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  • Sat.1 am Boden? Skandal und Identitätskrise - was ist mit dem TV-Sender passiert?

Ein Privatsender am Boden: Was ist nur mit Sat.1 passiert?

  • 1984 war Sat.1 der erste Privatsender, der in Deutschland an den Start ging – heute ist er nur noch ein Schatten seiner selbst.
  • Ein Programm ohne klare Linie – und immer wieder neue Skandale.
  • Was ist nur passiert?
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Berlin. Beginnen wir diesen Text mit einem kleinen Gedanken­experiment: Wofür steht eigentlich der Privatsender Sat.1? Schwierig, oder?

Nun, beim Schwesterprogramm Pro Sieben ist diese Frage recht einfach zu beantworten: Der Sender hat sein Programm bereits seit Jahrzehnten vor allem auf die jüngere Zielgruppe ausgerichtet. Einst sendete man Blockbuster und machte Stars wie Stefan Raab oder Michael „Bully“ Herbig groß, heute sorgt man mit Joko und Klaas für abendfüllende Unterhaltung und setzt neuerdings sogar immer wieder überraschende Akzente mit politischen Sendungen. Zuletzt beispielsweise wechselte die ehemalige „Tagesschau“-Sprecherin Linda Zervakis zu Pro Sieben, auch sämtliche Kanzler­kandidatinnen und -kan­di­da­ten lud der Sender zu teilweise erfrischend andersartigen Interviews ein.

Auch bei RTL ist die Sache ziemlich klar. Die Konkurrenz aus Köln war schon immer die ganz besonders laute und schrille Variante des Privatfernsehens. Schon in den Neunzigerjahren mit Erotikspielshows wie „Tutti Frutti“, später dann mit Castingshows wie „Deutschland sucht den Superstar“ oder fragwürdigen Kuppelsendungen wie „Schwiegertochter gesucht“, die nicht selten für Kritik sorgten. Gleichzeitig ist RTL aber auch ein Unterhaltungssender mit echten Stars, wie etwa dem Trio Schöneberger, Jauch und Gottschalk. Inzwischen feilt man auch hier stark an seinem Image.

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Ein Sender in der Identitätskrise

Doch wofür steht Sat.1? Wird über das Programm des Senders gesprochen oder geschrieben, so war in den vergangenen zehn Jahren häufig ein Wort zu lesen: Identitätskrise. Und in den vergangenen Wochen ist noch ein weiteres dazu­gekommen: Skandal.

Grund dafür sind die immer neuen Fehltritte, die sich der Sender mit seinem Realityprogramm erlaubt. Schon im Frühjahr 2020 musste Sat.1 für eine Folge seiner Show „Promis unter Palmen“ massive Kritik einstecken, nachdem eine Kandidatin vor laufender Kamera von ihren Mitinsassen in der Promivilla gemobbt worden war. Ein Jahr später geschah Ähnliches noch einmal: Wieder wurde ein Kandidat im selben Format heruntergemacht, diesmal mit homophoben Hasstiraden.

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Und wer damals noch glaubte, schlimmer könne es nicht mehr kommen, der wurde eines Besseren belehrt: Der Schlager­sänger Ikke Hüftgold hatte kurz nach Pfingsten öffentlich gemacht, dass in der Sat.1-Dokusoap „Plötzlich arm, plötzlich reich“ offenbar wissentlich mit traumatisierten und schwer misshandelten Kindern gedreht worden war. Der Sender kündigte schließlich an, das Format „mit sofortiger Wirkung“ abzusetzen.

Video
Privatfernsehen am Pranger: Ist das Trash-TV am Ende?
7:12 min
Mit der ersten Staffel „Big Brother“ wuchsen seit den 2000er-Jahren immer mehr Trash-TV Sendungen heran und füllen inzwischen ganze Abendprogramme.  © RND/Matthias Schwarzer
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Verbockte Krisenkommunikation

Bis dahin war es allerdings ein langer Weg – denn Sat.1 sorgt nicht nur mit seinen Sendungen, sondern auch mit seiner Krisenkommunikation immer wieder für Ärger. Schon im Fall „Promis unter Palmen“ brauchte es mehrere Anläufe und massive Proteste aus dem Netz, bis der Sender seinen Fehler schließlich einsah und die umstrittenen Folgen schließlich aus der Mediathek nahm.

