• Startseite
  • Medien & TV
  • Seltsame Übersetzungen von Filmtiteln: Eine kleine Zeitreise fiktionaler Umbenennung

Seltsame Übersetzungen von Filmtiteln: Eine kleine Zeitreise fiktionaler Umbenennung

  • In den 80er-Jahren wurde den Fernsehzuschauern inhaltlich manchmal mehr zugetraut; was die Titelübersetzungen angeht aber eher nicht.
  • So wurde beispielsweise “Married ... with Children” zur “Schrecklich netten Familie”.
  • Doch seitdem hat sich die “Titelidentität” einer Studie zufolge etwa verdoppelt.
Jan Freitag
|
Anzeige
Anzeige

Es war einmal vor gar nicht allzu langer Zeit, da hat das Fernsehen dem Publikum noch weniger zugetraut als heute. Inhaltlich soll das Angebot bis tief in die 80er-Jahre anspruchsvoller gewesen sein, weshalb es zur besten Sendezeit schon mal Arthouse-Filme statt “Tatort” gab oder lange Dokus anstelle von Königshäuserkurzporträts. Ein Blick auf Titel importierter Formate jedoch zeigt, wie die Anbieter ihre Abnehmer unterschätzen.

Beispiel “Riptide”. Nie gehört? Kein Wunder! Übersetzbar mit “Kabbelei” und “Strömung“, hat das ZDF die Serie um sehr verschiedene Ermittler 1985 zum “Trio mit vier Fäusten“ umgedichtet. Zeitgleich jagte der Stuntman “The Fall Guy” an selber Stelle als “Colt für alle Fälle“ Verbrecher, bevor das zweideutig-lustige “Hart to Hart” zum eindeutig sinnlosen “Hart aber herzlich” geriet. Der Weg vom unvoreingenommenen “Married … with Children“ zur “Schrecklich netten Familie“ war demnach mit Einfalt geebnet.

Form überschriftlicher Bevormundung

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

In einer Zeit, in der man sich deutsches Home Entertainment mit Namen wie “How To Sell Drugs Online (Fast)“ auf den First oder Second Screen streamt, erscheinen die Transkripte der dualen Frühphase zwar angenehm bodenständig; allerdings zeugen sie vom seltsam deutschen Kontrollwahn, lieber alles doppelt zu erklären als gar nicht. Weil die Koproduktion “Mirage“ für frankophone Ohren offenbar selbsterklärender ist als für unsere, ergänzt sie das ZDF ab 8. Juni also mit “Gefährliche Lügen“.

Das ist so überflüssig wie der Appendix “zum Verlieben“ an den Chef, Pauker, Schatz, Concierge oder Chaot Dutzender Romanzen und sorgt für eine Form überschriftlicher Bevormundung, die noch aus Nachkriegszeiten stammt. Damals, Englisch war buchstäblich Fremdsprache, musste Auslandsware schließlich schon aus Verständnisgründen eingedeutscht werden. Besser wäre es hingegen, man würde von zugedeutscht sprechen. John Wayne zum Beispiel war als “Teufelshauptmann“ eine Art Fluchtengel der weiblichen Hauptfigur, die – daher der Originaltitel “She Wore a Yellow Ribbon“ – gelbe Bänder im Haar trug.

Beim Titeln ging es selten um Sinn

Parallel dazu befand sich der Westernstar auf einer “Höllenfahrt nach Santa Fé“, obwohl die “Stagecoach“ genannte Postkutsche New Mexicos Hauptstadt nicht mal streifte. Als Elvis Presley derweil in “King Kreole“ die Hüften schwang, wurde daraus “Mein Leben ist Rhythmus“, was bei der Namensänderung seiner Komödie “Loving You“ in “Gold aus heißer Kehle“ vollends zum Blödsinn verkam. Schon damals zeigte sich, dass es beim Titeln selten um Sinn, sondern Zweck ging. Im besten Fall. Im schlechteren ging es um, tja, gar nichts.

Anzeige

So wurde der tierfreie Militärulk “Stars and Stripes“ 1981 “Ich glaub‘, mich knutscht ein Elch“, was wenigstens nicht gelogen war wie die Umwidmung von Tom Selleck als amerikanischer Großwildjäger “Quigley Down Under“ zu “Der Australier“. Aber gut: “Die Hard“ bedeutet ja auch nicht, dass Bruce Willis langsam stirbt, sondern bis zum fünften Teil 2013 “nicht totzukriegen“ war. Selbst in der netflixgeprägten Gegenwart kann es demnach passieren, dass “Bridesmaids“ (Brautjungfern) zu “Brautalarm“ (hä?) wird, “Pacifier“ (Säuglingsberuhiger) zu “Babynator“ (Säuglingszerstörer) oder “Black Out“ zu “Killer, Koks und wilde Bräute“.

“Titelidentität“ hat sich seit den 80ern verdoppelt

Anzeige

Immerhin treibt sich das neue Kino Fernsehen die Synchronisationswut nun selbst aus. “The Sopranos“ bekamen zwar ihr deutsches “Die“ und “Six Feet Under“ den Zusatz “Gestorben wird immer“; ansonsten hat sich die “Titelidentität“ nach einer Studie der Medienforscherin Regina Bouchehri seit den 80ern auf 56 Prozent verdoppelt. Neue Serien auf Amazon und Sky heißen jetzt nicht “Hochladen“ oder “Gotteshaus“, sondern “Upload“ und “Temple“. Immerhin aufs ZDF ist da noch immer Verlass. Zuletzt ersetzte es das Rätselhafte in “Brokenwood-Mysteries“ durch “Mord in Neuseeland“ und zeigte damit, wie wenig es dem Publikum zutraut. Um es mit der Übersetzung eines alten Beatles-Films zu sagen: Hi Hi Hilfe.

“Staat, Sex, Amen”
Der neue Gesellschaftspodcast mit Imre Grimm und Kristian Teetz
  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen