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Zeittotschläger auf allen Kanälen: Über die seltsame Spezies der Fußball-EM-Experten

  • Schweinsteiger, Boateng, Mertesacker: Keine EM-Übertragung ohne Ex-Profis als vermeintliche Fußballexperten.
  • Aber was wollen sie uns eigentlich sagen in den vielen, langen Talkstunden bei ARD, ZDF und Magenta TV? Warum ist der Erkenntnisgewinn so gering?
  • Eine Medienkritik zur Halbzeit der Fußball-Europameisterschaft.
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Da steht Jessy Wellmer und gibt nicht auf. Wie eine hartgesottene Ehefrau, die seit 40 Jahren versucht, dem verstockten Göttergatten Fühlbares zu entlocken, arbeitet sich die ARD-Entkrampfungsbeauftragte an Bastian Schweinsteiger ab. Immer neue Köder wirft sie ihm hin. Doch der „Bastian“, inzwischen staatsmännisch silbrig schimmernd, steht stoisch in der ARD herum wie sein eigenes Denkmal. Wellmer springt quasi an ihm hoch wie ein Hündchen an der Eiche. Aber der Baum wankt nicht.

„Bastian“, fragt Wellmer, bemüht um Nonchalance, „steht Italien schon mit einer halben Pizza im Halbfinale?“ Schweinsteiger sieht sie an wie etwas, das die Katze ins Haus gebracht hat. Was will die Frau jetzt schon wieder?, fragt sein Blick. Wie jetzt? Pizza? Steht der Belotti dann mit seinem Schuh in der Margherita oder was?

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Fußballfernsehen als Abklingbecken für Sportler in Altersteilzeit

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Es ist ein seltsames Ritual, dessen Millionen TV-Zuschauer in diesen Tagen wieder angesichtig werden: Fußballfernsehen als Abklingbecken für Sportler in Altersteilzeit mit abgeschlossener Vermögensbildung. Gefühlt sind es so viele wie nie zuvor. Überall stehen und sitzen Mensch gewordene Zeittotschläger mit bekannten Gesichtern herum: Schweinsteiger, Kevin-Prince Boateng, Nationaltorhüterin Almuth Schult und U21-EM-Siegertrainer Stefan Kuntz in der ARD; Per Mertesacker, Ariane Hingst, Christoph Kramer und Sandro Wagner im ZDF; Michael Ballack und Fredi Bobic bei Magenta TV; Jimmy Hartwig und Pierre Littbarski – jawohl! – bei Welt, formerly known as N24.

„Steht Italien mit einer halben Pizza im Achtelfinale?“: ARD-„Sportschau“-Moderatorin Jessy Wellmer mit Bastian Schweinsteiger in der Münchener Arena. © Quelle: imago images/Team 2
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Doch der Eventsportjournalismus steckt in einer Schaffenskrise. Zu viel des Immergleichen, zu wenig Mutterwitz. Es fehlt an echten Charakterköpfen, an Widersprechern, auch an journalistischen Nachfragern, die mehr erwarten als einen kurzen O-Ton voller Allgemeinplätze. Schweinsteiger flüchtet in wachsweiche Floskeln wie ein Ministerpräsident im Wahlkampf, während Wellmer öffentliche Anhimmelung betreibt. Und dann musste sich sogar Jogi Löw vor dem Alles-oder-nichts-Spiel gegen Portugal minutenlang stumm die „Analyse“ von Schweinsteiger anhören, bevor er in die Kabine durfte, zu seinen Leuten. Das hatte er nicht verdient.

Die teure Starschwemme ist reines Blendwerk

Natürlich ist Fußball auch Boulevard. Mit Prominentenbestaunung allein aber lassen sich 22 Spieltage kaum sinnvoll füllen. Die teure Starschwemme ist reines Blendwerk. Gewiss sind ARD und ZDF dazu verdonnert, auch jene Zuschauer ins Boot zu holen, die höchstens zur EM oder WM mal reinschalten. Ihr Mittel dazu ist Prominenz. Aber man fragt sich schon: Länger nicht DAZN geguckt? Oder gar: noch nie? ARD-Mann Alexander Bommes freilich ist viel zu sehr von seiner vermeintlichen norddeutschen Kodderschnauze hingerissen, um die Durchdringungstiefe zu erhöhen.

Stattdessen gibt’s die alten Rezepte. Ganz wichtig fürs EM-Fernsehen: Tagesgast nicht vergessen. Neben den eingekauften Weltmeistern sitzt dann ein Kollege mit Nationalfolklore und gern auch Bundesligastallgeruch jeweils passend zum Spieltag im Studio. Also: Holland spielt gegen Österreich? Auftritt Andreas Ivanschitz. Der hat schließlich mal in Mainz gespielt. Frankreich spielt gegen Deutschland? Auftritt Christian Karembeu. Der ist schließlich Franzose. Was sie dann zu sagen haben, spielt keine große Rolle.

Hauptsache, Karembeu sitzt gerade und sieht französisch aus. Alexander Frei, Rekordtorschütze der Schweiz, erscheint zum Schweiz-Spiel bei Magenta TV. Das ergäbe Sinn, wenn Frei Zusatzinformationen über die „Nati“ mitbrächte. Das tut er aber nicht. Allein sein Akzent würzt die Sendung mit einem Schuss Schweizhaftigkeit.