Im Falle von „Plötzlich arm, plötzlich reich“ verschickte die zuständige Produktionsfirma zunächst eine Unterlassungsklage an Sänger Ikke Hüftgold, ehe man sich nach massiven Protesten doch zu einer Entschuldigung und schließlich zur Absetzung der gesamten Sendung durchrang.

Die immer wiederkehrenden Skandale markieren einen neuen Tiefpunkt des Senders, der bereits seit vielen Jahren in einer massiven Krise steckt und nicht mal ansatzweise herauszufinden scheint. Was ist nur passiert?

Schreinemakers als größter Skandal

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Eigentlich hatte alles mal ganz viel versprechend angefangen. Sat.1 gilt nämlich als der erste Privatsender überhaupt, der in Deutschland auf Sendung gegangen ist. Bereits einen Tag vor dem Sendebeginn von RTL (damals noch RTL Plus) startet Sat.1 am 1. Januar 1984, damals unter dem Namen PKS. Das Programm des ersten Tages besteht aus Tier­doku­men­ta­tio­nen, Trickfilmen, Krimis, Nachrichten und sogar einem Klassikkonzert.

In den folgenden Jahren entwickelt sich Sat.1 – im Gegensatz zu RTL – zur etwas weniger krawalligen Version des Privat­fernsehens, man zeigt Spielfilme, Shows und Fußball, große Skandale bleiben aus. Nur einmal kracht es gewaltig: 1996 nämlich, als die wegen Steuerhinterziehung im Kreuzfeuer stehende Moderatorin Margarethe Schreinemakers live in ihrer Sendung zum Fall Stellung beziehen will, der Sender ihr aber kurzerhand den Saft abdreht.

Über die Jahre wird Sat.1 bei seiner Ausrichtung immer stärker als Familiensender positioniert, mit kuscheliger Unter­haltung, die Spaß macht, aber niemandem wehtut. Auch Comedyformate wie die „Wochenshow“ werden Kult. Im Jahr 2000 fusioniert der Sender organisatorisch mit Pro Sieben, aus dieser Fusion entsteht schließlich die Pro Sieben Sat.1 Media AG.

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Erfolgsrezept Telenovela

Ein erster offizieller Bruch mit rein kuscheliger TV-Unterhaltung folgt im Jahr 2001 mit der Einführung des Claims „powered by emotion“. „Die bisherige harmonische Positionierung erweitert der Berliner Sender um ‚harte‘ Emotionen“, heißt es in der inzwischen 20 Jahre alten Pressemitteilung zum Markenrelaunch. Die „ganze Bandbreite der Emotionen“ drücke sich auch in dem neuen Claim „powered by emotion“ aus.

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Zu den größten Erfolgsformaten des Senders in dieser Ära dürfte wohl die Telenovela „Verliebt in Berlin“ gehören, die von 2005 bis 2007 ausgestrahlt wird und perfekt in das Konzept „Emotion“ passt. Die Serie wird ein riesiger Quotenerfolg, die finale Episode der ersten Staffel erreicht mehr als sieben Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer sowie einen Marktanteil von über 25 Prozent. 2006 liegen die Zahlen von Sat.1 oftmals über denen von Pro Sieben, konzernintern ist die Marke mit dem emotionalen Touch die Cashcow.

Fußball zeigt Sat.1 zu dieser Zeit schon länger nicht mehr, stattdessen wird in Programminhalte investiert. Neben Formaten wie „Verliebt in Berlin“ wird auch die Improcomedy „Schillerstraße“ zum Quotenhit, damit erreicht der Sender in den 2000er-Jahren Marktanteile von über 20 Prozent. Der Sat.1-„Fun Freitag“ beschert dem Zuschauer noch weitere heute legendäre Formate wie „Genial daneben“, „Ladykracher“ mit Anke Engelke oder „Pastewka““.

