„Seriös – Das Serienquartett“: Ein Talkformat für Serienjunkies

  • Im neuen Talkformat „Seriös – Das Serienquartett“ auf One streiten Serienfans über Shows.
  • Benannt nach dem „Literarischen Quartett“ mit Marcel Reich-Ranicki werden Lieblingsserien von vier Experten debattiert.
  • Noch ist die Talkrunde zwar etwas chaotisch und selbstrefenziell, aber sie kann zu einer wichtigen Stimme werden, findet unser Kritiker.
Jan Freitag
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Berlin. Es gab mal eine Zeit, in der konnte man den anstehenden Inhalt horizontal erzählter Fernsehserien schon deshalb nicht ausplaudern, weil es kaum horizontal erzählte Fernsehserien gab. Und falls ausnahmsweise doch eine lief, war davon mangels Mediatheken und Internet weder vor noch nach der Erstausstrahlung irgendwas zu sehen – weshalb es schlicht nichts zu verraten gab, was den Genuss der nächsten Folge beeinträchtigt hätte.

Diese lang vergangene Zeit sollte man im Hinterkopf behalten, wenn vier Fachleute beiderlei Geschlechts um 21 Uhr auf dem Spartensender One darüber reden, womit Millionen von Menschen ihre Freizeit verbringen.

Ein Serienquartett als Nachfolger für das „Literarische Quartett“

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„Seriös“ heißt dieser kleine Nischentalk im Spartenkanal. Und nicht nur sein Untertitel „Das Serienquartett“ verweist ganz bewusst auf ein Fernsehformat aus der Frühphase des dualen Systems.

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Analog zum „Literarischen Quartett“, in dem die Literaturkenner Hellmuth Karasek, Sigrid Löffler, Marcel Reich-Ranicki und Jürgen Busche ab 1988 am Röhrenbildschirm Bücher seziert hatten, treffen sich im „Serienquartett“ nämlich vier selbst erklärte Fernsehjunkies, um paritätisch besetzt in betont muffiger Wohnstubenatmosphäre über den Wesenskern ihrer Freizeit- und Berufsgestaltung zu debattieren.

Bei „Seriös“ ist „Game of Thrones“ ein „Lindenstraße“ mit Drachen

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Eine Dreiviertelstunde sitzen also jeweils zwei Drehbuchautoren und TV-Moderatoren ab dem 27. September jeden letzten Freitag im Monat auf uralten Sesseln und preisen vor blutjungem Saalpublikum ihre Lieblingsserien an. „Weissensee“-Erfinderin Annette Hess zum Beispiel feiert die Pflegeheim-Sitcom „Derek“ von Ricky Gervais, dessen „The Office“ einst als Vorlage zu Ralf Husmanns „Stromberg“ diente, der wiederum für die wuchtige Wirtschaftssaga „Succession“ wirbt, woraufhin das nebenamtliche Model Annie Hoffmann ihre Liebe zur Coming-of-Age-Sensation „End of the F...ing World“ offenbart.

Weil das Rotationsprinzip Kurt Krömer zum Mediator der Auftaktfolge macht, hat er zwar nichts Eigenes in petto. Mit Anekdoten seiner Kindheit zwischen „Schwarzwaldklinik“ und „Dallas“ prägt er aber dennoch den nostalgischen Sound einer Sendung, die viel übers deutsche Seh- und Drehverhalten aussagt. Obwohl alle andauernd Angst vorm Spoilern bezeugen, also krampfhaft versuchen, nicht zu viel vom Inhalt ihrer Favoriten zu verraten, sind die besprochenen Formate entweder längst gelaufen oder tausendfach analysiert, oft beides in einem. Und nicht nur das: Bis auf die deutsch-österreichische Koproduktion „Der Pass“ wurde alles im Ausland für Streamingdienste oder Videoplattformen hergestellt.

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Das Serienquartett kann zur wichtigen Stimme der Kritik – und des Spotts – werden

Wenn hierzulande doch mal serielle Fiktion auf Weltniveau entsteht, vergleicht die notorisch übellaunige Autorin Hess „Babylon Berlin“ betont boshaft mit „TKKG“. Exakt so funktioniert eben ein televisionäres Quartett, in dem der wunderbare Komödiant Husmann „Game of Thrones“ einem Satz frisch gewonnener Emmys zum Trotz als „Lindenstraße mit Drachen“ verunglimpft.

Wirklich gelungen erscheint ihm offenkundig nur die eigene Kleiderkombination aus Hawaiihemd und Pyjamahose, was ebenfalls viel über einen Standort sagt, der Äußerlichkeiten gern stärker gewichtet als Inhalte. Klingt alles furchtbar selbstreferenziell, heuchlerisch, durcheinander? Ist es ja auch! Aber auf verschrobene Art liebens- und sehenswert. Schließlich wird hier relativ fachkundig und dank Ralf Husmann sogar beißend komisch über die relevanteste Nichtigkeit unserer Tage geredet: das Fernsehen im Postfernsehzeitalter. Wenn die Serien jetzt noch aktueller werden, die Kritiken weniger selbstgerecht und alles besser geordnet, könnte sich „Seriös“ zum fröhlichen Labor gehobenen Spotts entwickeln. Wie einst das „Literarische Quartett“, nur jetzt für jedermann.

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