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Serie “I Am Not Okay with This”: Wenn Pubertät und Superkräfte zusammenkommen

  • Die Coming-of-age-Serie “I Am Not Okay with This” spielt nur scheinbar mit Superkräften der Hauptfigur.
  • Und die überzeugt genauso wie die ganze Geschichte des “Stranger Things”-Showrunners.
  • Ab Mittwoch ist die Serie bei Netflix zu sehen.
Jan Freitag
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Pubertät, das wissen viele, die sie lang hinter sich haben, ist ein entwicklungsphysiologischer Schub zur Geschlechtsreife adoleszenter Menschen, der vorübergeht. Pubertät, glauben alle, die grad mittendrin stecken, ist einfach nur endlos nervig – und zwar allein für die Pubertierenden, sonst keinen. Pubertät, darauf kann man sich aber einigen, ist ein ziemliches Chaos, in dem an Körper, Geist und Seele hochexplosive Pickel wachsen. Was Pubertät mal abgesehen von der ersten Menstruation oder verpatzten Rasur allerdings selten ist: blutig!

Wenn die 17-jährige Sydney zum Start der Netflix-Serie “I Am Not Okay with This” wie Carrie in Stephen Kings Horrorfilm blutüberströmt durch ihr Provinznest läuft, hat das also weniger mit der hormonellen Transferphase zu tun. Oder doch alles, je nach Perspektive. Doch der Reihe nach. Weil sich ihr Vater im Keller erhängt hat, ist die kontaktscheue Zynikerin mit Mutter (Kellnerin) und Bruder (neunmalklug) in die US-Provinz (Pennsylvania) gezogen, wo sie fortan so viel Ärger mit der Impulskontrolle hat, dass ihre Lehrerin zur Triebabfuhr empfiehlt, Tagebuch zu schreiben. Erster Satz: “Fick dich!”

Telekinetische Kräfte als Abwehr

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Danach jedoch folgen epische Passagen über Dina, die eigentlich zu fröhlich, nett, zu cool ist für Sydney, aber dennoch ihre beste, da einzige Freundin. Die Freundschaft wird indes auf die Probe gestellt, als sich Dinas heimlicher Schwarm ausgerechnet in den kernigen Brad verliebt. Im ZDF-Melodram würde sich das dritte Rad am Wagen nun wohl schlimm besaufen und später Mr. Perfect finden. Im ARD-Mittwochsfilm würde sie härtere Drogen nehmen und von einer lässigen Sozialarbeiterin gerettet werden. Bei Netflix entwickelt Sydney als Abwehrimpuls gegen den Nebenbuhler telekinetische Kräfte. Wie das in Comics eben so ist.

Denn wie bei der Coming-of-age-Perle “The End of the F***ing World” ist “I Am Not Okay with This” die Verfilmung einer Graphic Novel von Charles Forsman. Dass Sydney, wenn es in ihr zu brodeln beginnt, Gegenstände versetzen, Leute verletzen, gar Putz spalten kann, mag daher den Freiheiten gezeichneter Geschichten geschuldet, also mystisch statt real sein. Tatsächlich sind derlei Sonderkräfte nicht mehr und nicht weniger als äußerer Ausdruck des inneren Durcheinanders skurriler, am Ende aber gewöhnlich pubertierender Außenseiter und ihrer Sehnsüchte. Wer würde beim Pickelausdrücken nicht gern den Wasserhahn anschnauzen, mit dem Tropfen aufzuhören? Nur dass es hier funktioniert.

Absonderliche Story

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Weil hinter der absonderlichen Story wie schon bei der düster-schönen Bonnie-und-Clyde-Saga vor drei Jahren derselbe Showrunner steckt, weil dieser Jonathan Entwistle zwischendurch auch noch an der Achtzigerjahre-Teenager-Horrorstory “Stranger Things” gearbeitet hat, weil abseits unerklärlicher Ereignisse also stets die denkbar wahrhaftigste Wirklichkeit jugendlicher Selbstermächtigung steckt, könnte die Milieustudie mit der wunderbar verschrobenen Sophia Lillis getrost als Lehrmaterial fürs Pädagogikstudium dienen.

Überhaupt – diese Hauptdarstellerin! Wie bereits als junge Version der Amy-Adams-Figur Camille in der Dramaserie “Sharp Objects” schafft es Lilli, gleichsam hässlich und hübsch, abstoßend und anziehend zu sein. Dieser Gegensatz käme nie zum Tragen, bekäme sie dafür nicht alle Zeit der Welt. Wenn Syd schwer bekifft mit dem nerdigen Drogendealer Stan diskutiert, ob sie lieber Adler oder Qualle wäre, und ihm danach ihre Pickel zeigt, blieben klassische Fernsehsender keine 30 Sekunden bei dieser Szene nebensächlicher Dringlichkeit; Netflix gönnt ihr gleich satte fünf von 20 Minuten der zweiten Folge.

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Emotainment aus der Magengrube menschlicher Befindlichkeiten

Man kann dieses Emotainment aus der Magengrube menschlicher Befindlichkeiten nicht nur sehen und hören, man kann es riechen und schmecken, als wäre Gefühlsfernsehen längst Realität. Aber keine Sorge, liebe Mysteryfans – Sydneys Sonderkräfte entwickeln sich bereits in der dritten Folge zu Superkräften. Mit blutigen Folgen. Ist halt für alle was dabei.

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