Kerner und Pocher floppen

Ein Quotenbringer ist auch das Nachmittagsprogramm des Senders. Mit Richtershows wie „Barbara Salesch“ und „Richter Alexander Hold“ wird der Grundstein für die Pseudorealityformate gelegt, die später den TV-Markt nur so fluten werden. Sowohl die Richtershows als auch Laiendarstellerformate wie „Lenßen & Partner“ sind billig produziertes und quotenstarkes Fernsehen – aber, wie das gesamte restliche Programm, keineswegs anstößig.

Nur wenige Jahre später jedoch wendet sich das Blatt. Schon 2006 erscheinen erste Medienberichte mit Abgesängen auf das Sat.1-Programm, etwa in der „Zeit“. Die Quoten insbesondere am Nachmittag werden als „Desaster“ beschrieben, eine Reform des Vorabendprogramms sei „völlig nach hinten“ losgegangen, die Telenovela „Schmetterlinge im Bauch“ floppt, Quoten und Werbeeinnahmen sinken.

Retten kann sich der Sender nicht – im Gegenteil: Es wird noch schlimmer. Sat.1 verpflichtet neue prominente Gesichter, darunter beispielsweise Johannes B. Kerner. Dieser wechselt vom ZDF zu seinem ehemaligen Arbeitgeber und begeht damit wohl den größten beruflichen Fehler seines Lebens. Seine wöchentliche Magazinsendung „Kerner“ floppt gnadenlos. Auch mit anderen prominenten Neuzugängen, etwa Oliver Pocher, hat Sat.1 wenig Quotenglück.

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„Newtopia“ wird zum Desaster

Bei den für die Privatsender wichtigen Marktanteilen hält man sich immerhin mit teuer eingekauften Fußballrechten über Wasser, doch der Zuschauer weiß zu diesem Zeitpunkt schon lange nicht mehr, was er sich da überhaupt gerade anschaut. Schon 2010 schreibt beispielsweise das Branchenmagazin „Kress“ von einem „unklaren Senderprofil“, das „in der Klemme“ stecke zwischen der Schwester Pro Sieben und dem Rivalen RTL.

Andreas Bartl, damals Geschäftsführer von Pro Sieben und Sat.1, will dem entgegenwirken: Man wolle Sat.1 wieder stärker zu einem Familienprogramm umbauen, wozu auch deutsche Eigenproduktionen gehörten, kündigt er an. Doch so richtig funktioniert das nicht.

2013 schreibt die „FAZ“ von neuen „Pleiten, Pech und Pannen“ im Sat.1-Programm. „Der Sender konnte machen, was er wollte“, am Ende sei es ein Flop. Genannt werden etwa die Seifenoper „Mila“ und die neue Serie „Frauenherzen“. Auch der Start in die Herbstsaison misslingt, die auf ein Jahr angelegte Realityshow „Newtopia“ endet schon nach wenigen Wochen mit einem Desaster. Schließlich tritt der damalige Sat.1-Geschäftsführer Nicolas Paalzow von seinem Posten zurück.

Immer mehr Trash-TV

Einzig die „Grundkonstanten“ des Senders, wie etwa der deutsche Fernsehfilm am Dienstag, funktionieren noch – für kleine Lichtblicke sorgen auch Serien wie „Danni Lowinski“ oder „Der letzte Bulle“. Doch wohin der einstige Familiensender mit seinem Programm eigentlich will, ist schon lange nicht mehr klar.

Dort, wo nicht erfolgreiche Formate aus dem Programm fliegen, „werden diese ad hoc notfallmäßig gestopft“, heißt es von Kritikern. Neue Ideen findet man im Programm nur noch selten, stattdessen kopiert man sich selbst oder andere – mit wenig Erfolg.

