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50 Jahre „Wir haben abgetrieben“: Warum war die Aktion so erfolgreich?

  • 50 Jahre nach „Wir haben abgetrieben“ ist die Erinnerung an die Aktion präsent.
  • Und das nicht nur für die, die damals in der Frauenbewegung waren.
  • Woran liegt das?
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„Schergen der SS“ und „Kindsmörderinnen“ schimpfte die katholische Zeitung „Neue Bildpost“. Von „Exhibitionismus“ schrieb die „Süddeutsche Zeitung“. Die Reaktionen nach der Aktion „Wir haben abgetrieben“ in den Medien war teilweise heftig. Aber auch nicht nur negativ: „Aufstand der Frauen. Jetzt offener Kampf gegen Abtreibungs-Verbot“, titelte die Münchner „Abendzeitung“. Und die „Bild“-Zeitung rief die Männer dazu auf, den Frauen im Kampf für Selbstbestimmung beizustehen. Doch zu der „Bild“ kommen wir später noch.

28 Frauen schauen von dem Cover des „Sterns“ auf den Leser – 28 Frauen stellvertretend für 374, die sich selbst bezich­tigten, abgetrieben und sich damit strafbar gemacht zu haben. Der „Stern“ vom 6. Juni 1971 mit dem großen gelben Banner „Wir haben abgetrieben“ lag an jedem Kiosk aus und war an jedem Zeitungsstand zu sehen. Dabei waren Gesichter, die man kannte, wie die von Romy Schneider, Senta Berger und Vera Tschechowa. Aber auch Gesichter von unbekannten Frauen, gewöhnlichen Frauen. Vielfach von Frauen, die bereits Kinder im Arm hielten. Frauen wie jene, die man täglich sieht: in der Universität, auf der Straße, in Büros, in den Fenstern der Nachbarwohnungen.

Aktion zeigte Doppelmoral der Zeit

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„Das war ein ziemlicher Knall“, sagt Prof. Susanne Kinnebrock, Kommunikationswissenschaftlerin und Professorin an der Universität Augsburg, gegenüber dem Redaktions­Netzwerk Deutschland (RND) und meint damit das „Stern“-Cover von 1971. „Die Pressestimmen waren damals durchaus gespalten“, erklärt sie weiter. Und ein Blick in die Berichterstattung aus der Zeit zeigt, dass selbst einige Zeitungen wie „Bild“ zwischen Unterstützung und Abneigung gegenüber der Aktion wankten. So forderte das Blatt zwar: „Wir brauchen schnellstens eine gesetzliche Änderung“, erfand gleichzeitig aber auch ein Gespräch mit Romy Schneider, in dem sie bestritten haben soll, dass sie bei der Aktion öffentlich auftreten wollte. „Bild fuhr einen Pro-und-Contra-Zickzackkurs“, erinnert sich Alice Schwarzer in einem Artikel zum 40. Jahrestag der Aktion.

Die Aktion stieß eine offene Debatte über Schwangerschaftsabbrüche an. „Die Aktion hat Grauzonen offengelegt: Das formale Recht gab es auf der einen Seite, doch die gelebte Praxis sah ganz anders aus“, sagt Kinnebrock. Denn während einer Frau, die abtrieb, das Stigma das gefallenen Mädchens anhaftete, zeigte das Titelblatt Mütter, die schon mehrere Kinder hatten, die womöglich einfach nicht mehr konnten.

„Stern“ war nicht das naheliegende Medium

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Der „Stern“ als Illustrierte, die ihr Titelblatt gern mit schönen Schauspielerinnen schmückte, war nicht unbedingt das Medium gewesen, das der Frauenbewegung oder den 68ern nahestand, gibt Kinnebrock zu bedenken. Doch auch die Unterzeichnerinnen kamen nicht nur aus alternativen Kreisen, es waren Hausfrauen, Sekretärinnen oder Journalistinnen. „Das hat die große Breitenwirkung ausgemacht.“

Inzwischen ist klar, dass nicht alle Unterzeichnerinnen von damals wirklich abgetrieben hatten. „Wir alle wussten, was das Abtreibungsverbot für das Leben einer Frau bedeutete. Auch die Minderheit der Unterzeichnerinnen, die nie abgetrieben hatten. Wie ich. Auch wir hatten es in unserem Leben schon mal im Kopf durchgespielt“, schreibt Alice Schwarzer in der „Emma“ zum 50. Jahrestag.

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Alice Schwarzer betreibt „Erinnerungsaktivismus“

Alice Schwarzer ist eine journalistische Aktivistin. Oder eine aktivistische Journalistin. Sie lebte 1971 als frei arbeitende Korrespondentin in Paris und erfuhr dort von der Vorgängeraktion. Während der Aktion selbst trat sie nicht als Initiatorin auf, sondern lediglich als eine der Unterzeichnerinnen. Doch das änderte sich schnell: Im selben Jahr noch veröffentlichte sie das Buch „Frauen gegen den § 218“ und 1981 einen Erinnerungsband zu zehn Jahren Frauenbewegung. 1977 gründete sie ein Kollektiv, dessen Teil sie war, die feministische Zeitschrift „Emma“ – noch heute ist sie Herausgeberin und Chef­redak­teurin.

In Gesprächen und eigenen Texten beschreibt sie immer wieder „Wir haben abgetrieben“ als den Startpunkt für die Frauen­bewegung in Deutschland. „Alice Schwarzer betreibt Erinnerungsaktivismus“, sagt Kinnebrock. „Es gab damals nicht dieses eine Ereignis der Frauenbewegung.“ Die „Emma“ und Schwarzer würden immer wieder regelmäßig auf die Aktion verweisen und so auch die Erinnerung daran und somit die Bedeutung im Bewusstsein halten.

„Der Boden war bereitet“

Es war auch nicht nur der „Stern“, der über die Notsituation der Frauen bei Abtreibungen berichtete. Die Münchner „Abendzeitung“ begleitete die Thematik vor und nach der Veröffentlichung der 374 Frauen, ebenso wie beispielsweise die „Frankfurter Rundschau“. „In der Regel gibt es nicht nur eine Aktion und plötzlich ist alles anders. Das ist ein langer Wandlungsprozess“, so Kinnebrock. Schon in den 60er-Jahren habe ein Überdenken der Sexualmoral ebenso wie die Patriachatskritik stattgefunden. „Da war der Boden bereitet.“ Bei den Frauen habe ein echter Leidensdruck geherrscht.

Noch heute gibt es Aktionen, die mit Schlagwörtern oder Hashtags auf Notlagen aufmerksam machen: #MeToo, #Black­Lives­Matter oder kürzlich auch #ActOut. Aber es gibt auch solche, deren Hashtags schon lange wieder vergessen sind. „Diese Kampagnen werden aber meist dann nur nachhaltig, wenn die Massenmedien aufspringen“, beobachtet die Kommunikationswissenschaftlerin. Doch können die Anliegen in der schnell wechselnden, bilderbefluteten Digitalwelt untergehen.

1971 war die Welt hingegen um sehr viele Bilder ärmer – und die Zeitschriften wie „Stern“ oder „Bunte“ stachen eben durch ihr buntes Titelblatt hervor. Der „Stern“ hat sein Titelblatt zum 50. Jahrestag der Aktion übrigens wieder freigeräumt, um acht Frauen zu zeigen, die öffentlich erklären: „Wir haben abgetrieben.“ Ob man sich an dieses Cover 2071 erinnert, wird sich noch zeigen.

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