bis zum Relaunch ebenfalls noch einige aktive Gruppen. In einigen teilten Nutzerinnen und Nutzer beispielsweise versaute Sexgeschichten.

Ob die Pläne für ein soziales Netzwerk „made in Germany“ nun endgültig Geschichte sind, war am Dienstag nicht zu erfahren. Auf eine Anfrage des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND) haben die Betreiberinnen und Betreiber von VZ.net bislang nicht geantwortet.

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