Wann haben Sie zuletzt geweint, Stefan Aust?

  • Den meisten ist er als kühler Moderator von „Spiegel TV“ bekannt.
  • Doch Stefan Aust ist Vollblutjournalist mit vielen Stationen.
  • Im Interview spricht er über sein neues Buch, über seine Erfahrungen bei den Recherchen zur RAF und zum NSU – und über Deutschland nach der Ära Merkel.
Thomas Pfundtner
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Herr Aust, in Ihrer Autobiografie nehmen Sie die Leser mit auf eine spannende Reise durch 50 Jahre deutsche Geschichte.

Das stimmt. Ich mag den Begriff Autobiografie nicht so gern. Für mich besteht das Buch mehr aus Beobachtungen am Rande der Geschichte als aus der genauen Beschreibung meines Lebens.

Warum sollten junge Menschen „Zeitreise“ lesen?

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Gute Frage. Vielleicht, weil sie lesen, wie spannend ihr Leben sein kann, wenn sie bereit sind, sich mit den Ereignissen zu beschäftigen. Ich bin Journalist geworden, damit ich dabei sein konnte. Nicht um mitzumischen, sondern um ein klein wenig Aufklärung zu betreiben.

Wie im Fall des Mordes an der Heilbronner Polizistin Michèle Kiesewetter. Sie glauben nicht, dass die rechtsextremen NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos die Tat allein begangen haben.

Richtig. Meine Recherchen haben ergeben, dass es gerade im Fall Michèle Kiesewetter viel zu viele Zufälle gab, sodass man diese nicht mehr nachvollziehen konnte. Ich bin nach wie vor der Meinung, da stimmt was nicht.

Der Journalist Stefan Aust wurde am 1. Juli 1946 in Stade geboren. Seit der achten Klasse engagierte er sich bei der Schülerzeitung „WIR“ des Stader Athenaeum-Gymnasiums, erst als Verantwortlicher für die Finanzen, später dann als Herausgeber. Mit dabei war Wolfgang Röhl, Bruder von Klaus Rainer Röhl, der mit Ulrike Meinhof verheiratet war und das Politmagazin „konkret“ herausgab. Röhl bot dem Abiturienten Stefan Aust an, bei seiner Zeitschrift zu arbeiten. Das war der Grundstein für eine wohl einmalige Journalistenkarriere: „St. Pauli Nachrichten“, Redakteur beim NDR und „Panorama“, Chefredakteur bei „Spiegel TV“, Mitbegründer des Senders DMAX, von Dezember 1994 bis Februar 2008 Chefredakteur des „Spiegel“ und später Autor für „Die Zeit“. Heute ist er Herausgeber der „Welt“ und der „Welt am Sonntag“ sowie von Welt-TV, früher N24. Aust hat mehr als 15 Bücher geschrieben oder an ihnen mitgearbeitet. Das wohl bekannteste ist „Der Bader-Meinhof Komplex“, die Geschichte der RAF und ihres blutigen Terrors. Nicht zuletzt dadurch hat er sich den Ruf eines exzellenten RAF-Experten erarbeitet. Derzeit arbeitet der Journalist an einer Dokumentation für die ARD über die Kanzlerzeit von Angela Merkel. Der genaue Sendetermin ist noch offen. Stefan Aust: „Zeitreise – die Autobiografie“, Piper Verlag, 656 Seiten, 26 Euro.
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Was?

Die thüringische Herkunft von Michèle Kiesewetter. Die Tatsache, dass ihr Einsatzleiter an diesem Tag Timo Heß ist, ein Polizist, der sich früher in der rechten Szene bewegte. Oder der Fakt, dass Kiesewetters Onkel Mike W. ein Drogenfahnder war und noch früher beim Staatsschutz ermittelte. Das sind nur drei von vielen „Zufällen“. Ein bisschen viel, finden Sie nicht? Ich glaube, der Mord an Michèle Kiesewetter hat einen Hintergrund, der damit zu tun hat, dass sie zu viel wusste. Was, weiß ich allerdings nicht.

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Werden wir das jemals erfahren?

