Erster Zürich-„Tatort“ mit neuem Duo: Das Grauen trägt oft ein -li am Ende

  • Der „Tatort“ kommt nach Zürich.
  • In der Premiere „Züri brännt“ (18. Oktober) wird die wilde, alte Zeit der Stadt durchleuchtet.
  • Viel Handwerk und wenig Zauber attestiert RND-Autor Lars Grote dem ersten Krimi aus der Schweizer Stadt.
Lars Grote
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Das sind die beiden Neuen, Isabelle Grandjean (Anna Pieri Zuercher) und Tessa Ott (Carol Schuler) – natürlich mögen sie sich nicht, aber sie sind zu kultiviert, um das zu zeigen. Sie gehen miteinander um, wie man das tut in Polizeibüros, in denen keine Pflanzen stehen, sondern nur der Dienstkalender hängt, weil alles pünktlich fertig werden muss und niemand Zeit zum Gießen hat.

Doch nach einer knappen Stunde brennt die Sicherung in diesem „Tatort“ durch. Grandjean, die Kommissarin, brüskiert ihre Kollegin Ott: „Du lässt dich von Gefühlen leiten!“ In der Schweiz ist das ein schwerer Vorwurf. Ott ruft zurück: „Wenigstens habe ich Gefühle!“ Grandjean legt nach: „Ohne Beziehungen wärst du nicht in diesem Job!“ Das ist starker Stoff für einen Film aus Zürich, wo sie nicht zum offenen Streit tendieren, sondern zu stillen Schließfächern, frisierten Bilanzen und einer Sprache, in der das Grauen oft ein -li am Ende trägt.

Vieles in der Schweiz eine Nummer kleiner – nur das Gehalt nicht

In diesem Land ist vieles eine Nummer kleiner, nur eben das Gehalt nicht. Das führt zu einer Perspektivstörung, was eher ein mentales Problem ist, nicht unbedingt ein kriminelles. Aus diesem Holz sind Krimis aus der Schweiz gebaut, bisher nur aus Luzern, jetzt auch in einer ersten Folge aus Zürich.

Weil sie beim Sender SFR nicht in Verdacht geraten wollen, mit diesem dezidiert weiblichen Team auf Esoterik oder auf Soft Skills zu setzen, auf einen Hang zum Weichzeichner und zu viel Empathie, spülen sie Punkmusik über die ersten Bilder, die alt aussehen und gehörig ramponiert. Die Jugend kämpft, färbt sich die Haare bunt und schreit Parolen, die nicht auf -li enden, nicht niedlich sind, sondern die Marktwirtschaft zur Hölle wünschen. „Züri brännt“ heißt diese erste Episode, für die Arbeitstemperatur des Filmes lässt das einiges erhoffen.

Flammender Prolog

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Der flammende Prolog stammt aus den 80ern, ist 40 Jahre alt und zeigt, wie es gewesen ist, als der bürgerliche Friede zur Debatte stand. Nun blättert dieser „Tatort“ in den alten Jahren, findet einen Chefredakteur, der damals auf die Barrikaden stieg, blickt auf einen Polizeichef, der seinerzeit an Razzien in den linksextremen Häusern teilgenommen hat. Auch ein Freund von Tessa Ott taucht auf, der heute noch am Heroin hängt und damals, in den wilden Monaten, sehr an einer Frau hing, die ermordet wurde. Musste sie sterben, weil sie ein Doppelleben führte, einerseits als Punkerin, andererseits als Polizistin?

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Die Wunden jener Jahre werden neu verarztet, als eine Brandleiche mit Kopfschusswunde auf der Straße liegt, sie hat ein buddhistisches Rückentattoo und das Kärtchen einer Psychotherapie in ihrer Tasche. Der Albtraum mit dem Namen „Opernhauskrawalle“ kommt wieder auf den Tisch. Es ist zu mühsam, die Wege der Ermittlungen an dieser Stelle nachzuzeichnen. Sie fransen aus, hier und dort ein Störfeuer, am Ende dann ein Knalleffekt. Merkwürdig ambitionslos bleibt die Premiere aus Zürich. Viel Handwerk, wenig Zauber, der einem Anfang innewohnt.

Wie ermitteln die zwei Frauen?

Traditionell steht meist das neue Team im Zentrum eines Auftakts, man soll die Fahnderinnen kennenlernen, Sympathie verteilen, „die mag ich, die mag ich nicht“. Wie ermitteln die zwei Frauen? Grandjean tut es mit spöttischer Poesie im Blick und einem lyrischen, französischen Akzent, Ott steckt im Ringelhemd und hält sich eher an Pippi Langstrumpf – was heißen soll, dass sie die Dinge ohne großen Plan, doch mit viel Herz anpackt.

Sie quatschen nicht beim Kaffee über Ehemänner, die nicht mehr liefern, oder über Kinder, die ihre Pubertät nach Kräften übertreiben. Wo bleibt die Seele? Bei Grandjean und Ott pfeifen Regie (Viviane Andereggen) und Drehbuch (Stefan Brunner, Lorenz Langenegger) erst mal auf die Seele. Es geht um die Karriere, um die Positionierungen im Job. Das passt ganz gut zu Zürich. Doch man fiebert einem Wiedersehen nicht entgegen, denn die beiden bauen keine Bindung zu uns auf. Sie sind Arbeitsbienen. Sie hinterlassen keine Spuren. Sie hinterlassen nicht mal Gegenwart. Sie wühlen in der alten Zeit. Denn im Hier und Jetzt hat man es gern reibungslos in dieser Stadt.

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