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“Sofa, Mucke, Netflix, mein Ding”: So war die erste Folge der Mark-Forster-Show

  • In Zeiten von Corona scheint lineares Fernsehen irgendwie von gestern zu sein.
  • Nach der “Quarantäne-WG” auf RTL springt nun auch Vox auf den Programmschemaänderungszug.
  • Am Mittwoch lief also die erste Folge von “Live aus der Forster Straße” mit Mark Forster.
Jan Freitag
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In Zeiten pandemischer Gefahren und strukturfeindlicher Streamingdienste ist lineares Fernsehen irgendwie von gestern. RTL hat die Altlasten vergangener Unterhaltungsgröße zur täglichen Primetime-Schalte in der “Quarantäne-WG” versammelt. Sat.1 bietet in seiner “Comedy Konferenz” ab heute Baugleiches, nachdem das Erste Tag für Tag für Tag die “Tagesschau” verlängert. Selbst ProSieben holte im gestrigen Livetalk “Deutschland fragt zu Corona” Antworten seriöser Gäste wie Alexander Kekulé (Mikrobiologe) oder Markus Söder (Makropolitiker) ein.

Nun springt also auch Vox auf den seuchenbedingten Programmschemaänderungszug. Ausgerechnet der Sender, auf dem seit Jahren einige bemerkenswerte Fernsehformate wie “Club der roten Bänder” laufen, der sein sachliches Informationsangebot aber auf fünf bis zehn Minuten Nachrichtensimulation am Morgen beschränkt. Ausgerechnet Vox übt sich fortan zur Primetime in virulentem Infotainment? Mitnichten! Denn auch wenn “Live aus der Forster Straße” durchs schieres Timing den Anschein erweckt, sich in den Chor der Pandemiemahner und -erklärer einzureihen, geschieht hier das genaue Gegenteil.

Sido live zu Gast bei Mark Forster

Mark Forster will nämlich gar nicht über Sars-CoV-2 aufklären, sondern davon ablenken. So weit die Theorie. Und die Praxis? Lenkt leider von gar nichts ab, sondern alle Aufmerksamkeit aufs Kosten-Nutzen-Denken solch billiger Selbstüberwältigungskonzepte. Denn Forster sagt es gleich zu Beginn selber: “Ich bin hier vollkommen allein” und wolle nicht weniger als eine “große alte Show”, Messlatte “Wetten, dass …?”, auf die er ein halbes Dutzendmal verweist.

Dementsprechend schaltet er flugs den “größten” Rapper Deutschlands auf den Bildschirm. Forster scheint kurz vergessen zu haben, dass Sidos Ruhm noch länger her ist als wirklich große alte Shows. Sie unterhalten sich über, tja, was eigentlich? Das zähe Gefasel der vollbärtigen Brillenhipster ist über zehn Minuten von solcher Ödnis, dass nur ein Wort davon länger als drei Sekunden hängen bleibt: “Gulasch”, von dem irgendwann die Rede war, nachdem Sido für seinen Youtube-Kanal werben durfte.

Skype-Talk mit Matthias Schweighöfer

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Immerhin: Weil die Gesprächssimulation der Talklaien von so himmelschreiender Belanglosigkeit ist, wirkt jeder neue Gast irgendwie anziehend. Obwohl – als Mark Forster dem nächsten die Pulitzerpreisfrage stellt, was der denn zurzeit so mache, lautet die Antwort von Johannes Oerding im Splitscreen rechts: Sofa, Mucke, Netflix, “ganz mein Ding”, worauf Sido im Splitscreen links nochmals seinen Youtube-Kanal bewirbt. Dann schaltet sein Gastgeber zur Werbung, was definitiv das erste Highlight dieser nihilistischen Sendung ist. Leuchtender jedenfalls als der Skype-Dialog mit Matthias Schweighöfer im Anschluss.

Der Medienprofi versteht es zwar, sein Lausbublachen sympathisch ins Smartphone zu schicken. Aber auch wenn er sich wieder verabschiedet, fragt man sich: War da was? Und hat Mark Forster seine Mutter grad für ihren Kleinwuchs veräppelt? Egal! Jetzt meldet sich die Sängerin der “größten deutschen Popband” Silbermond von zu Hause, was in seiner Und-was-machst-du-grad-so-Unerheblichkeit derart einschläfert, dass man innerlich ein Sofakissen auf die virtuelle Fensterbank legt und sich dem Interieur der zugeschalteten Gästebuden widmet.

Gemeinsamer Song mit Forsters “Lieblings-Kelly”

Forsters Ensemble abgewetzter Teppiche unterm Couchglastisch zum Beispiel liefert sich einen durchaus spannenden Wettstreit ums geschmacklosere Kuddelmuddel, den Stefanie Klos dank der nikotingelben Vorhänge hinterm Berg gestapelter Polstermöbel knapp für sich entscheidet. Beim Blick in Tim Raues Küche dagegen ist bemerkenswert, dass der Sternekoch offenbar stets sein neues Kochbuch repräsentabel auf die Kochinsel stellt, während der “absolute Fußballsuperstar” (im absoluten Fußballsuperstarteam Spartak Moskau) André Schürrle offenbar in einem Mecklenburger Heimatmuseum mit Landschaftsgemälde aus dem Spätbarock wohnt.

Wahnsinn, würde Mark Forster sagen, wenn er an irgendwas wirklich interessiert wäre. Dass sein Überwältigungsvokabular von superkrass bis fünfhundertmal fantastisch ein wenig überdreht sein könnte, erschließt sich aber doch erst so richtig, als die Verbindung zum einzig absoluten Superstar James Blunt misslingt und deshalb die zu Forsters “absoluten Lieblings-Kelly” Patrick Michael herhalten muss, mit dem er natürlich vorab einen Song aufgenommen hat. Über den jedoch hüllen wir anstandshalber den Mantel des Schweigens, der daher an anderer Stelle kurz gelüftet werden kann.

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Verglichen mit der “Forster Straße” ist “Die Quarantäne-WG” auf RTL nämlich geradezu inspirierend. Ein Urteil, das Mark Forsters interaktivem Talk auch nächsten Mittwoch zur gleichen Zeit anstelle von “Vier Hochzeiten und ein Todesfall” nicht zuteilwerden dürfte. Dazu fehlt ihm, was Günther Jauch und Thomas Gottschalk zu wahrhaft großen Entertainern gemacht hat: Professionalität, Esprit, Selbstironie, ein Frauenanteil über 15 Prozent und ganz, ganz wichtig, lieber Mark, glaubhafte Neugier.

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