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Regisseur Andres Veiel zu Drama über Klimakrise: „Es ist höchste Zeit“

  • Im ARD-Science-Fiction-Drama „Ökozid“ erzählt der preisgekrönte Regisseur Andres Veiel von der Klimakrise.
  • 31 Staaten verklagen in dem Film Deutschland, weil es sie durch unterlassene Schutzmaßnahmen in die Klimakatastrophe getrieben hat.
  • Im RND-Interview spricht der Regisseur über das besondere Projekt.
Jan Freitag
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Andres Veiel (61) gilt als einer der profiliertesten Regisseure einer politisch engagierten Filmkunst in Deutschland. Zu den bekanntesten Arbeiten des gebürtigen Stuttgarters gehören die Dokus „Black Box BRD“ und „Die Spielwütigen“ sowie der die RAF-Vorgeschichte erzählende Spielfilm „Wer, wenn nicht wir“. Der Film „Ökozid“ (Mittwoch, 18. November, 20.15 Uhr, ARD) spielt im Jahr 2034, wo der Klimawandel die Welt komplett verändert hat. In den Hauptrollen sind Nina Kunzendorf und Ulrich Tukur zu sehen. Im RND-Interview spricht der Regisseur über seine Arbeit.

Im Gerichtsdrama „Ökozid“ verklagen 31 Staaten Deutschland, weil es sie durch unterlassene Schutzmaßnahmen in die Klimakatastrophe getrieben hat. Ist das eine Dystopie oder bloße Zustandsbeschreibung?

Es ist vor allem eine Reise in die eigene Fassungslosigkeit. Bei der Recherche haben wir gelernt, was die Bundesrepublik trotz besseren Wissens auf nahezu jedem Sektor unterlassen hat, um den Klimawandel zumindest zu verlangsamen. Weil ich vom Dokumentarfilm komme, war es uns wichtig, das Drama nicht nur unterhaltsam zu machen, sondern durch akribische Nachforschungen mit Fakten zu unterfüttern.

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Wie kommt man als Filmemacher damit klar, bei der Recherche zu bemerken, dass wir unsere Chancen eigentlich bereits verspielt haben, die Katastrophe noch abzuwenden?

Indem man sich, wie ich es tue, vor Augen hält, dass es eben noch nicht zu spät ist, aber höchste Zeit. Unser Blick in die Zukunft setzt daher kein dystopisches, sondern ein forderndes Ausrufezeichen, jetzt endlich Ernst zu machen mit dem Klimaschutz und verbliebene Gestaltungsspielräume zu nutzen.

Die Klage des Films ist also keine moralische?

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Nein, wir prangern die Situation vor allem ökonomisch an. Deutschland hat es ja nachweislich versäumt, in den postfossilen Schlüsseltechnologien führend zu sein, und weiter auf Verbrennung gesetzt. Diese bitteren Fehler rächen sich schon heute, lassen sich aber korrigieren. Und zwar nicht nur für den Wohlstand, sondern für globale Gerechtigkeit all denen gegenüber, die am wenigsten emittieren, aber am meisten leiden.

Womit wir zurück im Gerichtssaal von „Ökozid“ wären.

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Genau, auch wenn die Zukunft darin düster wirkt. Stichtag heute liegt sie ja noch vor uns, und für mich als Autor und Regisseur war es da ein guter Weg, Gerichte als Regulative politischen Fehlverhaltens zu nutzen, mehr noch: nachzuweisen, dass die Politik Maßnahmen zum Klimaschutz entgegen nationaler Gesetze und internationaler Verträge aktiv verhindert hat.

Haben Sie entgegen Ihrer Gewohnheit das Stilmittel der Fiktion gewählt, um sich hoffnungsvollere Optionen offenzuhalten, weil die reine Doku zu pessimistisch klänge?

Science-Fiction sorgt da auf jeden Fall für große Freiheiten. Außerdem dreht sich die Welt gerade so schnell, dass ein Blick aus der Gegenwart vom Wesentlichen ablenken würde.

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Sind Sie als Bürger eines Landes, dessen Ressourcenhunger drei Erden bräuchte, Teil des Problems oder der Lösung?

Natürlich war ich bei aller Lösungsorientierung Teil des Problems – schon, weil ich ständig auf Festivals geflogen bin, zu Dreharbeiten. Darum habe ich entschieden, Teil der Lösung zu sein, habe kein Auto und fahre wenn möglich Zug. Wenn es nicht beim Einzelnen anfängt – wo denn bitte dann? Der Zeigefinger muss auch in die eigene Richtung deuten.

Rührt daher auch Ihr berufliches Interesse an den Extremen unserer Zivilisation?

Ja, denn dort ist der Erkenntnisgewinn größer als im Normalen. Es geht aber nie darum, Menschen unterkomplex vorzuwerfen, was sie Extremes tun, sondern die Mechanismen dahinter von Kompromisszwang über Opportunismus bis Egoismus zu erkennen. Was diesen Film betrifft, zeigt sich der Handlungsdruck am ehesten durch den Blick aufs Extrem.

Hat Ihr Abarbeiten am Extremismus, der sich auch in Ihren RAF-Filmen zeigt, etwas mit dem größtmöglichen Kontrast zu Ihrer bodenständig-schwäbischen Herkunft zu tun?

(lacht) Da könnte was dran sein. Ich bin in einer heilen Umgebung mit gepflasterten Einfahrten und akkurat gestutzten Ligusterhecken aufgewachsen, hinter denen die historische Gewalt ein verdrängtes Thema bleibt. Mein Großvater war General im Russland-Feldzug, mein Vater Offizier, auch mütterlicherseits finden sich Spuren. Da stellt sich die Frage, wie man sich damit auseinandersetzt. Ich habe immer die eigene Verantwortung gesehen, als Aufklärer Dinge ans Licht zu bringen.

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