Der Schlüssel für die Lösung ist Beate Zschäpe, die einzige Überlebende des NSU. Vielleicht weiß sie nicht alles. Aber sie weiß viel. Wenn sie eines Tages erzählt, wird auch die Wahrheit über den Polizistenmord von Heilbronn ans Licht kommen.

„Schon am Montag hatte ich das Gefühl, an der Mauer wird Geschichte geschrieben“

Welches Ereignis hat die Bundesrepublik am meisten verändert?

Ganz klar – der Mauerfall am 9. November 1989. Erinnern Sie sich? Das war ein Donnerstag. Schon am Montag hatte ich das Gefühl, an der Mauer wird Geschichte geschrieben, und hatte deshalb Reporter nach Berlin geschickt. „Ihr bleibt an der Mauer, da passiert etwas“, habe ich ihnen mit auf den Weg gegeben. So ist es dann gekommen.

War Ihnen da schon klar, dass es zur Wiedervereinigung kommen würde?

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Zu dem Zeitpunkt noch nicht. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass die Sowjetunion freiwillig auf ihre Herrschaft über die östliche Hälfte Mitteleuropas verzichten würde. Doch dann wurde auch mir schnell klar, dass es bald nur ein Deutschland geben würde. Knapp ein Jahr später war es so weit.

Beim Lesen Ihres Buches konnte ich mich an vieles erinnern. Manches schien mir neu zu sein.

Das freut mich. Aber es stimmt. Natürlich sind die Ereignisse bekannt. Dennoch habe ich – zum Beispiel beim Fall Barschel – mehr von meinem Wissen aufgeschrieben als jemals zuvor. Ich beschäftige mich in der „Zeitreise“ ausführlich damit, ob Uwe Barschel Suizid begangen hat oder ermordet wurde. Vieles deutet darauf hin. Wie im Fall der Heilbronner Polizistin gibt es auch im Fall Barschel viel zu viele Zufälle und Ungereimtheiten, als dass meine Spekulationen über die Ereignisse im Genfer Hotel Beau-Rivage – also Mord – nicht unwahrscheinlicher sind als die offizielle Selbstmordtheorie. Letztendlich wird das Geheimnis von Zimmer 317 vermutlich erst geklärt, wenn die in einem Schweizer Banktresor sicher gelagerten Tonbänder eines Tages auftauchen. Wo auch immer. Das müssen wir abwarten. Aber Sie haben recht, ich habe in meinem Buch viele Dinge veröffentlicht, die bisher so nicht bekannt sind. Insofern werden hoffentlich viele andere Leser auch etwas für sich Neues entdecken.

„In der zweiten Hälfte ihrer Kanzlerperiode hat Merkel nur wenig vollbracht“

Was glauben Sie, wo wird Deutschland nach der Ära Merkel stehen?

Ich glaube überhaupt nichts (lacht). Aber ich meine, dass es für eine Demokratie von größter Bedeutung ist, immer wieder personelle Wechsel im höchsten Staatsamt zu haben. Deshalb hoffe ich, dass nach der Amtszeit von Angela Merkel die Diskussion über eine Begrenzung der Amtszeit des Bundeskanzlers auf maximal zwei Perioden wiederbelebt wird. Wer einen genauen Blick auf die Regierungszeiten früherer Kanzler wirft, erkennt schnell: In der zweiten Hälfte ihrer Kanzlerperiode haben sie nur wenig vollbracht. Doch das ist nicht alles: Solange eine bestimmte Person an der Macht ist, sind immer die auch gleichen Personen in der Begleitmannschaft mit im Spiel. So kann sich nicht viel ändern. Wenn ich allein überlege, in welchen Positionen Peter Altmaier in den vergangenen Jahren politisch gearbeitet hat. Wie soll da Demokratie beweglich bleiben und sich für die Belange der Menschen einsetzen?

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Das bedeutet?

Bei uns können Kanzler sich für die Koalition entscheiden, die ihre Macht erhält. Die Folge: Die Wähler erkennen nicht mehr klar, was mit ihrer Stimme passiert. Ehrlich, da stimmt doch etwas mit dem System nicht. Ich sage, das Wichtigste in einer Demokratie ist nicht das Wählen, sondern das Abwählen. Wenn das aber nicht möglich ist und nur noch eine große Politmasse, bestehend aus etablierten Parteien, vorhanden ist, dann ist es doch kein Wunder, dass die AfD so viele Stimmen ziehen konnte und bestimmt auch wieder kann.

