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Lords mit bairischem Akzent: Warum Rosamunde-Pilcher-Filme nie im britischen TV laufen

Szene der Episode "Herzensläufe" der Rosamunde Pilcher-Reihe.

Prideaux Place. Es soll bitte niemand sagen, dass Rosamunde Pilcher nur heile Welt ist. In der neuesten ZDF-Verfilmung „Herzensläufe“, die am Sonntag (5. September) um 20.15 Uhr gezeigt wird, geht es um zwei Schwestern, die ihre Mutter bei einer Brandkatastrophe verloren haben. Nicht ohne Tragik. Dennoch kommen die Wechselfälle des Lebens hier anders daher als etwa im zeitgleich laufenden ARD-Sonntagskrimi. Einer der Unterschiede ist, dass bei Rosamunde Pilcher immer frische Blumen auf dem Tisch stehen.

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Der Kölner Produzent Michael Smeaton (69) ist der Mann hinter diesen Filmen. Als es im Jahr 1993 damit losging, konnte niemand ahnen, dass sich daraus ein eigenes Genre, ein eigenes Programm-Modul entwickeln würde. Heute, 28 Jahre später, liegt die Zahl der Pilcher-Filme bei mehr als 160. Jedes Jahr werden etwa fünf abgedreht. Allein diesen Herbst zeigt das ZDF drei neue Produktionen, immer am Sonntagabend.

Faszination England

Ein Grund für den Erfolg dürfte sein, dass der Realitätsbedarf vieler Zuschauerinnen und Zuschauer nach der „Tagesschau“ um 20.15 Uhr gedeckt ist. Das kann aber nicht alles sein, denn die Pilcher-Filme haben zuverlässig höhere Quoten als andere „Herzkino“-Filme. Es muss etwas mit England zu tun haben, jedenfalls mit dem Pilcher-England. Hier tragen die Herren Tweed-Sakkos und farbige Westen und die Damen Strohhüte und Wachsjacken. Man verabredet sich zum Afternoon Tea mit Scones und Clotted Cream und befährt vorzugsweise Küstenstraßen entlang uriger Cottages und verwitterter Feldsteinmauern. Gewerbegebiete fehlen ebenso wie Autobahnen und Supermärkte.

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„Ich glaube, die englische Lebensart hat für die Deutschen etwas Faszinierendes“, glaubt Michael Smeaton, ein Mann, den man mit seiner grauen Haarmähne und Reibeisenstimme ohne weiteres an der Küste von Cornwall verorten könnte. Tatsächlich hat er einen Bezug zu Schottland: Sein Vater stammte von dort. „Dass die Deutschen eine Vorliebe für England haben, erkennt man schon daran, dass sie seit gefühlt 100 Jahren an Silvester "Dinner for One" gucken. Oder daran, dass Millionen die Trauerfeier für Prinz Philip einschalteten.“

„Wir erzählen Märchen”

Der Pilcher-Kosmos ist eine Welt der gepflegten Konversation und exakt geschnittenen Rasenkanten. Dass er mit dem wirklichen England nur bedingt etwas zu tun hat, muss selbst Zuschauern klar sein, die noch nie einen Fuß auf die Insel gesetzt haben. Die Darsteller sind praktisch nur deutsche Schauspieler, die unter Umständen mit bairischem oder österreichischem Akzent sprechen.

Zudem kennt man die Gesichter - viele zumindest. Sogar Harald Schmidt hat mal mitgespielt, er gab den hypochondrischen Lord Hurrleton. Hier wird erkennbar, dass die Pilcher-Filme an tief verwurzelte deutsche Vorstellungen vom Leben der englischen Oberschicht anknüpfen. Der von Harald Schmidt verkörperte Typus des „verrückten Lords“ kam schon im 18. Jahrhundert auf. Sowohl in den Edgar-Wallace- als auch in den Karl-May-Filmen der 1960er Jahre ist er eine wiederkehrende Erscheinung, mal von Eddi Arent, mal von Chris Howland verkörpert.

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Michael Smeaton sieht diese Dinge abgeklärt. „Das, was wir zeigen, ist nicht das England von heute und vermutlich noch nicht mal das von gestern“, sagt er. „Wir erzählen Märchen.“ Märchen von Liebe, Leid und Bosheit, die am Ende gut ausgehen. Und dabei sind die Hauptfiguren selten um einen erbaulichen Kalenderspruch verlegen.

Die deutschen Pilcher-Filme im britischen Fernsehen zu zeigen, ist unvorstellbar. Selbst wenn sie synchronisiert würden - was in England nicht üblich ist -, würde man am Gestus und an hundert kleinen Dingen erkennen, dass die Schauspieler als Engländer verkleidete Deutsche sind. Allerdings wird das deutsche Pilcher-Phänomen im Königreich hier und da mit wohlwollendem Erstaunen zur Kenntnis genommen. Kürzlich erschien ein längerer Bericht im „Guardian“, Titelzeile: „Warum Deutsche TV-Romanzen aus Cornwall lieben“.

Hoher Besuch am Set

Vor einigen Jahren waren sogar mal Prinz Charles und Camilla am Set. Damals lebte Rosamunde Pilcher noch, und Camilla erfreute sie mit der Info, dass sie zwei ihrer Romane gelesen habe. Der Kontakt war über einen Leutnant zustande gekommen, der ein alter Freund von Prinz Charles ist und sein Anwesen manchmal für die Dreharbeiten zur Verfügung stellt.

Smeaton war mit der 2019 gestorbenen Pilcher eng befreundet. „Sie ist eine extrem bescheidene Person gewesen“, erzählt er. „Sie wohnte in einem Flachbau in Schottland. Man wäre nie auf die Idee gekommen, dass da eine Frau lebte, die über 60 Millionen Bücher verkauft hatte. Sie kümmerte sich um ihren Garten, hatte freundliche Nachbarn. Aber wenn wir ihr gesagt haben "Du kriegst jetzt die Goldene Kamera oder einen Bambi, wir fliegen dich nach Berlin", dann hat sie das sehr genossen.“

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Längst sind all ihre Romanvorlagen verwertet worden, so dass nur noch die zweiseitigen Liebesgeschichten übrig sind, die sie als junge Frau für Illustrierte verfasst hat. Deutschen Autoren kommt die Aufgabe zu, das schmale Handlungsgerüst auszuschmücken. Sicher nicht einfach, denn alles muss so sein, wie die Fans es erwarten.

Pilcher-Kosmos wird diverser

Im Laufe von fast 30 Jahren hat es allerdings einige Nachjustierungen gegeben. Früher drehte sich die Handlung um zwei Paare, jetzt sind es drei. Und ganz vorsichtig wird die Pilcher-Welt diverser. „Wir hatten zum Beispiel mal einen schwulen Fußballer“, sagt Smeaton. „Aus meinem Blickwinkel ist das modern, man könnte fast sagen, meinungsbildend. Denn allzu viele Fußballer haben sich noch nicht geoutet.“

Das Team betreibt ein eigenes Büro in Cornwall und unterhält Kontakt zu zahlreichen Einheimischen, vorzugsweise spätfeudalen Immobilienbesitzern. Einer von ihnen ist Peter Prideaux, Inhaber von Prideaux Place mit 82 Schlafzimmern, von denen aber nur noch etwa 20 genutzt werden. Das Herrenhaus aus der Zeit von William Shakespeare gehört sozusagen zum festen Ensemble. Weil man sich so gut kennt, ist es inzwischen der bevorzugte Ausweichort, wenn es mal wieder dermaßen schüttet, dass an einen Außendreh nicht zu denken ist. „Peter freut sich, denn er hat ein gut gehendes Geschäft daraus gemacht.“ Er verkauft Pilcher-Accessoires an deutsche Touristen, die im Sommer täglich in fünf Reisebus-Ladungen bei ihm einfallen.

Pilcher-Produktionen wird es auch weiterhin geben. Der Brexit macht alles zwar komplizierter durch den bürokratischen Aufwand, und die Corona-Pandemie hat die Hotelpreise in die Höhe getrieben. Aber eine wirkliche Gefahr ist das nicht. „Ich persönlich hoffe, dass die Pilcher-Filme mich überleben werden“, sagt Michael Smeaton. „Das wäre eine schöne Sache. Doch, wirklich.“

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RND/dpa

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