Subkultur auf Twitter: Was ist eigentlich die „Pomo-Bubble“?

  • Rezo, J. K. Rowling oder Shahak Shapira – sie alle hatten kürzlich Ärger auf Twitter.
  • Immer wieder tauchte in den Diskussionen dabei ein Wort auf: “Pomo”, beziehungsweise “Pomo-Bubble”.
  • Aber was soll das schon wieder sein? Ein Ausflug in die Welt der Twitter-Subkulturen.
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Hannover. Der Youtuber Rezo hatte kürzlich ziemlichen Ärger auf Twitter. Ebenso die „Harry Potter“-Autorin J. K. Rowling. Bei Rezo war ein Youtube-Video der Anstoß für die Aufregung. In einem seiner Clips hatte der Youtuber Taddl einen Witz über Gewalt gegen Frauen gemacht. J. K. Rowling hingegen hatte in einem Tweet transphobe Positionen unterstützt – sehr zum Unmut ihrer Fans.

Nur direkt schon mal vorweg: Dieser Text soll weder die eine noch die andere Aussage relativieren. Denn die Shitstorms, die daraufhin über die Protagonisten hereinbrachen, hatten sicherlich allesamt ihre Berechtigung. Vielmehr soll es in diesem Text um die Aufarbeitung dieser „Shitstürme“ gehen. Diese fielen nämlich in beiden Fällen außergewöhnlich heftig aus – und ließen zudem ein Muster durchblicken.

Rezo beispielsweise wurde im Laufe der Diskussion im November mitunter als Nazi bezeichnet – Rowling wird massive Gewalt angedroht. Und auf Twitter lernt man in diesem Zusammenhang in gleich mehreren Posts ein völlig neues Wort kennen: „Pomo“ – oder auch „Pomo-Bubble“. „Jetzt fällt die Pomo-Bubble über Rezo her“, heißt es da etwa.

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Aber: Was soll das schon wieder sein? Wer sind die „Pomos“ und was wollen sie? Ein Ausflug in die Welt der Twitter-Subkulturen.

Wer gehört zur „Pomo-Bubble“?

Zunächst einmal die Basics: Wer gehört denn überhaupt zur „Pomo-Bubble“? Dazu muss man feststellen, dass „Pomo“ gar kein feststehender Begriff ist. Auch keine offizielle Gruppe, und wissenschaftlich untersucht wurde das Phänomen schon gar nicht. Vielmehr hat sich der Begriff „Pomo“ (Kurzform von „Postmodern“) auf Twitter in den vergangenen Monaten verselbstständigt – und Nutzer haben an verschiedenen Stellen ihre eigenen Erklärungsversuche dafür gefunden. Hinzu kommt, dass „Pomos“ selbst sich auch niemals als solche bezeichnen würden – vielmehr gilt der Begriff als abwertende Bezeichnung von anderen gegenüber dieser Gruppierung.

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Blickt man auf die Twitter-Profile von Menschen, die als „Pomo“ bezeichnet werden, dann sieht man dort zunächst gar nicht so viel Auffälliges. Im Gegenteil: Die „Pomos“ nutzen Twitter offenbar als Sprachrohr, um Aufmerksamkeit für ihre Belange zu generieren. Etwa, weil sie homosexuell, transsexuell oder dunkelhäutig sind, weil sie eine psychische Erkrankung oder eine Behinderung haben. Und weil ihre Themen von der Gesellschaft konsequent marginalisiert werden.

Was soll daran schlimm sein? Nichts, twitterte nach dem Rezo-Shitstorm auch die Autorin Sibel Schick: „Was als ‚Pomo-Bubble‘ diskreditiert wird, sind Perspektiven von betroffenen Menschen, die außerhalb von zweigeschlechtlichen, heterosexuellen, nicht behinderten und christlich weißen Norm bleiben und sich gegen ihre Marginalisierung(en) wehren.“ Das dürfe auch mal laut und unbequem sein.