In der Konsequenz bedeutet das: Überall dort, wo CDU und AfD die Mehrheit der Wählerstimmen auf sich vereinigt haben, müsste es auch dementsprechende Koalitionen geben.

Ja. Nachdem Frau Merkel die Oppositionsparteien quasi „übernommen“ hatte, konnte die Rechte stärker werden. Jetzt haben wir das Problem, dass die etablierte Politik der AfD praktisch das Recht übergeben hat zu entscheiden, welche Position überhaupt noch zulässig ist: Wenn die AfD heute Stellung bezieht, ist diese Position infiziert und kein Demokrat darf sie übernehmen. Selbst, wenn sie eigentlich richtig ist. Das ist eine grauenvolle Entwicklung. Wir lassen uns praktisch von denen vorschreiben, was wir denken dürfen. Da mache ich nicht mit. Ich denke, sage oder schreibe, was ich meine.

Was machen Sie lieber, schreiben oder Filme?

Eine schwierige Frage. Ich erzähle Ihnen eine Geschichte, die so nicht im Buch steht und die mir gerade einfällt. Ich war bei der Schülerzeitung „WIR“, mit der ja alles begann, nie Chefredakteur, sondern stand „nur“ als Herausgeber im Impressum.

Warum?

Weil ich glaubte, nicht schreiben zu können und bessere Schreiber hatte. Heute weiß ich: Ich konnte nicht schreiben, weil ich nichts zu erzählen hatte. Das Schreiben fällt mir bis heute nicht leicht. Sicher ist es etwas Besonderes, sich hinzusetzen und die Gedanken auf ein Thema zu konzen­trieren. Manchmal bringt mir das auch Spaß, und ich denke am Ende: „Na, das war wohl doch eine gute Idee“, und ich freue mich über den Text. Beim Film ist es anders: Ich muss drehen und dadurch mit bestimmten Dingen oder Personen in Berührung beziehungsweise Kontakt kommen. Ohne Dreh kein Film. Wenn ich am Schneidetisch die Bilder sehe, weiß ich sofort, welcher Text dazugehört.

Sie gelten bis heute als der RAF-Experte in Deutschland. Ist das mehr Ehre oder Last?

Ich war durch die Verkettung persönlicher und beruflicher Umstände so in die Nähe der Personen, die sich auf diese schreckliche Terrorreise begeben haben, gekommen, dass ich einfach viel mehr wusste als andere. Aber: Es war nicht der Autor, der sich ein Thema gesucht hat, sondern das Thema, das sich einen Autor ausgesucht hat. Das war ich dann. Eine Last war es nie. Und natürlich freut es mich, wenn mir mehr als 30 Jahre nach dem Buch „Der Baader-Meinhof-Komplex“ Menschen sagen, dass sie es sehr interessant fanden und dass es ihr politisches Denken – egal in welche Richtung – beeinflusst hat.

„Das Buch meines Lebens ist ‚Moby Dick‘ von Herman Melville“

Was lesen Sie selbst am liebsten?

Das Buch meines Lebens ist „Moby Dick“ von Herman Melville. Das möchte ich gern näher erklären: Ich habe es zum ersten Mal gelesen, nachdem ich erfahren hatte, dass Gudrun Ensslin, die als Terroristin mit den anderen Köpfen der RAF in Stammheim saß, Decknamen für die Gruppenmitglieder suchte, um die Postüberwachung irrezuführen. Die Tarnnamen entnahm sie dem Roman „Moby Dick“. So stand zum Beispiel „Ahab“, das war der Schiffskapitän des Walfängers, für Andreas Baader oder „Starbuck“ für Holger Meins.

Und für Ulrike Meinhof?

