Sky-Miniserie „The Comey Rule“: Ein FBI-Direktor gegen Trump

  • Der Weg zur Hölle ist gepflastert mit guten Absichten: Die Showtime-Miniserie „The Comey Rule“ (bei Sky ab 2. November) erzählt sehr melodramatisch die Geschichte des FBI-Direktors James Comey.
  • Jeff Daniels überzeugt in der Titelrolle, auch Brendan Gleeson ist sehenswert als US-Präsident Donald Trump.
  • Regisseur Billy Ray legt Wert auf Melodramatisches – die Klasse von „Die Unbestechlichen“ erreicht er nicht ganz.
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Der Republikaner James Comey ist ein braver Mann. Das sieht man schon daran, wie innig er morgens im Bett seine Frau umarmt. Wie er seinen Töchtern ein aufmerksamer Vater ist. Und wie er im FBI, zu dessen Chef er von Barack Obama gemacht wurde, väterlich über seine Leute wacht. Er fordert beste Arbeit von ihnen, aber auch einen geregelten Arbeitstag, einen gesicherten Feierabend. Die Agenten sollen auf sich achten, viel Zeit mit ihren Liebsten verbringen, politisch „agnostisch“ sein: „Finden Sie Freude an Ihrer Arbeit.“ Wow! Sofort will man da zum FBI. Leider wurde Comey 2017 von Donald Trump gefeuert.

Comey ist ein stiller Charismatiker mit einem Ehrbegriff der alten Schule, ein Gentleman zum Geliebtwerden. 1947 hätte ihn vermutlich James Stewart gespielt. Aber auch Jeff Daniels ist 2020 völlig trittsicher in Stewarts Schuhen. Dass der hohe Justizbeamte Rod Rosenstein (Scoot McNairy), der Erzähler von „The Comey Rule“, ihn ein „Showboat“ nennt („Jedes Jahr am 4. Juli lesen sie sich in Comeys Famile die Unabhängigkeitserklärung vor. Das steht nicht in seinem Buch, trotzdem hat er es geschafft, dass jeder das weiß“), soll uns nicht kümmern. Rosenstein ist selbst ein als „Ruderboot“ getarntes „Kriegsschiff“, er spielt eine unrühmliche Rolle in Comeys Geschichte.

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Das „Monster“ Trump bleibt lange unsichtbar

Amerika wählt am 3. November, und viele hoffen auf den Sieg der Vernunft über das zerstörerische Politchaos der letzten vier Jahre unter Donald Trump. Mit einer zarten Gänsehaut am Leibe sehnt sich das Publikum von Billy Rays Miniserie (nach Comeys Memoiren „Größer als das Amt“) dennoch geradezu nach dem Auftritt des Unpräsidenten. Ungefähr so wie man sich auf den Auftritt von Nosferatu in Murnaus Vampirklassiker sehnt, nach dem ersten Sprung von Moby Dick in John Hustons Melville-Verfilmung.

Aber wie in Ridley Scotts „Alien“ bleibt das „Monster“ lange in Deckung. In den ersten 90 Minuten sieht man Trump nur einmal von hinten – als er einer der Kandidatinnen einer Misswahl am Träger ihres Kostüm befummelt. Männer dürfen Frauen ungeniert noch ganz anders anfassen – an diese Überzeugung Trumps denkt man dabei.

Bevor er aufzieht, wird erzählt, wie die sicher geglaubte Siegerin Hilary Clinton die US-Wahl 2016 verliert. Und welche Entscheidungen Comeys dazu beigetragen haben. Als er im Juli 2015 in Clintons E-Mail-Affäre ermittelt, sie abschließt, die Untersuchungen aber – unbedingt seinem Gewissen folgend – 15 Tage vor der Wahl neu eröffnet, ist ihm die Beschädigung der Kandidatin klar. „Willst du nicht wissen, ob sie das Gesetz gebrochen hat?“ fragt Comey seine Familie. „Nein!“ schallt es ihm entgegen.

Der Mann, der nicht anders kann, als seinem Stern zu folgen, wird bei den späteren Anti-Trump-Demonstrationen zu „fucking Comey“. Und als Volkes Stimme nach Schließung der Wahlstellen bekannt wird, kann sich die Tochter nicht mehr in der Schule blicken lassen. Obwohl alles hier bekannt ist, ist „The Comey Rule“ ein weitgehend gelungener, bis in kleinste Nebenrollen vortrefflich besetzter, leiser Konferenztischthriller. Die Agenten der Tafelrunde – sie sind ohne Furcht und Tadel.