Zu dieser Zeit setzt der Sender auch immer stärker auf Reality – eines der wenigen Formate, die noch zu funktionieren scheinen. Eine Serie mit dem Namen „Patchwork Family“ nach dem Vorbild von „Berlin Tag & Nacht“ beispielsweise soll 2013 den quotenschwachen Vorabend retten – sie wird nach wenigen Wochen abgesetzt.

Ein bunter Strauß Belanglosigkeiten

Man investiere nur noch „das Nötigste ins Programm“, analysiert die „Frankfurter Rundschau“, insgesamt sechs Senderchefs hat Sat.1 zu diesem Zeitpunkt innerhalb von fünf Jahren verschlissen.

Diese Programmkrise ist inzwischen acht Jahre her – aber sie dauert bis heute an. Denn der angekündigte Rückbau zum Familiensender erfolgt nie. Stattdessen ist Sat.1 heute eine Abspielstation für einen bunten Strauß von Belanglosigkeiten.

Nach dem sehr erfolgreichen Frühstücksfernsehen, das im Mai 2021 nach eigenen Angaben mit 18,3 Prozent den höchsten Marktanteil seit 2006 erreichte, laufen praktisch den ganzen Vormittag über günstig produzierte Dokusoaps wie „Die Ruhrpottwache“ oder „Mein dunkles Geheimnis“, ab dem Nachmittag geht es dann mit „Auf Streife“ sowie der „Klinik am Südring“ weiter, ehe die „Ruhrpottwache“ ein weiteres Mal ermittelt. Am Vorabend zeigt der Sender Quizshows wie „Rolling“ und „Buchstaben-Battle“, im Abendprogramm finden sich Sendungen wie „Die Gegenteilshow“ oder „Reingelegt – die lustigsten Comedyfallen weltweit“, Dokus wie „112 – Notruf Deutschland“ und US-Serien. Weniges davon fällt auf, manches ist gar so belanglos, dass selbst ein Wikipedia-Artikel fehlt.

Sender soll „lauter werden“

Die Liste von gefloppten Formaten ist derweil lang. „Das große Promi-Flaschendrehen“, „Claudias House of Love“, „5 Gold Rings“ – nichts davon hat richtig funktioniert, vieles wurde nach kurzer Zeit wieder abgesetzt.

Und wenn doch mal etwas auffällt, dann fällt es doppelt auf – und zwar meistens negativ. Sat.1-Geschäftsführer Kaspar Pflüger hatte 2019 in einem Interview mit dem Medienmanagzin „DWLD.de“ angekündigt, der Sender Sat.1 solle künftig „deutlich lauter“ werden – darum werde man das Reality-TV „massiv ausbauen“.

Gesagt, getan: Tatsächlich zogen mehr Realityformate ins Programm als ohnehin schon – und einige von ihnen ruinierten den einst guten Ruf des Senders vollends. Pflüger ist heute ebenfalls nicht mehr Chef von Sat.1, stattdessen soll Pro-Sieben-Chef Daniel Rosemann jetzt zusätzlich die Verantwortung für den Sender übernehmen.

Pro-Sieben-Chef bringt Hoffnung

Aber genau das könnte nun der lange erhoffte Lichtblick am Ende des langen Tunnels sein. Denn ausgerechnet Schwester­sender Pro Sieben macht aktuell vieles richtig: Neben echten Stars wie Joko und Klaas hat der Sender vor allem eines: Mut. Immer wieder werden neue Akzente gesetzt, etwa eine große Reportage von Thilo Mischke zum Thema Rechtsextremismus, eine Doku über den Pflegenotstand, das mit dem Grimme-Preis ausgezeichnete Special „Männerwelten“ mit Sophie Pass­mann sowie die neue Liebe zu politischen Talkshows.

Nicht immer bringen diese Experimente gute Quoten, aber sie zeigen, dass man in Unterföhrung offenbar Lust aufs Fernsehmachen hat. Bei Sat.1 kann man diesen Mut nur zu gut gebrauchen. Den Mut zu einem hochwertigen Programm, ohne weitere Skandale.

Aber vorher müsste sicherlich noch eine Frage geklärt werden: Für wen will man dieses Programm eigentlich machen?

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