Stadt Solingen legt Beschwerde wegen „Bild“-Berichterstattung ein

  • Nach der Tötung von fünf Kindern in Solingen zitiert “Bild” aus privaten Chatverläufen des überlebenden elfjährigen Bruders.
  • Mittlerweile sind mehr als 50 Beschwerden beim Presserat eingegangen, auch von der Stadt Solingen.
  • Die Zeitung bedauert den Beitrag.
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Berlin. Die Stadt Solingen legt gegen die Berichterstattung von „Bild“-Zeitung und RTL über die getöteten Kinder Beschwerde beim Deutschen Presserat ein. Die Berichterstattung über die Familientragödie mit fünf getöteten Kindern habe nach Ansicht von Oberbürgermeister Tim Kurzbach (SPD) zahlreiche Grenzen des Pressekodex überschritten, erklärte die Stadt am Montag. Dabei seien der Schutz der Persönlichkeit vor allem von Kindern und Jugendlichen sowie der Grundsatz der Unschuldsvermutung nicht beachtet worden.

Beide Medien hätten unverpixelte Gesichter von Minderjährigen und Angehörigen, ungekürzte Namen, private Fotos und Chat-Verläufe in sozialen Netzwerken veröffentlicht, erklärte die Stadt. Zudem kritisierten die Verantwortlichen der Stadt scharf, „dass Nachbarn in der Hasseldelle von Reportern belästigt wurden und besonders sensationsheischende Online-Beiträge nur hinter der Bezahlschranke abgerufen werden konnten, womit die Boulevardmedien noch Profit aus der Tragödie geschlagen haben“.

Fünf tote Kinder in Solingen

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Nach Angaben des “Bild”-kritischen Medienblogs “Bildblog” hatte die Boulevardzeitung am Freitag aus einem privaten Chatverlauf des überlebenden elfjährigen Bruders der fünf getöteten Kinder sowie eines Freundes zitiert. Die fünf Kinder waren am Donnerstag tot in Solingen aufgefunden worden. Die tatverdächtige Mutter sitzt mittlerweile in Untersuchungshaft. Lediglich der elfjährige Sohn überlebte, er hatte sich zum Zeitpunkt der Tat offenbar in der Schule aufgehalten. Am Freitag erschien auf “bild.de” ein Artikel mit der Überschrift “Mutter (27) hat fünf ihrer Kinder getötet: Freund Max telefonierte mit dem Sohn, der überlebte”. Laut “Bildblog” soll sich die “Bild”-Zeitung die Nachrichten über den Freund verschafft haben. Am Wochenende löschte “Bild” den Artikel auf “bild.de”.

„Bild“ räumt Fehler ein

Nach massiver Kritik an ihrer Berichterstattung hatte die „Bild“-Zeitung Fehler eingeräumt. Die Geschichte habe RTL am Donnerstag aufgebracht, „Bild“ habe „diese mit dem ausdrücklichen Einverständnis und Entscheidung der Mutter, wie auch in dem Beitrag explizit dokumentiert, ebenfalls übernommen, was wir bedauern“, teilte die Zeitung am Montag auf Anfrage des Evangelischen Pressedienstes (epd) mit. Man habe sich daher zeitnah entschlossen, den Beitrag auf „bild.de“ wieder herunter zu nehmen.

Der Deutsche Presserat hatte bereits erklärt, er ziehe eine Prüfung gegen die „Bild“-Zeitung in Betracht. „Zu prüfen wäre, ob die Redaktion gegen die Richtlinie 4.2 verstoßen hat, wonach besondere Zurückhaltung bei der Recherche gegenüber schutzbedürftigen Personen geboten ist“, teilte der Presserat auf epd-Anfrage in Berlin mit. Zudem stelle sich die Frage, ob die Redaktion den Persönlichkeitsschutz des Jungen nach Ziffer 8 verletzt habe. Bislang seien 51 Beschwerden beim Presserat eingegangen, hieß es. Der Deutsche Presserat ist das Freiwillige Selbstkontrollorgan der Presse.

RND/epd

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