Sind Sie bereits Abonnent? Hier anmelden

Absolut beste Freunde: Der Animationsfilm „Ron läuft schief“ erzählt vom guten Roboter

Kleiner Kerl von überragender Loyalität: B-Bot Ron auf der Suche nach Freunden für Barney: Szene aus dem Animationsfilm „Ron läuft schief“.

Louie wurde in den Weltraum gerissen, als er den Menschen an Bord der Valley Forge helfen wollte, wie es seine Art, respektive sein Programm war. Und einen Moment lang hielten seine Mitroboter Dewey und Huey inne, so als ob sie die Absenz des Dritten mit etwas erfüllte, das einem solchen Kunstwesen aus Metall und Drähten eigentlich fremd sein müsste – Trauer. Als am Ende von Douglas Trumbulls Öko-Sci-Fi-Drama „Lautlos im Weltraum“ (1971) dann nur noch Dewey als einsamer Gärtner in den Treibhäusern mit den letzten Pflanzen der Erde unterwegs war, überzog den Zuschauer eine tiefe Zuneigung zu dem Blechkasten. Die Maschine hatte unser ganzes Mitgefühl und unseren tiefen Respekt.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von YouTube, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Der Nettbot taucht immer wieder im fantastischen Kino und Fernsehen auf. Seine Präsenz reicht vom Zinnmann aus „Das zauberhafte Land“ (1939), der vom Zauberer von Oz gerne ein Herz gehabt hätte, bis zu Data, dem Androiden aus der Serie „Raumschiff Enterprise: Das nächste Jahrhundert“ (1987–1994), der sich Zeit seiner Existenz bemühte, das Menschliche zu verstehen, dem Zuschauer dabei oft menschlicher erschien als seine Mitraumfahrer aus Fleisch und Blut und der schließlich schaffte, was eigentlich unmöglich sein müsste: eines Freundes Freund zu sein.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Die Maschine rührt an, ob sie nun – wie in Steven Spielbergs „A. I. – Künstliche Intelligenz“ (2001) – ein Kind ist, das sich endlich geborgen fühlen möchte oder, wie in Andrew Stantons „Wall-E“ (2008) als letzter Müllbot die geschundene, von allen unguten Menschen verlassene Erde aufräumt und sich schließlich in die schneeweiße Roboschönheit Eve verliebt. Die letzte Szene aus „Finch“ (2021), Miguel Sapochniks Endzeitdrama mit Tom Hanks, zeigt den Robot Jeff, der zum neuen Herrchen des Hundes Goodyear geworden ist. Ein guter Kerl, was im Grunde auch für den wehrhaften Replikanten Roy Batty gilt, der seinem Jäger, dem „Blade Runner“ (1982), das Leben rettet.

Im Advent 2021 gesellt sich all diesen interessanten Kunstwesen nun Ron hinzu, eine riesige Pille mit Rädern dran, die allen Kindern (empfohlen ab sechs Jahren) das Warten aufs Christkind erleichtern und zugleich eine unterhaltsame Lehrstunde in Sachen Image, Konformität, Konsum und Kontrolle geben will.

Ron ist ein B-Bot und diese kleinen „Kerlchen“, die aussehen wie der Dotter eines Überraschungseis (in Weiß) sind der letzte Schrei aus dem Tech-Konzern Bubble. Mit großem Brimborium als „Zukunft der Freundschaft“ präsentiert, soll der B-Bot Kinder miteinander verbinden. Er ist ein Smartphone, das man reiten kann wie ein Skateboard oder ein Pony und das überwältigende holografische Spielumgebungen zu erschaffen vermag.

Du bist nichts, wenn du keinen B-Bot hast

Alle Kinder wollen ab sofort die digitalen Alleskönner, und bald hat jede Schülerin und jeder Schüler mit einigermaßen wohlhabenden Eltern einen B-Bot an ihrer/seiner Seite, wie die Menschen in der Fantasyserie „His Dark Materials“ ihre veräußerlichten Seelen in Tiergestalt neben sich laufen haben. Du bist nichts ohne B-Bot – jedenfalls in der Welt von Barney, dem jugendlichen Helden von „Ron läuft schief“.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Im ersten Animationsfilm aus dem Haus 20th Century Fox seit dem Ende der Blue Sky Studios („Ice Age“, „Rio“), zudem dem ersten Streifen der Londoner Firma Lockdown Animation, ist Barney Pudowski der traurige Junge, der nicht dazugehört. Seine wenig empathischen Mitschülerinnen und Mitschüler nennen ihn abschätzig „Barn“ (Scheune), schließlich gibt’s bei ihm zuhause noch Hühner und Ziegen, und machen sich über sein Hobby Gesteinskunde lustig, vor allem aber darüber, dass er als einziger Schüler an der Nonsuch Middle School kein solches Robot-Ei besitzt.