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Das Problem: Die Radikalität

Letzteres ist allerdings genau der Punkt, der viele Twitter-Nutzer auf die Palme bringt: ihre Radikalität. Die sogenannte „Pomo-Bubble“ übernimmt laut ihren Kritikern die alleinige Deutungshoheit darüber, ob sie gerade von irgendjemandem diskriminiert wird oder nicht. Widersprüche werden nicht zugelassen, wer gegen sie argumentiert, hat bereits verloren. Ähnlich erging es im November auch Youtuber Rezo: Als dieser das Gespräch mit seiner Kritikerin über eine private Nachricht suchte, blockte diese ab. Andere Nutzer der Bubble veröffentlichten Privatnachrichten des Youtubers an sie und gaben an, „nicht mit Nazis“ reden zu wollen. Da war der Shitstorm schon in vollem Gange.

Der Twitterer @lawen4cer erklärt das Phänomen in einem aktuellen Thread so:

„Nicht weiße Pomos sehen sich selber als Betroffene von Rassismus, denen aus dieser Position die alleinige Definitionsmacht zusteht, ob eine bestimmte Handlung einer weißen Person Rassismus darstellt. Eine Verteidigung gegen den Vorwurf, etwas Rassistisches gesagt oder getan zu haben, ist nach diesem Konzept unmöglich, weil es weder auf eine objektive Prüfung ankommen soll noch auf die subjektive Willensrichtung des Beschuldigten. Der Versuch einer Verteidigung gegen den Rassismusvorwurf wird dabei als typischer Beleg für die Richtigkeit des Vorwurfes gewertet. Gleiches gilt für den Vorwurf der Transfeindlichkeit oder der Misogynie.“

Auch die Fridays-for-Future-Aktivistin @robin_urban hat sich mit der „Pomo-Bubble“ auseinandergesetzt. Schon im vergangenen Jahr schrieb sie einen Twitter-Thread über das Phänomen, der seither besonders häufig zitiert wird. @robin_urban hält die Ziele der losen Gruppe (etwa Antirassismus und LGBT-Rechte) zwar allesamt für unterstützenswert, wie sie schreibt. „Allerdings haben sie eine sehr asoziale Art drauf, auf jeden direkt aus allen Rohren zu feuern, der ihnen bei irgendwas widerspricht (selbst wenn’s nur eingebildet ist).“

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Zu Hunderten auf einen

Auch in verschiedenen Blogs wird die „Pomo-Bubble“ für ihre besonders radikalen Attacken kritisiert: Auch vor Privatpersonen mache sie keinen Halt, heißt es dort etwa. Mit Hunderten stürze man sich auf Einzelne und mache sie mit Beleidigungen und Verleumdungen fertig.

Der Grund für eine solche Attacke kann laut @robin_urban dabei ziemlich willkürlich sein: „Es kommt vor, dass man gegen keine noch so hirnrissige Aussage dieser Leute was sagen kann, ohne zum Rassisten (...) oder transphob zu werden, auch wenn das null damit zu tun hat.“

Besonders kurios: Die Attacken der Pomos richten sich in der Regel nicht gegen die Menschen, die es eigentlich verdient hätten – nämlich etwa Rassisten oder homo- beziehungsweise transphobe Personen. Sondern vor allem gegen Leute mit nahezu identischen Positionen. Weil nach ihrer Definition praktisch jeder immer ständig irgendwen mit irgendwas diskriminiert – und sei es nur mit seinem Äußeren.

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Neben Rezo bekam im Sommer beispielsweise die Kapitänin Carola Rackete in der „Pomo-Bubble“ ihr Fett weg – und zwar wegen ihrer Haare. Ein Twitter-Nutzer ließ sich in mehr als 30 Tweets darüber aus, dass Dreadlocks bei weißen Menschen schlichtweg nicht auf den Kopf gehörten, sondern diese allein People of Color zustünden.