Für sie gab es keinen passenden Namen in der Geschichte über die Jagd auf den weißen Wal. Für sie wählte Gudrun Ensslin den Namen Theres, abgeleitet von Therese von Jesu. Eine Heilige, die 1515 zu Avila in Altkastilien geboren wurde. Mit 20 Jahren trat Therese von Jesu in ein Karmeliterkloster ein und sorgte gegen schwere Widerstände dafür, dass die laxe Führung des Ordens beendet wurde. Aber zurück zu „Moby Dick“ und den Tarnnamen: Bei einigen lieferte Gudrun Ensslin die Interpretation teilweise gleich mit: „Smutje“, der Koch, so schrieb sie an Ulrike Meinhof, das sei sie selbst: „Du erinnerst Dich, der Koch hält die Töpfe spiegelblank und predigt gegen die Haie. An Bord ist der Koch ja eine Art Offizier.“ Meiner Meinung nach war es so auf Kapitän Ahabs Walfangschiff „Pequod“, und so war es wohl auch bei der RAF. Ach ja, Jan-Carl Raspe erhielt den Decknamen „Zimmermann“. Der baut in dem Roman unablässig Särge für die Opfer der Jagd, und er schnitzt Kapitän Ahab ein neues Bein und macht sich auch sonst überall nützlich. Da frage ich mich natürlich: Zimmermann alias Jan-Carl Raspe – das willenlose Werkzeug der RAF? Auf jeden Fall habe ich dann „Moby Dick“ gelesen, besser gesagt verschlungen. Seitdem begleitet der Roman mein Leben, ein immer wieder faszinierendes Buch.

Welche Recherche war oder ist bis heute Ihre schwerste gewesen?

Das ist und bleibt die Frage, ob die RAF-Terroristen während der Schleyer-Entführung abgehört wurden oder nicht. Ich habe unzählige Details und Indizien gesichtet, Akten gewälzt und in Archiven geforscht und eine Menge gefunden, was darauf hindeutet. Aber solange ich nicht ein Tonband als Beweis in der Hand halte, werde ich mich hüten, zu behaupten, die RAF wurde in Stuttgart-Stammheim abgehört.

Der deutsche Journalist Stefan Aust als Moderator von Spiegel TV in den Achtzigerjahren. © Quelle: imago/United Archives

Als Sie „Spiegel-TV“ moderiert haben, wirkten Sie immer kühl und unnahbar. Wann haben Sie zuletzt geweint?

Beim Zwiebelschneiden. Spaß beiseite, ich habe es nicht so mit Gefühlsduselei und kann mich nicht wirklich daran erinnern, wann ich zuletzt geweint habe. Und dann würde ich es Ihnen auch nicht sagen.

Wie wichtig ist für Sie Regionaljournalismus?

Sehr, sehr wichtig. Ich lese nach wie vor das „Stader Tageblatt“ oder die „Niederelbe-Zeitung“. Mit Regionalzeitungen ist es wie mit der Kommunalpolitik. Der Bund müsste ihnen eine höhere Akzeptanz und Eigenverantwortung zuteilwerden lassen. Und die großen überregionalen Printtitel dürfen den Lokaljournalismus gern mehr wertschätzen.

Sie sind Vater zweier erwachsener Töchter. Was haben Sie den Kindern für ihren Lebensweg mitgegeben?

Hmmh. Vernünftige Bildung. Reisemöglichkeiten. Das Kennenlernen von interessanten Menschen. Alles Dinge, die den eigenen Blick erweitern und zur Persönlichkeit beitragen.

Und was haben Sie von Antonia und Emilie gelernt?

Dass wir Alten genauer zuhören, um zu erfahren, was die nächste Generation bewegt und denkt. Auch wenn die Jugend für andere Positionen eintritt als wir.

An Ihrem 70. Geburtstag wurden Sie mit einer Sonderausgabe der „Welt“ überrascht. Schlagzeile: „Das Leben ist ein Rennstall“. Welche wünschen Sie sich zum 75.?

„Bis hierhin hat er es immerhin geschafft.“ In dem dazugehörigen Artikel stand auch: „Es gibt viel zu tun, und dieser Mann hat noch viel vor.“ Das trifft den Nagel auf den Kopf, ich habe tatsächlich noch viel vor und denke nicht daran, aufzuhören.

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