Roboterchen Ron ist freier als die anderen „best friends“ aus der Schachtel

Wir lernen Barney an seinem Geburtstag kennen, an dem ihm sein Vater, ein schrulliger Erfinder nutzlosen Krimskrams, ein Geologieset schenkt und sein osteuropäisches Großmütterchen Donka eine Party vorbereitet hat, zu der niemand kommen wird. Langsam dämmert den Altvorderen, dass ein B-Bot Barneys Eintrittskarte in die Schülergemeinschaft wäre. Sie kaufen ihm für einen Unterderhandpreis einen, der einem Bubble-Fahrer von der Ladefläche seines Lieferwagens gepurzelt ist.

Robot Ron läuft nach dem unglücklichen Sturz aber leider schief. Zwar will auch er eines Kindes „best friend out of the box“ sein, aber da nicht nur sein Alphabet sondern auch seine Sicherheitseinstellungen durcheinandergeraten sind, versteht er unter Freundschaft auch die Verteidigung seines Besitzers unter allen Umständen und entgegen den Gewalt unmöglich machenden Robotgesetzen Isaac Asimovs. Ron gibt Barneys spottseligen Altersgenossen Saures und er ohrfeigt in der Zentrale von Bubble sogar einen Polizisten.

Auch die Philanthropen von Bubble treibt das Gewinnstreben an

Damit schadet er dem Unternehmen, das soeben seine 100-millionste verkaufte B-Bot-Einheit feiert. Firmenchef Andrew Morris veranstaltet medienwirksame Präsentationsshows, mit salbungsvollem Blabla gewürztes Konsumtheater, das an ähnlich dramatische Veranstaltungen im wahren Leben erinnert (eine noch gelungenere Parodie dieser High-Tech-Showmaster findet sich in Andy McKays an Heiligabend bei Netflix anlaufender Sci-Fi-Satire „Don’t Look Up!“).

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Während Morris’ jungenhafter CEO Marc Weidell noch vom Ideal einer wahren Freundmaschine träumt, verrät der Oberboss hinter den Kulissen sein wahres Trachten: „Wir haben dem Schlaf ein Ende gesetzt“, freut er sich, schwärmt vom grenzenlosen Datensammeln und sorgt sich um den Imageverlust, den der defekte Bot zu verursachen droht. „Ich könnte nicht damit leben“, seufzt Morris, „den Aktienkurs nicht vor dem Absturz bewahrt zu haben.“ Der Philanthropendarsteller will die Gefolgschaft des Eis retten. Eine Geld- und Datenkrake, deren letzter Satz im Film „Ich hasse Kinder“ lautet.

Alles läuft ab, wie Animationsfilme – speziell in der Weihnachtszeit – immer laufen müssen. Barney rettet seinen Robot vor dem Zugriff des Konzerns, der die funktionsgestörte Einheit unbedingt vernichten will. Der Mensch lehrt die Maschine alsdann anhand eines ziemlich komplizierten Handzetteldiagramms, was Freundschaft wirklich bedeutet („Ein Freund mag dich so, wie du bist“, „Niemand wird gehauen“, et cetera). Und so befinden sich alsbald zwei absolut beste Freunde auf der Flucht vor dem Zugriff derer, die die Kinder der Welt um wahre Freundschaft betrogen haben. Keine Frage, dass die gehässigen und die oberflächlichen Teenager bald schon – manche zu einem hohen Preis – aus der Massenhypnose erwachen. Alle wollen jetzt einen „freien Bot“ wie Ron.

Märchenhaft ist dieses Plädoyer für das Individuum und das Individuelle – aber auch ziemlich anarchisch. Bis die Befreiung der B-Bots gelingt, gibt es noch einiges recht unterhaltsames Hin und Her bis hin zu einem nervenaufreibenden Showdown und einem Schlussbild, das möglicherweise nicht jedermann gefällt. Denn Rons Rettung vor dem Bubble-Shredder verdankt sich dem (ebenfalls schwer diskutablen) Freundschaftsgewese der – oft gar nicht sozialen – sozialen Medien. Und dann ist Ron plötzlich überall.

Und leider auch nirgends.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

„Ron läuft schief“, 106 Minuten, Regie: Sarah Smith, Jean-Philippe Vine, (ab 15. Dezember bei Disney+)

Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Verwandte Themen