“Stand by Me” mit Zombies: Die Serie “The Walking Dead: World Beyond“

  • Im Serienableger “The Walking Dead: World Beyond” (streambar ab 2. Oktober) finden vier Teenager (hoffentlich) etwas Besseres als den Tod.
  • Die neueste Zombiesause wendet sich vornehmlich an ein jüngeres Publikum.
  • Fans der Originalserie könnten mittelfristig auf ein Treffen mit einem alten Bekannten hoffen.
|
Anzeige
Anzeige

Die vier Wanderer haben für die Nacht in einem Baumhaus Zuflucht gefunden. Sie atmen durch, kramen in den Schätzen der Hütte, finden ein “Monopoly”-Spiel, scherzen, lachen und spielen ein paar Stunden lang Kapitalisten. Sie erinnern in der Unbekümmertheit dieses Abends an Vern, Teddy, Chris und Gordy, die glorreichen Baumhaus-Vier aus Rob Reiners Coming-of-Age-Klassiker “Stand by Me” – auch wenn Iris, Hope, Elton und Silas ein paar Jahre älter sind und gewiss nicht auf der Suche nach der Leiche eines verschwundenen Jungen, den ein Zug am Bahndamm aus den Schuhen geschleudert hat.

Das Quartett aus der neuen Serie “The Walking Dead: World Beyond” sucht vielmehr einen Lebenden, will sich zum Vater von Iris und Hope nach New York durchschlagen, mehr als 1000 Meilen zu Fuß. Zwischen der Campus Colony in Nebraska und der “Stadt, die nie schläft”, wartet “crap”, wie Hope es formuliert. Das bedeutet, es gibt dort neben Autowracks und Ruinen Leichen zuhauf, die aber nicht still und tot an Bahndämmen herumliegen.

Anzeige

Der Zombie – Mutter Naturs gemeinster Trick

Es ist das Zeitalter der Rückeroberung. Die Welt ist wieder grün, die Natur frisst sich seit zehn Jahren überall durch Asphalt und Beton, niemand ist mehr da, der sich die Erde untertan machen kann, der hegt und jätet, pflanzt und erntet, züchtet, schlachtet et cetera. Der Trick der Natur ist, zu verhindern, dass der Schädling Mensch noch einmal an die Spitze der Nahrungs- und Verheerungskette kommt, seine Neigung zum Kultivieren und zum Kapitalismus im großen Stil ausleben kann.

Und ihr Trick ist böse: Der Mensch wendet sich nach dem Tod gegen die eigene Spezies und nährt sich von ihr. Er kann Mauern bauen gegen die wankenden, hungrigen, nimmermüden Monster, kann in kleinen Orten zivilisatorische Neubeginne versuchen. Aber Skeptiker wie Hope glauben zu wissen, dass der Wiederaufbau “pointless” ist – “sinnlos”.

Anzeige

Denn die Monster sind immer auch innerhalb der Festungen, weil nach der pandemischen “sechsten Auslöschung” (Elton) jeder den Erreger in sich trägt, der ihn nach dem Ableben zu einem Taumler, Beißer, Empty, einem “walking dead” werden lässt. Weil es in der Welt der vier Wanderer offenbar keine Zombiefilme und -serien gab, redet auch nie jemand von Zombies.

Wir kommen in die Sphäre, in die Rick verbracht wurde

Anzeige

“The Walking Dead: World Beyond” ist der zweite Serienableger des Horrorhits “The Walking Dead” (TWD) nach “Fear the Walking Dead” (seit 2015). Der geneigte Zuschauer erhält dabei Einblick in einen Teil der “TWD”-Sphäre, die er bislang nur streifte, als Rick Grimes, der Anführer der Heldenschar, plötzlich von Hubschraubern entführt wurde. Während Gemeinschaften wie Alexandria oder “das Königreich” wieder in ein vortechnisches Zeitalter zurücksanken, gab es scheinbar doch einen Ort, der über mehr Potenzial verfügte.

Und so wird man in das Drei-Ring-Netzwerk eingeführt, ein Bündnis dreier Städte. Die Campus Colony in Omaha bekommt zum Serienauftakt Besuch von Oberstleutnant Elizabeth Kublek (Julia Ormond) aus der als Militärmacht auftretenden Civic Republic von New York. Offiziell soll der “Monuments Day” gefeiert werden, love, peace und understanding – mit großen Reden und Musik anlässlich zehn Jahren gemeinsamen Durchhaltens und Wachstums. “Wir sind die Zukunft”, hören wir Iris denn auch aus dem Off behaupten.