Brendan Gleeson füllt die Trump-Rolle gut aus

Dann kommt Trump, zunächst verschwommen durchs Glas einer Tür, die Kamera zeigt bildfüllend seine blaue Krawatte und man bebt furchtsam wie bei „Nosferatu“, „Alien“, „Moby Dick“. Der Ire Brendan Gleeson füllt seine Rolle gut aus: er schürzt Lippen, fletscht Zähne, ballert Worte raus, seine Hände sind immer unterwegs. Obgleich Rays Politdrama wie ein Monsterfilm aufgebaut ist, macht Gleeson kein billiges Biest mit orangenen Haaren aus Trump, wohl aber einen mobbenden World Leader, der glaubt, Land und Welt genauso behandeln zu können wie Angestellte seiner Unternehmen und Geschäftspartner.

Ein Businessmobster ist der Trump dieser Serie, der nicht zwischen Recht und Unrecht entscheidet, sondern zwischen nützlich und schädlich. Und schädlich ist das FBI, das von Russlands Beeinflussung der Wahl weiß, von russischen Prostituierten für Trump und Schlimmerem. „Wir dürfen uns nicht nahe stehen“, hatte Obama Comey bei seiner Berufung gesagt. „Sie könnten eines Tages gegen mich ermitteln müssen.“

„Sehe ich aus wie jemand, der Prostituierte braucht?“

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Trump dagegen fordert „Loyalität“. „Sie können Ehrlichkeit bekommen“, erwidert Comey. „Genau, ehrliche Loyalität“, beharrt Trump. Und: „Sehe ich aus, wie jemand der Prostituierte braucht?“ Dieser Satz soll alle Fakten vom Tisch wischen. Das Bureau soll die Russlandsache gefälligst abblasen, sonst bläst Trump das FBI aus.

Die zweite Hälfte der Show gehört dem ungleichen Duell zwischen dem wackeren FBI-Chef und dem Hire-&-Fire-Präsidenten. Man sieht auf Comeys Gesicht die Erkenntnis, etwas nie Gesehenes, von völlig anderen Überzeugungen getriebenes Menschenwesen vor sich zu haben. Der gemeinsame Lunch im Weißen Haus ist dann an Spannung kaum zu überbieten. Man weiß, wer verlieren wird, und ist dennoch gebannt – bis es passiert, darüber wie es passiert, und wie der Stärkere nachtritt.

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Die Schad-Russen freuen sich mit Flachmännern

Freilich gibt es Punkteabzug für Ray: Wegen der Wahl eines unzuverlässigen, parteiischen Erzählers und wegen einiger über die Buchvorlage hinausgehenden privaten Ergänzungen, nur um die Noblesse Comeys noch nobler leuchten zu lassen. Dass Henry Jackmans Musik hier manchmal arg penetrant anschwillt, dass sie ernstelt und süßelt, nervt zudem. Und dass die Russen, die sich mit Flachmännern an einem nächtlichen Brunnen zuprosten, wie schön sie den USA doch schaden, ist ein Schmierentheatermoment. Melodrama ist bequem und angenehm, verhindert aber, dass „The Comey Rule“ einen ähnlichen Einschlag hinterlässt wie Alan J. Pakulas nüchtern-journalistischer Watergate-Klassiker „Die Unbestechlichen“.

Wenn Comey am Ende mit seiner Patrice durchs abendliche Washington spaziert, ist man als Zuschauer geneigt, ihn für den ehrenwertesten Mann des Planeten zu halten, trotz der gemachten Fehler. Der letzte wehmütige Blick aufs Capitol, während dazu „America, the Beautiful“ gespielt wird, hätte allerdings besser in einen Film mit James Stewart n 1947 gepasst. Too much!

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Am Ende war Comey dann auch nur ein Kapitel im dunklen Buch der letzten Jahre. Nach Comeys Entlassung 2017 kam alles viel viel schlimmer: So viel Unsinn, so viel Dummheit, so viele Momententscheidungen, so viel Unpräsidiales, dass man glaubte eine dystopische Sci-Fi-Satire zu bewohnen statt die gute alte Normalität.

Die Miniserie direkt zur Wahl zu platzieren, könnte Gift sein wie die Ermittlungen des FBI in der E-Mail-Affäre gewiss Gift für die Wahl 2016 waren. Er könnte eine „Jetzt erst recht“-Haltung bei den Trumpianern erzeugen, weil sie ihren Mann hier ein weiteres Mal als diffamiert betrachten werden.

Doch am Ende ist sie nur eine Sendung im „Showtime“-Kanal, die ein Bruchteil der 328,2 Millionen Amerikaner sehen wird, und die es – anders als Hillarys E-Mails – nicht in die kriegsentscheidenden Nachrichten schaffen wird.

„The Comey Rule“, bei Sky, vier Episoden, von Billy Ray, mit Jeff Daniels, Brendan Gleeson (ab 2. November streambar)

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