Zuschauer wollen nicht hören, was sie selber sehen

Während vor allem Mertesacker und Kramer mit Moderator Jochen Breyer im ZDF einen stabilen Job machen und auch den Zusammenbruch des Dänen Christian Eriksen zu Turnierbeginn souverän meisterten, schlingert das Personal im Ersten. Im Kern besteht die Spielanalyse dort aus Variationen der Sätze „Man wird sehen“ (vor dem Spiel) und „Das war zu erwarten“ (nach dem Spiel). Zuschauer aber wollen nicht hören, was sie ohnehin selber sehen oder wissen. Sie haben Augen. Sie können lesen. Sie wollen Mehrwert. Alles andere ist Spielverzögerung und gehört mit Gelb geahndet.

Sie stehen stabil: Per Mertesacker, Christoph Kramer und Moderator Jochen Breyer im ZDF-EM-Studio. © Quelle: ZDF und Torsten Silz

Doch der Fehler liegt gar nicht so sehr beim Mietpersonal. Er liegt im System selbst. Deutsches Sportfernsehen vor und nach einem Spiel ist Talkfernsehen. Einspielfilme sind selten. Und wenn, dann sind sie pseudofeuilletonistische Schwurbelclips voller Zeitlupen, Coldplay-Pathos und Halbsätze („Löw. Der Mann, der Macher, der ewige Trainer. Der Druck. Sein letztes Turnier. Hohe Erwartungen. Erinnerungen an bessere Zeiten …“). Das ist kein Problem, solange wenigstens Erkenntnisgewinn und Unterhaltungsfaktor stimmen. Doch Tacheles ist Mangelware im Expertengeschäft.

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Günter Netzer war deshalb eine solche Ausnahmeerscheinung, weil er stets das Gefühl ausstrahlte, nichts zu verlieren zu haben. Er war angstfrei. Fast alle seine Nachfolger aber sprechen, als fürchteten sie um Sponsorenverträge, Karrieren, Zukunftspläne. Das ist verständlich als Selbstschutzmechanismus nach einem miesen 0:4 am Spielfeldrand, wenn der Kessel brodelt. Im Studio aber, als teuer eingekaufter Experte in teurem Zwirn, genügt es nicht.

Jetzt rächt sich auch das Medientraining

Jetzt rächt sich auch das Medientraining, das viele der heutigen TV-Fachleute als aktive Fußballprofis absolviert haben. Im Bemühen um Unangreifbarkeit und Ausgewogenheit hat man dieser Spielergeneration alles Charakteristische, alles Unverwechselbar ausgetrieben – Eigenschaften, die ein Fernsehexperte unbedingt aufweisen sollte. Zurück blieben aalglatte Floskelautomaten. Sie müssten das freie Sprechen regelrecht neu lernen. Kein Netzer, nirgends. Und Mehmet Scholl verließ die ARD im Groll, um sich jetzt bei Bild TV unter weitgehendem Ausschluss der Öffentlichkeit als Klartextmann feiern zu lassen.

Co-Moderator Micky Beisenherz (links) geht es im „Sportschau Club“ an der Seite von Esther Sedlaczek wie Gareth Bale bei Wales: Er kann nicht alles alleine machen. © Quelle: ARD/WDR/Beckground TV/Morris Mac

Wie ungeübt moderne Profis im Umgang mit Kritik sind, zeigt auch die Dünnhäutigkeit, mit der viele der noch aktiven Spieler selbst auf milde Einwände reagieren. Von Boris Büchler im ZDF auf die beiden französischen Abseitstore im Auftaktspiel angesprochen, zeigte sich Toni Kroos überraschend angefressen: „Wenn sie abseits sind, sind sie abseits. Das gehört dazu, ne?“, moserte der deutsche Mittelfeldstar hörbar genervt. Das war möglicherweise frotzelnd freundschaftlich gemeint, wirkte aber doch seltsam gereizt. Natürlich waren das zwei wunderschön herausgespielte Fastgegentreffer.

Das darf man gern zugeben, auch wenn’s schwerfällt. Und was ist das bloß, was Profis an Boris Büchler so fuchsig werden lässt? Er war es auch, der Mertesacker 2014 das legendäre „Eistonnen“-Gemecker entlockte („Mir völlig wurscht. Ich lege mich jetzt drei Tage in die Eistonne“). Ein Interview, das vor allem deshalb unvergessen ist, weil es keine Sekunde leeren Schmusetext enthält, sondern die nackte Wahrheit.

Wo ist Günter Netzer, wenn man ihn braucht?

Die ARD versucht mit dem „Sportschau Club“ am späten Abend, sich locker zu machen. Immerhin: Es ist kein erneuter Meniskusriss von einer Turnierbegleitshow („Beckmanns Sportschule“, jemand?). Die neue „Sportschau“-Moderatorin Esther Sedlaczek wirkt noch etwas atemlos, und Co-Moderator Micky Beisenherz geht es wie Gareth Bale bei Wales: Er kann nicht alles alleine machen. Aber man schämt sich nicht fremd.

Anders als phasenweise bei Magenta TV, wo der Taktikfuchs und Ex-Fechter Jan Henkel auf seinem Touchscreen herumdrückt, als erzeuge er so den Strom für die Liveübertragung. Und während die sprichwörtlich gewordene TV-Twittermaus überall sonst schon ausgestorben schien, sitzt bei Magenta TV die frühere „Tigerenten Club“-Moderatorin Amelie Stiefvatter in der „Lounge“ und feiert in strahlender Ahnungslosigkeit Instagram-Schnipsel wie Führungstreffer. Halbzeit in Europa. Wo ist Günter Netzer, wenn man ihn braucht?

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