Selbst Linken geht die „Pomo-Bubble“ auf die Nerven

Forderungen dieser Art gehen inzwischen selbst Menschen mit knall-linken Positionen gehörig auf die Nerven. Der Satiriker Shahak Shapira twitterte im November nach dem Shitstorm gegen Rezo: „Ich habe wirklich jede Sorte von Müll auf Twitter gesehen, von Nazis über Islamisten, Drachenlord-Gurken und Don Alfonso, aber ich habe noch nie, noch NIE so eine dumme, doppelmoralische, selbstgerechte Gruppe wie die ‚Pomo-Bubble‘ erlebt.“

Die Gruppe selbst fühlte sich durch derartige Widersprüche natürlich – genau – diskriminiert. Nach dem Tweet prasselten unzählige Beschimpfungen auf Shapira ein, er wurde unter anderem als Frauenfeind oder gar als Nazi beschimpft (Nicht ganz unwichtige Randnotiz: Shapira ist Jude).

Die Twitter-Nutzerin @LaVieVagabonde hatte bereits im September 2018 ihre Erfahrungen mit der „Pomo-Bubble“ aufgeschrieben:

„Was ich nie verstehen werde sind (...) solche Hetzjagden. Bei so einem Verlauf geht es den Leuten null darum, irgendwie aufzuklären oder Awareness zu verbreiten. Es geht nicht um Sensibilisierung gegen strukturellen und verdeckten Rassismus und Co. Das ist einfach nur Fun an einer Treibjagd & Machtgefühlen. Man will die Leute (...) kriechen sehen, sie erniedrigen und zerstören. Was seltsam ist, da der Feind ein anderer ist.“

Parallelen zu „Sifftwitter“

Attacken dieser Art erinnern an andere Twitter-Subkulturen, die allerdings eher in der rechten politischen Ecke verortet werden. Eine ist beispielsweise die sogenannte „Sifftwitter-Bubble“. Ihr alleiniges Ziel: trollen, pöbeln, Menschen attackieren – und zwar auf hartnäckigste Art und Weise und in Massen. Gerät man ins Visier von „Siff-“ oder auch „Trolltwitter“, kann das für Betroffenen ziemlich schlimme Folgen haben.

Ein Medium-Blog zum Thema erklärt das Phänomen so:

„Trolltwitter belästigt, stalkt und beleidigt gezielt einzelne User über einen sehr langen Zeitraum. Dazu gehören permanente Beleidigungesreplies und Nonmentions, dazu gehört das Erstellen von Fake-Accounts mit Bildern und Infos der Opfer, die dann Nazi-Hass twittern, dazu gehört das ständige Herumreichen von (entstellt bearbeitetet oder mit entsprechenden Captions betitelten) Fotos der Opfer. Wer zufällig auf einer der Hasslisten der Gruppe landet, der wird über lange Zeiträume und täglich massiv terrorisiert. Auch jeder einzelne Tweet, den man twittert, wird dann mit Hassreplies überzogen und per Screenshot in den Trollkreisen herumgereicht.“

„Damit müsst ihr leben“

Aber ist die „Pomo-Bubble“ jetzt tatsächlich so schlimm wie ein Haufen verrückt gewordener Twitter-Nazis? Wahrscheinlich nicht – auch wenn sie dennoch ähnlich toxisch ist.

Die Aktivistin @robin_urban macht klar: „Ich kritisiere diese Leute nicht, weil sie PoC* (*Anmerkung der Redaktion: People of Color) oder trans sind, sondern weil sie Arschlöcher sind, die sich mit ihrem angeblichen Antirassismus etc. einen Anstrich von moralischer Überlegenheit verpassen, während sie einfach nur gerne mobben.“

Doch nicht jeder sieht das so. Die Autorin Sibel Schick argumentierte seinerzeit auf Twitter, man müsse die Art und Weise der Gruppe schlichtweg aushalten: „Natürlich könnt ihr jene Menschen, die dank der technologischen Möglichkeiten Raum einnehmen, diskutieren und unbequem werden, versuchen zu diskreditieren. Aber dann müsst ihr damit leben, dass ihr ohnehin Marginalisierte auf der Grundlage angreift, dass sie sich wehren. Zum Glück könnt ihr euch nicht aussuchen, wie, mit welchem Ton und Vokabular sich Menschen gegen ihre Diskriminierung(en) wehren. Zum Glück ist das hier kein Wunschkonzert.“


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