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Sky-Doku „Schwarzer Schatten“ sucht nach Motiven des Krankenhausmörders Niels Högel

  • Der Fall Niels Högel ist deutschlandweit bekannt: Der Krankenpfleger wurde wegen einer Mordserie 2015 zu lebenslanger Haft verurteilt.
  • Dem widmet sich die neue Sky-Doku „Schwarzer Schatten“ (Start: 5. August).
  • Das True-Crime-Format sucht mithilfe von Zeugen und Experten nach Motiven – und wird dabei auch im Profitdenken seiner Arbeitgeber fündig.
Jan Freitag
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Es gibt Straftaten, die sind zu monströs, um sie zu begreifen. Und das gilt keineswegs nur für Menschheitsverbrechen, sondern auch jene von „nebenan“. Dort also, wo man sie am wenigsten erwartet. In Krankenhäusern zum Beispiel. „Schutzräume“, nennt sie Prof. Karl H. Beine, „an denen wir Tötungsdelikte für unmöglich halten.“ Sich selbst ausgeschlossen allerdings. Denn der 70-jährige Chefarzt einer Psychiatrie in Hamm erforscht sein halbes Leben lang schon Serienmorde an Hospitälern. Umso erstaunlicher, dass ihn einer davon bis auf den heutigen Tag fassungslos macht.

Anfang der Nullerjahre hat der Intensivpfleger Niels Högel mindestens 87 Patientinnen und Patienten zweier Kliniken in Norddeutschland getötet. Selbst im globalen Vergleich ist das einzigartig und somit bestens geeignet fürs zugkräftige TV-Format namens True Crime. Über vier Folgen hinweg wühlt sich das Sky-Original „Schwarzer Schatten“ daher durch monströse Straftaten am Rande des Menschheitsverbrechens. Denn von 1999 bis zu seiner Verhaftung sechs Jahre später hatte Niels Högel erst in Oldenburg, dann Delmenhorst einer unüberschaubaren Zahl zumeist älterer Menschen auf der Intensivstation Injektionen verabreicht, die potenziell tödlich sind und schnelles Eingreifen erfordern.

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Geltungssüchtiger Pfleger wird zum Gegenstand des True-Crime-Formats

Sein Eingreifen. Dem geltungssüchtigen Pfleger ging es nämlich sehr offenkundig darum, sich als Retter in der Not zu profilieren. Dafür war er bereit, Leben zu opfern. Davon handelt auch die Dokumentation. Zugleich aber geht es darin um mehr. Das Regietrio um Showrunnerin Liz Wieskerkstrauch sucht nicht nur die Motive einer unbegreiflichen Mordserie. Es erkundet auch die Begleitumstände eines überforderten Gesundheitssystems, in dem wirtschaftliche Interessen zusehends die Oberhand über medizinische gewinnen und der eigene Ruf wichtiger wird als Menschenleben.

Während Boulevardmedien mit der Dämonisierung des Täters seinerzeit voll ausgelastet waren, kümmert sich „Schwarzer Schatten“ also mehr um soziokulturelle Faktoren hinter den Untaten. Die sind schließlich verstörend genug. Mithilfe diverser Zeitzeugen, vergleichsweise dezenter Musik und relativ wenig Reenactment arbeitet sich Sky demnach in Kooperation mit Radio Bremen von den Opfern im ersten Teil an den Tatort im zweiten vor und gelangt über die Ermittlungen inklusive 134 Exhumierungen auf 67 Friedhöfen zum Prozess, bei dem sage und schreibe 120 Nebenkläger auftraten.

Filmemacher blicken auf kapitalistische Strukturen des medizinischen Systems

Wäre jeder nachgewiesene Mord darin einzeln gesühnt worden, raunt es zum Auftakt vom Bildschirm, hätte das Strafmaß 1275 Jahre betragen. Doch davon handelt die Doku wie gesagt nur am Rande. Wichtiger ist den Filmemachern die kapitalistische Struktur dahinter. In der nämlich, schlussfolgern Hinterbliebene und Polizisten, Mitarbeiter und Journalisten, hat die eine Klinik den Killer trotz erdrückender Indizien mit positivem Arbeitszeugnis ausgestattet zur nächsten abgeschoben, wo er sein tödliches Werk vom ersten Tag an fortsetzte. Und so erzählt „Schwarzer Schatten“ von der Kommerzialisierung aller Lebensbereiche bis hin zu jenem, dem der Mensch leutselig Leib und Leben anvertraut.

„Was nicht sein darf, durfte nicht sein“, beschreibt eine von Högels Kolleginnen den fatalen Mix aus Überlastung, Kontrollverlust und Renditedenken, der seine Taten zwar nicht verschuldet, aber ermöglicht hatte. Ursache und Wirkung des Unfassbaren ohne die üblichen „Bild“-Schlagzeilen von der „Krankenhausbestie“ greifbar zu machen, das war Anfang des Jahres auch Marie Wilkes cineastischer ZDF-Aufbereitung vom Mordfall Peggy gelungen. Im Gegensatz zu „Höllental“ geht Liz Wieskerkstrauch nordwestlich vom Thüringer Wald zwar konventioneller vor. Umso stringenter jedoch fügen sich die O-Töne Beteiligter zum Porträt einer Gesellschaft, die selbst das Grundlegendste dem Profit unterordnet: unser Wohlergehen.

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