Das Stream-Team Was läuft bei den Streamingdiensten? Was lohnt sich wirklich? Die besten Serien- und Filmtipps für Netflix & Co. gibt‘s jetzt im RND-Newsletter „Stream-Team“ – jeden Monat neu.

Kublek ist eine vom Schlage Negans und des Governors

Aber wir Zuschauer glauben ihren Worten nicht so recht, als wir erfahren, dass Iris und Hopes Vater von Kubleks Clan zu Forschungsarbeiten gezwungen wurde. Wir schauen in die kalten Augen der Soldatin und wissen sofort, dass hinter ihrem “Wir müssen tapfer sein, um die Welt zurückzubringen” nichts Gutes steckt. Hier ist eine vom Schlag der vertrauten “TWD”-Despoten Governor und Negan. Warnende Telexbotschaften des Vaters sprechen Bände. Die vier brechen umgehend auf zur großen Odyssee gen Osten und finden – zumindest zunächst – etwas Besseres als den Tod.

Der Rest ist Zombiebusiness. Hinter jeder Zufluchtstür können die “Leeren” lauern, und bald stoßen die Nestflüchter sogar auf eine “Herde”, die sie – bedenkt man die nur rudimentäre Kampfbereitschaft des Quartetts – eigentlich nicht überwinden können. Die bekannten “TWD”-Mittel zur Spannungserzeugung funktionieren auch weiterhin, und immer noch fallen den Machern ein paar Bilder ein, die das Ekelpaket Zombie um einen neuen gräulichen Aspekt bereichern.

Anzeige

Aber wie immer im “TWD”-Serienkosmos kommt es zuvörderst auf die Hauptcharaktere an: Die kreative, optimistische Iris (Aliyah Royale), die coole Zweiflerin Hope (Alexa Mansour), der gewitzte Elton (Nicolas Cantu) und der nur scheinbar träge Riese Silas (Hal Cumpston) könnten durchaus ein Publikum für sich gewinnen – das ist das Ergebnis nach zwei von elf zur Sichtung überlassenen Episoden. Vier Menschen, die quasi nichts anderes kennen als das Leben in einer durch ein Virus untergegangenen Welt und die ihren Platz suchen im Leben.

“World Beyond” soll kein Endlos-Epos werden

Sie sind Identifikationsangebote an ein jüngeres Publikum, das mit der buchstäblich alt gewordenen Mannschaft um Daryl (Norman Reedus) und Carol (Melissa McBride) möglicherweise nicht so viel anfangen kann. “Ich will nicht sein, was jeder von mir denkt”, sagt Silas. “Ich will etwas bedeuten”, sagt Elton. “Es tut mir leid”, entschuldigt sich Iris bei einem Zombie. Allerbestes Coming-of-Age. Der Zuschauer erfährt zudem früh von einem tragischen Ereignis aus den Tagen der Apokalypse, das die Gemeinschaft sprengen könnte. Drama, Baby! Und Fans der Originalserie könnten hier vielleicht Rick wiederbegegnen, dem Sheriff ohne Furcht und Tadel.

Die Serienschöpfer Scott Gimple und Matthew Negrete planen keine Endlosserie, die dann irgendwann selbst leichenblass herumstolpert (wie es “The Walking Dead” zumindest zwischenzeitlich tat). Sie haben “World Beyond” nur auf zwei Staffeln angelegt. Falls es dabei bleibt, ist aber auch nach dem für 2022 geplanten Ende der Mutterserie nicht Schluss mit der Zombiesause. Zwei weitere Sagas sind geplant, um der anhaltenden Faszination von Millionen “TWD”-Fans Rechnung zu tragen. Es gibt eben nichts Gruseligeres als das Monster in uns.

“The Walking Dead: World Beyond”, Staffel 1, bei Amazon Prime Video, elf Episoden, von Scott Gimple und Matthew Negrete, mit Aliyah Royale, Alexa Mansour, Hal Cumpston, Nicolas Cantu, streambar ab 5. Oktober

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen